"Sag' mir, wo du stehst!"

von Rainer Zitelmann4.10.2019Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Kann man den Klimawandel als ernstes Problem betrachten und trotzdem genervt sein von der allgegenwärtigen Klimapropaganda?

Die Anhänger der Gretabewegung wollen uns einreden, entweder teile man ihre Panik oder man sei im Zweifel ein gefährlicher “Klimaleugner”. Dazwischen gibt es nichts. Wirklich nicht? Viele Menschen sind zunehmend genervt von den Weltuntergangspropheten, obwohl sie die Probleme des Klimawandels ernst nehmen. Was sie nervt, ist die Dauerpropaganda, der sich kein Fernsehzuschauer und Zeitungsleser mehr entziehen kann. Jedes ungewöhnlich erscheinende Wetterereignis, ob nun besondere Hitze, Starkregen oder Sturm wird reflexartig als Beleg für die bevorstehende Apokalypse gewertet. Jemand wie der Kabarettist Dieter Nuhr – der selbst zu den Mitbegründern der Grünen gehörte – löst bei Anhängern der Klimabewegung einen Sturm der Empörung aus, weil er es sich wagt, humorvoll Kritik an Greta Thunberg vorzubringen.

 

“Sag’ mir, wo du stehst!”

Es herrscht eine Stimmung, die an das Lied aus der DDR “Sag’ mir, wo du stehst!” erinnert: So wie seinerzeit jeder einen “festen Klassenstandpunkt” vertreten musste, so muss heute jeder eine klare, eindeutige Meinung zu einem komplizierten Thema wie dem “Klimawandel” haben. Begründung: 99 Prozent der Wissenschaftler hätten hierzu die gleiche Meinung – eine Zahl, die übrigens nicht belegt ist. Aber es genügt nicht einmal, den Klimawandel als ernstes Problem zu sehen und die Ansicht zu vertreten, er sei ganz oder überwiegend von Menschen gemacht. Die von Greta Thunberg angeführte Bewegung verlangt mehr: Wir sollen alle in Panik verfallen.

In der Zuwanderungsdebatte wurde von Vertretern der gleichen politischen Richtung stets gemahnt, Angst sei kein guter Ratgeber in der Politik. Jetzt ist Panik auf einmal Bürgerpflicht.

Panik und Massenhysterie haben jedoch in der Geschichte noch niemals etwas Positives bewegt, aber dafür viel Schlimmes. Zuerst verhindern sie eine rationale Diskussion. Andersdenkende werden nicht als Diskussionspartner gesehen, sondern als Ungläubige. Rationale Lösungen hat man von Greta Thunberg und ihren Anhängern noch nicht gehört. Die zentrale Forderung lautet, dass die Wirtschaft nicht mehr wachsen dürfe. Der Kapitalismus soll abgeschafft werden, so meinen viele Anhänger der Bewegung, weil er für den Klimawandel verantwortlich sei. Tatsächlich haben Kapitalismus und Wirtschaftswachstum dafür gesorgt, dass in den letzten Jahrzehnten weltweit mehr als eine Milliarde Menschen bitterer Armut entkommen sind. Die Probleme von Hunger und Armut werden jedoch von den Vertretern einer extrem Europa- und Amerika-zentrischen Bewegung, systematisch verdrängt. Wenn die Welt bald untergeht, sind alle anderen Probleme – so etwa Hunger und Armut – bedeutungslos.

Über rationale Wege, wie dem Klimawandel beigekommen werden kann, findet man keine sinnvollen Diskussionsbeiträge von dieser Bewegung. Greta Thunberg hatte einmal die Frage gestellt, ob Kernkraft nicht doch eine Lösung sein könnte, doch die empörten Reaktionen ihren Anhänger brachten sie schnell zum verstummen.

Vermutlich bewirkt die allgegenwärtige Klimapropaganda bei vielen kritischen, selbstständig denkenden Menschen bald genau das Gegenteil des Intendierten. Störend wirken die Allgegenwärtigkeit und Aufdringlichkeit der Propaganda, störend wirkt die Unduldsamkeit gegen die “Nicht-Gläubigen”, störend wirken die aufgeladene Emotionalität, der moralische Rigorismus und die fehlende Rationalität. All dies sind Merkmale von totalitären Bewegungen und politischen Religionen, die in der Geschichte viel Unheil über die Menschen gebracht haben.

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