Opportunismus und Naivität deutscher Manager – und die Folgen

Rainer Zitelmann13.01.2020Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Das Problem in Deutschland sind nicht linksgrüne Ideologen, sondern opportunistische und naive Manager, die sich an den Zeitgeist anbiedern.

Schon lange fällt hier besonders Siemens-Chef Joe Kaeser auf, der sich abwechselnd für eine Maschinensteuer oder für eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes einsetzt und besonders laut das grüne Lied der Nachhaltigkeit singt. Ist es nicht unfair, dass sich die Grünen, Greta Thunberg und „Fridays for Future“ mit vereinten Kräften jetzt ausgerechnet auf einen so „aufgeklärten“ Manager einschießen? Nein, es ist logisch. Denn sie haben Kaesers Einlassungen als das erkannt, was sie sind: Als Ausdruck von Schwäche. Und sie suchen sich den schwächsten Gegner aus, bei dem sie am ehesten damit rechnen dürfen, dass er umfallen wird, wenn sie sich gemeinsam auf ihn einschießen. Da bietet sich Joe Kaeser an.

Es ist schon absurd, dass er sich mit Luisa Neubauer von „Fridays for Future“ trifft, um sich von ihr erklären zu lassen, wo Siemens investieren darf und wo nicht. Am Morgen des Treffens hatte ich auf Facebook gepostet, dass Kaeser ihr heute wohl einen Aufsichtsratsposten anbieten wird. Am Nachmittag konnte ich dann lesen, dass genau dies geschehen ist. Kaesers Begründung: Er habe Neubauer auch deshalb einen Sitz in einem Aufsichtsratsgremium angeboten, weil er nicht wolle, dass „lauter alte, weiße, deutsche Männer“ in diesen Gremien säßen. Die Anbiederung erfolgt auch in der Sprache, in dem noch die absurdesten Ausdrücke aus dem linksgrünen Vokabular übernommen werden. Neubauer zeigte ihm die kalte Schulter. Für Aufsichtsratssitzungen habe sie keine Zeit – sie muss ja schließlich die Welt retten.

„Automobilindustrie muss sich ganz klar gegen das Auto positionieren“

Kaeser ist kein Einzelfall. Vor einigen Monaten traf sich VW-Chef Herbert Diess mit einer der Anführerinnen der Anti-Autobewegung, die sich selbst „Tina Velo“ nennt, zu einem Gedankenaustausch. Danach gab „Tina Velo“ ein Interview in n-tv, wo sie gefragt wurde, ob sie sich künftige Gespräche oder eine Kooperation vorstellen könne. Sie sagte, Gespräche könne es erst dann geben, wenn sich die Automobilindustrie „wirklich ganz klar gegen das Auto positioniert“. Das habe Diess jedoch versäumt. Ein Satz, der ebenso sinnvoll ist, wie wenn sie gesagt hätte, man könne mit Bäckermeistern erst dann sprechen, wenn diese sich „ganz klar gegen Brot und Brötchen positionieren“. Warum sagt ein Manager nicht einfach, dass das Schwachsinn ist?

Was treibt Manager, sich mit Personen wie „Tina Velo“ oder Luisa Neubauer zu treffen? Sie finden sich ungeheuer aufgeklärt und bilden sich vielleicht ein, man könne sie in einem rationalen Dialog überzeugen oder ihnen klar machen, dass die Industrie sich ja auf Anordnung von Angela Merkel schon im grünen Umbau befindet. Ebenso gut könnte man hoffen, „Wachturm“-Verkäufer im rationalen Dialog davon zu überzeugen, dass die Lehren der „Zeugen Jehovas“ falsch sind.

Linke fühlen sich bestärkt

Ein anderes Beispiel: In Berlin wollen radikale Linke einen Volksentscheid zur Enteignung von Wohnungskonzernen initiieren. Unterstützt werden sie dabei von der Bausenatorin Katrin Lompscher, seit 1981 SED-Mitglied. Hauptgegner ist das Unternehmen Deutsche Wohnen. Und wie reagierte das Unternehmen?

Opportunistisch erklärte die Deutsche Wohnen, man werde gesetzlich mögliche Mieterhöhungen nicht durchsetzen und versprach weitgehende Zugeständnisse an die linken Kritiker. Die Naivität mancher Unternehmen ist unbegrenzt, wenn sie glauben, dass eine solche Appeasementpolitik dazu beiträgt, ihre Gegner zu beschwichtigen. Einen Tag, nachdem die „Deutsche Wohnen“ ihr anbiederndes Statement veröffentlicht hatte, schrieb das „Neue Deutschland“, das ehemalige Zentralorgan der SED: „Der Fall Deutsche Wohnen zeigt zudem, dass die stadtpolitische Debatte Wirkung zeigt. Der Mietendeckel und das Volksbegehren ‚Deutsche Wohnen & Co. Enteignen’ haben für den nötigen Druck gesorgt. Die politische Lehre ist: Widerstand zahlt sich aus, wenn Senat und außerparlamentarische Bewegung zusammen handeln.”

Und wenn Siemens jetzt einknicken sollte, werden das die sogenannten „Aktivisten“ genau so bewerten: Als Beleg dafür, dass ihre Strategie aufgeht und man die schwächsten Unternehmen am schärfsten attackieren sollte, da zu erwarten ist, dass diese unter dem Druck beigeben.

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