„Wie reich darf mein sein?“

Rainer Zitelmann22.10.2019Medien, Politik, Wirtschaft

In Deutschland geraten Reiche immer stärker ins Visier – die ganze Politik der SPD beschränkt sich inzwischen fast ausschließlich darauf, Ressentiments gegen „Reiche“ und „Superreiche“ zu schüren.

Zunehmend fühlen sich auch Sozial- und Geisteswissenschaftler berufen, zu erklären, warum Reiche ein Problem für unsere Gesellschaft seien.

Nach seinem Buch „Reichtum als moralisches Problem“  legt der Dortmunder Philosophie-Professor Christian Neuhäuser nun ein weiteres Büchlein vor, in dem er sich mit Reichtum und mit den Reichen auseinandersetzt.

Reiche haben ihren Reichtum „nicht verdient“

Neuhäuser mag die Reichen nicht. Es sei „unmittelbar einsichtig, dass die reichsten Menschen sich ihren Reichtum gar nicht durch Arbeit verdient haben können“. Warum nicht? „Wie sollte ein Mensch allein auch so viel arbeiten können, dass er mehr als zehntausend so viel verdient wie ein anderer Mensch?“ (S. 24) Nun, das ist typisches Angestelltendenken: Danach richtet sich die Höhe des Verdienstes nach der Zahl der geleisteten Arbeitsstunden bzw. sollte sich danach richten. Das ist jedoch offenbar absurd: Denn natürlich ist Bill Gates nicht deshalb so viel reicher als einer seiner Angestellten, weil er zehntausendmal so lang arbeitet, sondern deshalb, weil er unternehmerische Ideen hatte und erfolgreich umsetzte, die seine Angestellten eben nicht hatten.

Das Vermögen, das die reichsten Menschen besitzen, ist ganz überwiegend in Unternehmen investiert. Das weiß auch Neuhäuser. Doch was ihm nicht gefällt: Die Reichen haben „noch immer ziemlich viel übrig, das sie für alle möglichen Dinge ausgeben können. Sie kaufen sich maßangefertigte Yachten oder berühmte Gemälde, riesige Villen oder traumhafte Juwelen, schnelle Rennautos oder erlesene Weine. Meistens kaufen sie sich alle diese Sachen gleichzeitig.“ (S. 25) Wie viele Superreiche kennt der Dortmunder Philosoph eigentlich? Das habe ich mich beim Lesen dieser Zeilen gefragt.

Jedenfalls will er darüber entscheiden, wie viel Reichtum in Ordnung ist und wie viel nicht. „Meiner Meinung nach sollte man die Grenze für Reichtum und Superreichtum lieber nicht zu hoch ansetzen“ (S.26), betont er. Reich ist für ihn derjenige, „der deutlich mehr Geld hat, als man für die Umsetzung einer vernünftigen Vorstellung vom gelingenden Leben zur Verfügung haben muss. Damit können Vorstellungen ausgeschlossen werden, die extravagant sind.“ (S.30) Was vernünftig ist und was extravagant ist, bestimmt der Philosoph aus Dortmund. Vermutlich ist die Grenze zwischen „vernünftiger“ und „extravaganter“ Lebensgestaltung ziemlich genau bei dem eigenen Lebensstandard des Autors angesetzt.

Reichtum der Superreichen ist immer „ungerecht“

Bei der Frage, ob Reichtum „gerecht“ sein könne oder nicht, kommt er wieder auf seine oben erwähnte Angestelltenvorstellung von Geld als Kompensation für Zeiteinsatz zurück. Reichtum könne nur dann gerechtfertigt sein, wenn er auf eigener Arbeit beruhe. „Das schließt den Reichtum der Superreichen eigentlich immer als ungerecht aus, weil er nie wirklich auf eigener Leistung beruht, ja: gar nicht beruhen kann.“ (S.36) Neuhäuser versteht nicht, dass sehr hohe Vermögen und Einkommen nicht die Belohnung für viele und harte Arbeitsstunden sind, sondern für gute unternehmerische Ideen oder seltene Talente. Daher seine Folgerung: „Nein, ich bin vielmehr der Meinung dass die Reichen ihren Reichtum nie verdient haben. Denn Reichtum beruht niemals ausschließlich auf eigener Leistung.“ (S.52)

Unausgesprochen steht dahinter folgende Vorstellung: Der Arbeiter, der in China das Iphone zusammenschraubt, vollbringt demnach eine echte Leistung, während Steve Jobs, der es sich ausgedacht und unternehmerisch umgesetzt hat, keine wirkliche Leistung erbracht hat oder zumindest keine größere Leistung als der Arbeiter in China, der es zusammenschraubt.

So wie alle Reichenkritiker tut er die Leistung der Unternehmer mit reinem Glück ab (S.53). Talente, Beziehungen, die Möglichkeit eine gute Ausbildung zu genießen – all das ist pures „Glück“, und daher sei der Reichtum der Reichen nicht gerechtfertigt, weil er eben auf Glück und nicht auf Leistung beruhe.

Das Recht auf Privateigentum bleibt – nur für Reiche gilt es nicht

Reichtum sei auch kritikwürdig, weil er zu Macht führe. So könnten reiche Staaten beispielsweise ihre wirtschaftliche Hilfe für arme Staaten an bestimmte politische Auflagen koppeln (S. 41) – für Neuhäuser ein Zeichen schreiender Ungerechtigkeit. Schließlich ist da noch die „Würde“, ein Lieblingsthema des Philosophen. Seine These: „Großer Geldreichtum steht der gleichen Würde aller Menschen entgegen“ (S. 48). Reichtum müsse daher „eingeschränkt werden, um die Würde anderer zu schützen“ (S.49). Den Einwand, dies sei mit Marktwirtschaft und Privateigentum schwer zu vereinen, lässt er nicht gelten. Begründung: „Denn unterhalb der Grenze, ab der jemand reich ist, haben alle Menschen ein Recht auf Privateigentum.“ (S. 50) Beruhigend? Alle Menschen haben das Recht auf privates Eigentum – nur die Reichen eben nicht.

Neid wird „wegdefiniert“

Vertreter einer Neidphilosophie – und zu diesen gehört Neuhäuser – streiten die Existenz von Neid rundweg ab. Der Trick von Neuhäuser ist eine unsinnige Definition von Neid: „Eine Person ist dem üblichen Verständnis nach dann neidisch, wenn sie nur etwas aus dem Grund haben will, weil eine andere Person das auch hat.“ (S.62). Da es aber immer andere Gründe gibt, warum man etwas besitzen möchte (z.B. die Schönheit oder Nützlichkeit eines Produktes oder auch das Gefühl von „Gerechtigkeit“, S. 64) gibt es Neid aus Sicht von Neuhäuser nur sehr selten, eigentlich fast nie.

Seine Definition des Neides ist allerdings abwegig und ich habe noch keinen Neidforscher gefunden, der diese Definition teilen würde. Mir ist jedoch schon in Neuhäusers Buch über „Reichtum als moralisches Problem“ aufgefallen, dass er die Ergebnisse der sehr umfangreichen wissenschaftlichen Neidforschung aus den USA gar nicht kennt.

Neid ist nicht, wie Neuhäuser behauptet, wenn jemand etwas nur deshalb begehrt, weil ein anderer es hat. Neid ist, wenn jemand Befriedigung daraus bezieht, dass einem anderen etwas genommen wird bzw. es einem anderen schlechter geht, und zwar auch dann, wenn er selbst gar keinen Vorteil daraus zieht.

Während es Neid nach Neuhäuser nur sehr selten gibt, ist „Gier“ sehr weit verbreitet. „Während ich den Neidvorwurf für überzogen halte, scheint mir der Vorwurf, gierig zu sein, tatsächlich einen wichtigen Punkt zu treffen.“ (S.66). Wir alle seien gierig, ganz besonders natürlich die Reichen. „Der Unterschied zwischen Neid und Gier liegt jedoch vor allem darin, dass wir in einer Kultur der Gier, nicht aber in seiner Neidkultur leben.“ (S.71) Die „Grundstruktur unserer Gesellschaft“ (man ahnt es schon: der böse Kapitalismus) ist „auf Gier abgestellt“. „Deswegen ist auf dieser strukturellen Ebene der Vorwurf, gierig zu sein, angemessen, der Neidvorwurf hingegen ist es nicht.“ (S. 71)

Eine Diskussion, die ich auf Einladung der FDP mit Professor Neuhäuser im Deutschen Bundestag hatte, können Sie hier sehen:

 

 

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