ZEIT schlägt BILD

Rainer Zitelmann15.05.2019Gesellschaft & Kultur, Medien

Die Diskussion über Verena Bahlsen geht weiter – mit einem unsäglichen Kommentar in BILD und einem differenziert argumentierenden Kommentar in der ZEIT.

Dass das, was Verena Bahlsen über Zwangsarbeiter im Zweiten Weltkrieg sagte, falsch war und kritisiert werden muss, ist unbestritten. Doch darum ging die Diskussion anfangs gar nicht. Und sie geht auch jetzt nicht mehr primär darum – denn darüber gibt es nichts zu diskutieren.

BILD: „Vermögen verprassen, egoistisches Profitstreben“

Die BILD-Zeitung, die schon mehrere Artikel zum Thema veröffentlicht hat, macht eine allgemeine Diskussion über Erben daraus. Unter einem großen Bild von Verena Bahlsen schreibt der Kommentator: „Man sollte sich dafür schämen, wenn einem als reicher und damit privilegierter Erbe nichts anderes einfällt, als das Vermögen zu verprassen oder durch egoistisches Profit-Streben nur noch MEHR Geld scheffeln zu wollen.”

Was will uns BILD damit sagen? „Verprasst“ Verena Bahlsen das Vermögen mit “egoistischem Profitstreben”? Nein, sie hat eine Firma (Hermann’s) gegründet, die sich mit gesünderen Lebensmitteln befasst. Und was heißt “egoistisches Profitstreben”? Unternehmen, die keine Profite machen, sind die unsozialisten, weil sie damit die Existenz ihrer Mitarbeiter aufs Spiel setzen. Wenn Verena Bahlsen nicht gemeint sein sollte (obwohl ihr Foto über dem Kommentar prangt) – wer denn dann? Was soll diese Anklage gegen „man“ – ohne Ross und Reiter zu nennen? Es gibt unzählige Familienunternehmen in Deutschland, die zum Glück Profite machen. Der Arbeitgeber des BILD-Kommentators, der Axel Springer Verlag, ist eines davon. Es gehört einer reichen Erbin. Und macht zum Glück Profite.

In einem anderen Artikel zitiert BILD als vorbildlich solche Erben, die politisch korrekte und wohlklingende PR-Statements über Ethik und Verantwortung absondern oder erklären: „Ich fände es in Ordnung, wenn Erben mit 100 Prozent besteuert würden.“ So Paula Schwarz (28), Erbin von Schwarz Pharma.

ZEIT: Verena Bahlsen – „eine angenehme Ausnahme“

Die „ZEIT“ schreibt einen differenzierten Artikel, in dem einerseits die Äußerungen von Bahlsen zur Zwangsarbeit zu Recht scharf kritisiert werden. Andererseits wird sie – ebenfalls zu Recht – als sehr positives Beispiel dafür angeführt, wie Unternehmer und reiche Menschen kommunizieren sollten. In dem Artikel heißt es:

„Verena Bahlsen ist da ein gutes Beispiel: Die 26-Jährige sagt, was sie denkt, ohne lange zu überlegen. Oft wirkt das erfrischend offenherzig – und manchmal verstörend. Sie ist eine junge Erbin und Unternehmerin, die auf einen Schlag mehr mit der Öffentlichkeit teilt als der durchschnittliche Familienunternehmer in einem Leben. Dazu gehören nicht nur geschäftliche Strategien, sondern auch ihre Nöte und Bedenken, Wünsche und Begehren.
Verena Bahlsen aber hat über all dies gesprochen, nachdem ihr Vater sich aus dem Interview bereits verabschiedet hatte, sie hatte keinen Berater dabei und keinen ihrer Mentoren, keinen vorbereiteten Redezettel und keine Pressemappe, kurzum: Sie war allein und ganz sie selbst. Vor dem Gespräch hatte sie keine Bedingungen gestellt. Nur die Frage, ob die Kosten einer Make-up-Artistin übernommen würden. Das geschah zwar nicht, ließ aber erkennen, dass ihr wohl nicht ganz egal ist, wie sie öffentlich wahrgenommen wird. Als ihr das Gespräch zur Freigabe vorgelegt wurde, wie es von Anfang an vereinbart war und bei Wortlaut-Interviews zumeist der Fall ist, hat sie an ihren Äußerungen kaum etwas verändert. Diese Authentizität ist selten in einer Welt, in der Pressesprecher über Zitate wachen und Konzernchefs Interviewtrainings durchlaufen, um für alle beteiligten Interessengruppen optimierte Statements in die Welt zu setzen. Dass sie all dies nicht macht, ist eine angenehme Ausnahme.“

Genau so ist es! In dieser Hinsicht ist Verena Bahlsen eine positive Ausnahme. Ich verstehe die Journalisten nicht, die einerseits platte PR-Phrasen und Wortschaum von Politikern und Unternehmern beklagen, andererseits aber eine junge Frau niedermachen, die genau dies nicht tut. Und – wohlgemerkt – hier geht es nicht um die Äußerungen über Zwangsarbeit, denn die waren weder Ausgangspunkt für die aufgeregte Debatte noch geht sie jetzt darüber. Den Zorn der Sozialneider und der Antikapitalisten hat sie auf sich gezogen, weil sie sich nicht schämt dafür, dass sie vermögend ist, sondern bekannte: „Ich bin Kapitalistin… und da freue ich mich auch drüber.“

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