Die Musik die vielleicht in 20 Jahren spannend sein wird, wurde bereits vor 100 Jahren komponiert. Karl Bartos

Woher kommt die Aufregung um die Bahlsen-Erbin?

Über die Erbin des Keksherstellers Bahlsen, Verena Bahlsen, ist eine große Aufregung entbrannt. Worum geht es und was steckt dahinter?

Kritisiert wird Verena Bahlsen (25) unter anderem wegen Äußerungen über die Situation von Zwangsarbeitern, die für das Unternehmen im Zweiten Weltkrieg arbeiten mussten. Kritikern hielt sie entgegen, Bahlsen habe Zwangsarbeiter genauso bezahlt wie die Deutschen. Zudem hätten Gerichte Klagen abgewiesen, heute lägen keine Forderungen gegen Bahlsen mehr vor. Diese verharmlosenden Äußerungen wurden später zu Recht kritisiert, da lag sie falsch.

Aber das erklärt eben nicht die Aufregung um Bahlsen, denn die ging schon los, bevor sie sich zu diesem Thema geäußert hatte. Auslöser der Empörung waren eben nicht diese Äußerungen zu Zwangsarbeitern, sondern weil sie sich bei ihrer Rede auf der Digitalmarketingkonferenz OMR in Hamburg für den Kapitalismus eingesetzt hatte. Dabei sagte sie: „Ich bin Kapitalistin. Mir gehört ein Viertel von Bahlsen, und da freue ich mich auch drüber. Es soll mir auch weiterhin gehören. Ich will Geld verdienen und mir Segeljachten kaufen von meiner Dividende und so was.“

SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil ereiferte sich gegenüber BILD: „Wer ein so großes Vermögen erbt, erbt auch Verantwortung und sollte nicht so abgehoben auftreten. Es ist kein Wunder, dass Menschen den Glauben an Gerechtigkeit verlieren, wenn Millionenerben über Jachten und nicht über Verantwortung reden.“

Als Reicher kann man es Sozialdemokraten nie Recht machen

Als Reicher kann man es den Sozialdemokraten einfach niemals Recht machen, denn der Grundfehler liegt ja aus deren Sicht überhaupt darin, reich zu sein: Verleugnet ein Reicher seinen Reichtum, so wie das Friedrich Merz tat, als er sich absurderweise wegen seines Millionenvermögens in der BILD-Zeitung rechtfertigen musste, dann ist das falsch. Bekennt sich jemand selbstbewusst dazu, Kapitalist zu sein, dann ist es ebenso falsch.

Lars Klingbeil meint, Bahlsen sei in der Rede „abgehoben“ aufgetreten. Hat er die Rede gesehen? Ich habe sie gesehen, und sie war überhaupt nicht „abgehoben“. Ich fand es gerade erfrischend, dass eine junge Unternehmerin mal nicht abgedroschene PR-Phrasen drischt und Wortschaum über „soziale Verantwortung“ absondert, sondern sich ganz frisch und selbstbewusst dazu bekennt, Kapitalist zu sein. Bravo!

Wer die Rede gesehen hat, sah, dass sie die Bemerkung über die Jachten, die sie sich kaufen wolle, mit einem ironischen Lächeln machte. Später erklärte Bahlsen gegenüber BILD, sie sei noch nie auf einer Segeljacht gewesen und wolle auch keine kaufen. Aber selbst wenn sie eine Jacht kaufen wollte – darf sie das nicht? Ist es nicht sympathisch, wenn sich jemand offen zu seinem Reichtum bekennt – in einer Neidgesellschaft, wo man dies ja ansonsten vermeidet?

Mich hat ihr Spruch „Ich bin Kapitalistin… und da freue ich mich auch drüber“ an den ehemaligen Regierenden Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit erinnert, der bekannte: „Ich bin schwul und das ist auch gut so“. Reiche könnten von anderen Minderheiten lernen und genauso selbstbewusst auftreten.

Erst nach dieser Diskussion über ihr fröhliches Bekenntnis zum Kapitalismus ging ein Shitstorm im Netz los, und da wurde ihr vorgeworfen, dass sie Erbin eines Unternehmens sei, dass – wie tausende andere auch – Zwangsarbeiter im Dritten Reich eingesetzt hat. Hier hat sie falsch reagiert und ihre Äußerungen wurden zu Recht kritisiert. Ich hätte an ihrer Stelle zurückgefragt, ob die Fehler ihrer Vorfahren heute ein Grund sein können, ihr als junger Frau das Recht abzusprechen, selbstbewusste Unternehmerin zu sein.

Ironischerweise gehört sie gerade zu den jungen Leuten, die viel auf „Nachhaltigkeit“ geben und ihre Rede war ein Plädoyer für „nachhaltiges“ Wirtschaften, also insofern ganz im grünen Zeitgeist. Vor zwei Jahren gründete Verena Bahlsen die Berliner Firma Hermann’s, mit der sie Lebensmitteltrends aufspürt und in einer Restaurantküche testen lässt. Damit wolle das Unternehmen Menschen, aber auch Unternehmen eine Umstellung auf besseres Essen ermöglichen. Dieses Essen soll möglichst nicht nur besser für den Menschen, sondern auch für den Planeten sein.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Rainer Zitelmann: ZEIT schlägt BILD

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