Reiche spenden für Notre-Dame – und Häme im Netz

von Rainer Zitelmann20.04.2019Außenpolitik

Keine 24 Stunden, nachdem der Brand in Notre-Dame ausgebrochen war, hatten reiche Franzosen und Unternehmen über 750 Millionen Euro Spenden für den Wiederaufbau zugesagt. Doch im Netz gibt es viel Häme dazu.

Die französische Milliardärsfamilie Pinault erklärte zuerst, sie wolle 100 Millionen Euro für den Wiederaufbau zur Verfügung stellen. Das gab in der Nacht nach dem Brand François-Henri Pinault bekannt, der Chef des Luxusmodekonzerns Kering (Gucci, Saint Laurent, Balenciaga). „Diese Tragödie trifft alle Franzosen“, erklärte die Familie. In solch einer Situation wolle jeder mithelfen, “schnellstmöglich diesem Juwel unseres nationalen Kulturerbes wieder Leben einzuhauchen”.
Am Dienstagmorgen zog dann LVMH (Moët Hennessy – Louis Vuitton) nach: Die Unternehmensgruppe versprach eine Spende von 200 Millionen Euro für den Wiederaufbaufonds. Es folgte die Familie Bettencourt, mit 200 Millionen Euro, der Milliardär Marx Ladreit mit zehn Millionen Euro und der Bauriese Bouygues ebenfalls mit zehn Mio. Euro. Auch der Zusammenschluss der französischen Profifußballclubs versprach finanzielle Unterstützung. Aber auch viele einfache, nicht-reiche Bürger zeigten eine enorme Spendenbereitschaft.

Reichen werden egoistische Motive unterstellt

Ich hatte einen Bericht des „Spiegel“ dazu auf Facebook gepostet – unkommentiert. Hier einige Kommentare von Lesern dazu:

– „Ist schon ok und eine schöne Geste. Aber wenn man 90% der Spende von dem zu versteuernden Einkommen abziehen kann, dann schrumpft die Summe schon ganz schön zusammen. Die Differenz bezahlt der Staat und somit der Steuerzahler….oder liege ich da falsch?“

– „Was sind 100 Millionen im Verhältnis zu der Public Relation ? Peanuts !“

– „Bei allem Wohlwollen den Spendern gegenüber frage ich mich immer, wie die an ihre Milliarden gekommen sind.“

Diese Reaktionen sind typisch. Die meisten Menschen denken so. Während man bei nicht-reichen Menschen Spenden positiv beurteilt, werden sie bei Reichen überwiegend negativ gesehen. Bei einer im vergangenen Jahr durchgeführten repräsentativen Befragung des Allensbacher Institutes für Demoskopie im Rahmen der Studie „Die Gesellschaft und ihre Reichen“ erklärte die Hälfte der Bundesbürger (in Ostdeutschland sogar 57 Prozent), Reiche wollten mit ihren Spenden vor allem sich selbst etwas Gutes tun, also beispielsweise ihr Image aufbessern oder Steuern sparen. Nur 14 Prozent vertraten die Ansicht, die Reichen wollten mit ihren Spenden vor allem anderen etwas Gutes tun. Insbesondere Anhänger der Linkspartei (65 Prozent) und der AfD (58 Prozent) unterstellen reichen Spendern eigennützige Motive. Auch in Frankreich glauben nach dieser Umfrage doppelt so viele Menschen, Reiche wollten mit Spenden vor allem sich selbst etwas Gutes tun als dass sie ihnen zugestehen, anderen etwas Gutes tun zu wollen.

Ist das Motiv wirklich wichtig?

Wäre es also besser, die Milliardäre hätten nicht für den Wiederaufbau gespendet und das Geld anderweitig ausgegeben? Wäre das den Kritikern lieber gewesen? Ich finde, dass die Motive, warum jemand spendet, ziemlich unwichtig sind. Wenn jemand eine gute Tat tut, sollte man diese nicht danach beurteilen, ob er das beispielsweise auch aus Imagegründen tut oder ob andere Motive eine wichtigere Rolle spielen. Man kann aus wunderbaren, altruistischen Gründen spenden, aber das Geld fließt in sinnlose Projekte und man kann umgekehrt aus ganz eigennützigen Gründen spenden und das Geld fließt in sehr hilfreiche Projekte. Ich glaube nicht, dass denjenigen, denen das Geld zugute kommt, der Grund wichtig ist, sondern die Wirkung.

Und die Behauptung, Reiche wollten damit „Steuern sparen“, ist ganz abwegig und zeigt nur, dass derjenige, der das behauptet, nicht rechnen kann. Selbst wenn ich eine Spende von 100 Millionen Euro sogar zu 100 Prozent steuerlich geltend machen könnte, hätte ich am Schluss (bei einem angenommenen Steuersatz von 50 Prozent) immer noch 50 Millionen weniger auf meinem Konto, als wenn ich nicht gespendet hätte. Wäre die Spende steuerlich nicht abzugsfähig, hätte der Spender vermutlich weniger gespendet, weil dieser Effekt ja schon einberechnet wird.
Ja, vermutlich gibt es auch Reiche, die deshalb spenden, weil sie die Erwartung damit verbinden, dass dies die diejenigen etwas besänftigt, die ihnen den Reichtum neiden. Falls ein reicher Spender diese Erwartung hegt, dann ist er indes ziemlich naiv und würde mit Sicherheit enttäuscht, wie die oben zitierten Befragungsergebnisse belegen. Antikapitalisten und Menschen, die keine Reichen mögen, beurteilen niemals einen Reichen nur deshalb günstiger, weil er sich philanthropisch betätigt. Im Gegenteil: Die Kapitalismuskritiker sagen dann: „Es ist undemokratisch, wenn einzelne Reiche entscheiden, in welche Projekte Geld fließt.“ Sie fänden es „demokratischer“, wenn der Staat den Reichen das Geld wegnimmt (durch extrem hohe Steuern), damit am Schluss Politiker und Beamte entscheiden, was damit geschieht.

Diejenigen, die Reiche mit Häme bedenken, wenn sie spenden, sollten darüber nachdenken, ob sie damit nicht einen Beitrag leisten, die Spendenbereitschaft wohlhabender Menschen zu mindern. Denn wer lässt sich für eine gute Tat schon gerne beschimpfen?

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Frau Weidel: Was hat es zu bedeuten, dass ich per Google nur Schweigen der AfD zu dieser Frage vorfinde?

Nach dem Attentat in Halle hat Boris Palmer (Die Grünen) an Alice Weidel (AfD) einen Offenen Brief geschrieben und fragt: "Wäre es nicht notwendig, dass Sie zu dieser Tatsache eine politische Bewertung abgeben? Wie stehen Sie dazu, dass Rassismus und Antisemitismus in Deutschland wieder zu Morden

Der Islam und das linke Weltbild sollen mit allen Mitteln geschützt werden

Montag am frühen Abend im hessischen Limburg: Ein großer LKW steht vor der roten Ampel. Plötzlich reißt ein Mann (ca. 30 Jahre, Vollbart) die Fahrertür auf, starrt den LKW-Führer mit weit geöffneten Augen an. Dann zerrt er ihn mit Gewalt aus seinem Fahrzeug, setzt sich selbst rein und fährt

Beim Kampf gegen Rechts sind dem ZDF alle Mittel recht

Schmierenkomödie beim ZDF. Im Kampf gegen Rechts hatte der Sender Monika Lazar als gewöhnliche Kundin in Szene gesetzt. Sie sollte den Beweis dafür liefern, dass Kunden des Leipziger Bio-Supermarkts hinter der Entscheidung von Biomare-Geschäftsführer und Grünen-Mitglied Malte Reupert stünden,

Fünf Gründe warum die Linkspartei an Geltungskraft verliert

Einst regierte die LINKE den Osten unisono und war als Kümmererpartei allgegenwärtig. Der deutsche Osten der Puls und die Partei seine Herzkammer. Doch die Windrichtung hat sich geändert, die Herzen auch: Die LINKE ist im Abschwung und verliert an Atem, ihr droht der Infarkt, wenn nicht gleich de

Erdogan will die Tore bis Wien öffnen

Trumps wilder Rückzug aus Syrien macht Erdogan den Weg frei für seinen historischen Masterplan: Ein Eroberungsfeldzug zur Wiederherstellung des Osmanischen Reiches. Nicht nur die Kurden sind in Gefahr. Auch Europa droht gewaltiges Ungemach.

„Das Volk gegen seine Vertreter“ lautet Johnsons Devise

Der Mann hat keine Skrupel. Er agiert in einem bemerkenswert polemischen Wahlkampfmodus. Da wird das Florett der Rhetorik beiseitegelegt und zum rostigen Beil gegriffen. Boris Ziel sind Neuwahlen, weil er hofft, dass ihm die Wähler Recht geben und sich gegen ihre Vertreter im Unterhaus wenden werde

Mobile Sliding Menu