Sozialismus – die gescheiterte Idee, die niemals stirbt*

Rainer Zitelmann14.04.2019Politik, Wirtschaft

Warum entfalten sozialistische Ideen wieder eine so große Attraktivität, obwohl ausnahmslos alle sozialistischen Experimente in den vergangenen 100 Jahren gescheitert sind? Das soeben erschienene Buch von Kristian Niemietz „Socialism. The Failed Idea That Never Dies“ gibt überzeugende Antworten.

Was würden Sie zu einer Hausfrau sagen, die einen Kuchen nach einem bestimmten Rezept backt, aber feststellen muss, dass die Gäste sich danach übergeben? Sie backt den Kuchen das nächste Mal wieder nach diesem Rezept, freilich ein wenig modifiziert. Doch das Resultat ist wieder das Gleiche – die Gäste übergeben sich. Die Hausfrau wiederholt dies mehr als zwei Dutzend Mal, wandelt dabei das Rezept zwar immer ein wenig ab, aber in den Grundbestandteilen bleibt es ähnlich, obwohl die Gäste sich jedes Mal übergeben müssen. Natürlich ist so etwas nicht vorstellbar. Die Frau würde schon viel eher erkennen, dass das ganze Rezept nichts taugt.

Mehr als zwei Dutzend gescheiterte Experimente

Aber die Sozialisten sind genau so vorgegangen: „Over the past hundred years, there have been more than two dozen attempts to build a socialist society. It has been tried in the Soviet Union, Yugoslavia, Albania, Poland, Vietnam, Bulgaria, Romania, Czechoslovakia, North Korea, Hungary, China, East Germany, Cuba, Tanzania, Benin, Laos, Algeria, South Yemen, Somalia, the Congo, Ethiopia, Cambodia, Mozambique, Angola, Nicaragua and Venezuela, among others countries. All of these attempts have ended in varying degrees of failure. How can an idea, which has failed so many times, in so many different variants and so many radically different settings, still be so popular?” (S. 21).

Dies ist die zentrale Fragestellung dieses überaus wichtigen Buches, geschrieben von dem Ökonomen Kristian Niemietz, der am Londoner Institut für Economic Affairs arbeitet. In einem Satz lautet die Antwort auf seine Frage: „It is because socialists have successfully managed to distance themselves from those examples.” (S. 55) Wenn man Sozialisten mit Beispielen für die gescheiterten Experimente konfrontiert, dann entgegen sie stets: Diese Beispiele bewiesen gar nichts, da es sich in Wahrheit dabei nicht um sozialistische Modelle gehandelt habe. Intellektuelle sahen jedoch genau dies in der „Blütezeit“, die die meisten sozialistischen Experimente erlebten, ganz anders, wie Niemietz an vielen Beispielen verdeutlicht.

Venezuela – „Sozialismus im 21. Jahrhundert“

Jüngstes Beispiel ist Venezuela, das noch vor wenigen Jahren von führenden Intellektuellen und linken Politikern als Modell für den „Sozialismus im 21. Jahrhundert“ gefeiert wurde. Auf einer Demonstration für Hugo Chávez in London im März 2013 erklärte beispielsweise der heutige britische Labour-Führer Jeremy Corbyn: „Chávez… showed us that there is a different, and a better way of doing things. It’s called socialism… In his death, we will march on, to that better, just, peaceful and hopeful world.“ (S.239). Und selbst im Juni 2015, als das Scheitern des sozialistischen Experiments in Venezuela schon offensichtlich war, wiederholte Corbyn: „When we celebrate – and it is a cause for celebration – the achievements of Venezuela, in jobs, in housing, in health, in education, but above all, its role in the whole world as a completely different place, then we do that because we recognise what they have achieved, and how they’re trying to achieve it.” (S. 246) Wenige Wochen später erklärte er begeistert, “the Bolivarian revolution is in full swing and is providing inspiration across a whole continent”. Venezuela sei ein gelungenes Gegenmodell zu “neo liberal policies” (S. 247).

Lobgesänge auf Stalin

Niemietz zeigt, dass sogar Massenmörder wie Josef Stalin und Mao Zedong in gleicher Weise von führenden Intellektuellen ihrer Zeit begeistert gefeiert wurden. Diese Intellektuellen waren keine Außenseiter, sondern renommierte Schriftsteller und Wissenschaftler, wie Niemietz an zahlreichen Beispielen belegt. Selbst die Konzentrationslager in der Sowjetunion, die Gulags, wurden bewundert. „They were presented as places of rehabilitation, not punishment, where inmates were given a chance to engage in useful activities, while reflecting upon their mistakes.“ Eine damals bekannte amerikanische Schrifstellerin erklärte: “The labor camps have won high reputation throughout the Soviet union as places where tens of thousands of men have been reclaimed.” (S.72)
Selbst Journalisten und Intellektuelle, die die Augen nicht gänzlich vor den Verbrechen des Regimes verschlossen, rechtfertigten es mit Argumenten wie diesem: “But – to put it brutally – you can’t make an omelette without breaking eggs and the Bolshevist leaders are just as indifferent to the casualties that may be involved in their drive toward socialization as any General during the World War who ordered a costly attack.“ (S. 80) Diese Sätze stammen von dem Moskauer Korrespondenten der New York Times, der das Büro der Zeitung dort zwischen 1922 und 1936 leitete.
Niemietz räumt ein, dass es auch kritische Stimmen unter sozialistischen Intellektuellen zur Sowjetunion gab. Aber bei vielen von ihnen war der Grund für ihre Distanz, dass sie als Maßstab der Beurteilung weltfremde Utopien anlegten, vor denen kein System auf der Welt Bestand gehabt hätte. „If one’s idea of socialism demands the immediate abolition of the police, the army, the court system, the prison system, etc., if it requires people to voluntarily give up money, private property, exchange, etc., and if one does not accept any compromises, halfway measures or phase-in periods, then yes, such a person would not have been seduced by Leninism. But this is simply because they would have set the bar impossibly high. A lot of early socialist critics of the Soviet Union fall into this category.” (S. 98).

Begeisterung für Mao

Viele westliche Intellektuelle begeisterten sich für Mao Zedong und die von ihm initiierte Kulturrevolution, obwohl allein während des größten sozialistischen Experimentes – dem “Großen Sprung nach vorne” Ende er 50er-Jahre – 45 Millionen Menschen starben. Nach Maos Tod, als infolge der Reformpolitik von Deng Xiaoping Hunderte Millionen Chinesen aus bitterer Armut befreit wurden, begeisterten sich diese Intellektuellen nicht mehr für China, wie sie das zu Maos Zeiten getan hatten. „Just as ironically, the enthusiasm of Western intellectuals for China began to fade when the most murderous period was over… Western intellectuals had lavishly heaped praise on China when millions of Chinese people where starving or worked to death in forced labour camps. But when a programme of relative liberalisation lifted millions of people out of poverty, those intellectuals were conspicuous by their silence. Market-based reform programmes, no matter how successful, will never inspire pilgrimages.” (S. 110 f.) Selbst der Diktator Kim Il Sung in Nordkorea und das Mordregime der Roten Khmer in Kambodscha fand noch Bewunderer unter westlichen Intellektuellen, wie Niemietz in zwei Kapiteln seines Buches zeigt. Ganz zu schweigen von Kuba und Che Guevera, der im Westen eine Pop-Ikone wurde.

Nach dem Scheitern: „Es war kein Sozialismus”

In seiner historischen Analyse zeigt Niemietz, dass bislang jedes sozialistische Experiment drei Phasen durchlief:

In einer ersten Phase (the honeymoon period, S. 56) sind Intellektuelle weltweit begeistert und preisen das System in höchsten Tönen. Auf die Phase des Enthusiasmus folgt stets eine zweite Phase der Ernüchterung (the excuses-and-whataboutery period, S. 57): Das System und seine „Errungenschaften“ werden zwar noch verteidigt, aber nicht mehr unkritisch unterstützt. Mängel werden zugegeben, aber gerne dem Wirken von kapitalistischen Saboteuren, ausländischen Kräften oder als Ergebnis des Boykotts durch den US-Imperialismus dargestellt. Schließlich folgt die dritte Phase, in der bestritten wird, dass es sich überhaupt um eine Form des Sozialismus gehandelt habe (the not-real-socialism stage, S.57). Nun heißt es, das betreffende Land – beispielsweise die Sowjetunion, China oder Venezuela – sei in Wahrheit niemals sozialistisch gewesen. Diese Argumentation, so Niemietz, wird jedoch selten in der ersten Phase nach Beginn eines neuen sozialistischen Experimentes vorgetragen, sondern wird zur herrschenden Sicht erst nach dem Scheitern des sozialistischen Experimentes.

Dem real existierenden Kapitalismus wird heute von Sozialisten in westlichen Ländern kein irgendwann in der Geschichte real existierender Sozialismus entgegengesetzt, sondern eine vage Utopie einer „gerechten“ Gesellschaft. Manchmal wird der „nordische Sozialismus“ – also Länder wie Schweden – als Beispiel angeführt, wobei vollkommen verkannt wird, dass diese Länder nach sozialistischen Experimenten in den 70er Jahren längst von diesem Weg abgekommen sind und heute – trotz höherer Steuern – nicht weniger kapitalistisch sind als beispielsweise die USA.
An Stelle des Autors hätte ich mich auch noch explizit mit diesen Modellen des „demokratischen Sozialismus“ auseinandergesetzt, der ebenfalls stets kläglich gescheitert ist. Denn das, was heute Sozialisten in Großbritannien oder manche demokratischen Politiker in den USA fordern, nämlich sehr hohe Steuern für die Reichen und ein hohes Maß an staatlicher Regulierung der Wirtschaft, hat es durchaus auch in demokratischen Ländern gegeben, nämlich in Schweden und Großbritannien in den 70er Jahren. Aber auch diese Experimente, obwohl sie nicht in totalitärer Herrschaft oder gar Massenmord endeten, führten ökonomisch gesehen in die Katastrophe und bescherten diesen Ländern erhebliche Wohlstandsverluste.

Die Sozialisten, die sich heute kritisch zum „Stalinismus“ und zu anderen Formen des historisch real existierenden Sozialismus äußern, versäumen es jedoch stets, die ökonomischen Gründe für das Scheitern dieser Systeme zu analysieren (S.28). In ihren Analysen werden fehlende demokratische Rechte und fehlende Freiheiten in diesen Systemen kritisiert, aber die Alternative, die dazu formuliert wird, ist eine vage Vision von allumfassender „Demokratisierung der Wirtschaft“ oder „Arbeiterkontrolle“. Niemietz zeigt, dass genau dies auch die Postulate sind, unter der die später gescheiterten sozialistischen Systeme in der Sowjetunion und anderen Ländern ursprünglich einmal angetreten sind. „When contemporary socialists talk about a non-autocratic, non-authoritarian, participatory and humanitarian version of socialism, they are not as original as they think they are. That was always the idea. This is what socialists have always said. It is not for a lack of trying that it has never turned out that way.” (S. 42)

Dies ist ein großartiges Buch, das eigentlich Pflichtlektüre an Schulen und Universitäten sein sollte, wo heute oft das Lied der Kapitalismuskritik angestimmt wird. Der Autor argumentiert ebenso kenntnisreich wie abgewogen und differenziert und breitet eine Fülle von historischen Belegen aus, die seine These stützen. Niemand hat sich bisher so gründlich mit der Frage befasst, warum der Sozialismus trotz der bitteren historischen Erfahrungen dennoch bis heute so attraktiv geblieben ist.

Hegel meinte in seinen Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte: „Was die Erfahrung aber und die Geschichte lehren, ist dies, dass Völker und Regierungen niemals etwas aus der Geschichte gelernt und nach Lehren, die aus derselben zu ziehen gewesen wären, gehandelt haben.“

Vielleicht ist dieses Urteil zu streng. Aber in der Tat sind die meisten Menschen nicht in der Lage, bestimmte historische Erfahrungen zu verallgemeinern. Aus den mannigfachen Beispielen, wo mehr Kapitalismus zu mehr Wohlstand führte, wollen viele Menschen nicht die naheliegenden Lehren ziehen, ebenso wenig wie aus dem Scheitern aller jemals auf der Welt probierten Varianten des Sozialismus.

_* Kristian Niemietz, Socialism. The Failed Idea That Never Dies. Institute for Economic Affairs, London 2019, 374 Seiten._

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