Die lauten und die stummen Jugendlichen

von Rainer Zitelmann3.03.2019Innenpolitik

Die Medien werden beherrscht von den Klima-Protesten einiger Tausend Schüler. Sie werden gehört. Aber immer mehr Jugendliche schweigen – aus Angst, wegen kritischer Meinungen als „rechts“ abgestempelt zu werden. Eine aktuelle Umfrage.

Nach einer Erhebung des Forsa-Instituts findet etwa jeder zweite Jugendliche und junge Erwachsene (16 bis 25 Jahre), man könne in Deutschland zu Themen wie Zuwanderung oder Islam bestimmte Meinungen nicht offen vertreten, ohne als rechts oder rechtsradikal abgestempelt zu werden. Die Befragung wurde im Auftrag der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung durchgeführt.

Schweigespirale

Es bestätigt sich in Deutschland heute die Theorie der renommierten Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann über die „Schweigespirale“: Menschen, die wegen eines einseitigen Medientenors befürchten, mit ihren Meinungen im Abseits zu stehen, schweigen. Menschen, die sich in Übereinstimmung mit der Mehrheit sehen und durch Medien und Politik in diesem Glauben bestärkt werden, äußern ihre Meinung laut und freimütig.

Die Schüler, die der bekennenden Klima-Panikerin Greta Thunberg zujubeln, erhalten täglich Bestätigung: Bundeskanzlerin Angela Merkel persönlich lobt sie in höchsten Tönen. Die Spitzenkandidatin der SPD im Europawahlkampf ist begeistert. Die Grünen und die Linken ermutigen sie. In ARD-tagesthemen und ZDF-heute werden sie als Vorbilder dargestellt. Schulschwänzen ist gut, denn es dient der Rettung des Planeten. Als ich Schüler (und weit links) war, wurden wir nicht von Medien, Kanzler und Eltern ermutigt, sondern bekamen kräftig Gegenwind. Das ist heute anders.

Gedankenexperiment

Es ist scheinheilig, wenn Parteien und Medien am Schülerprotest abstrakt das „politische Interesse“ und das „Engagement für eigene Meinungen“ preisen. Gedankenexperiment: Wie würde die Reaktion ausfallen, wenn sich die Schülerproteste zum Beispiel gegen Autohass und Ökohysterie richteten oder gar für eine Erleichterung von Abschiebungen stark machen würden? Würden sie dann auch für ihr gesellschaftliches Engagement und für ihr politisches Interesse gelobt und beim Schulschwänzen ermutigt?

Heute fürchtet jeder zweite Jugendliche – wie die Umfrage der Naumann-Stiftung zeigt -, sich kritisch zur Zuwanderung oder zum Islam zu äußern. Alles „Rechte“, alles AfD-Anhänger? Bestimmt nicht. Bei den letzten Bundestagswahlen war die AfD bei Jugendlichen Wählern unter 30 Jahren mit elf Prozent unterrepräsentiert. Die etwa 50 Prozent der jungen Menschen, die laut Forsa-Umfrage beklagen, dass man sich zu manchen Themen nicht frei äußern darf, ohne als „rechts“ stigmatisiert zu werden, sind selbst also überwiegend nicht rechts. Sie machen sich Sorgen um ein liberales, demokratisches Grundrecht. Sie sorgen sich um die geistige Freiheit. Eigentlich ein gutes Thema für eine liberale Partei.

Nischenthema?

Als ich vergangenes Jahr mit führenden Personen der FDP diskutierte und dafür plädierte, neben dem Thema „wirtschaftliche Freiheit“ auch dem Thema „geistige Freiheit – gegen politische Korrektheit“ einen größeren Stellenwert einzuräumen, wurde mir erklärt, das sei ein „Nischenthema“, das nur „neurechte Zirkel“ interessiere. Das hielt ich für einen Irrtum. Jetzt gibt mir die Umfrage der Naumann-Stiftung Recht.

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