Diskutieren wir über die wirklichen Probleme im Journalismus?

von Rainer Zitelmann24.12.2018Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Der Fall des vielfach preisgekrönten „Starjournalisten“ Claas Relotius hat eine breite öffentliche Diskussion über Qualitätsstandards im Journalismus ausgelöst. Aber es gibt größere Medienskandale, über die kaum gesprochen wird.

Ein Starjournalist wurde als Starfaker enttarnt. Er hat seine Geschichten (teilweise) erfunden. Schlimm genug. Und gut, dass darüber breit diskutiert wird. Gestern habe ich sogar in FOX News einen ausführlichen Bericht gesehen. Ich finde es auch gut, wie der „Spiegel“ jetzt selbst damit umgeht. Und auch wenn sich mit Sicherheit viele meiner Leser richtig darüber aufregen, füge ich hinzu: Mir tun jene sauber arbeitenden Journalisten beim „Spiegel“ und anderen Medien leid, die jetzt mit Häme überzogen werden und denen pauschal unterstellt wird, dass sie auch so „arbeiten“. Das ist die eine Seite der Medaille.

Maaßen, Diesel, me-too: Die eigentlichen Skandale

Die andere Seite: Meiner Meinung nach ist das, worüber jetzt so breit diskutiert wird, nicht das entscheidende Problem im Journalismus. Dass Geschichten frei erfunden werden, ist die Ausnahme. Dass aber Geschichten einen bestimmten “Dreh” bekommen, geframet werden, Proportionen verrückt werden und Skandale gemacht werden, die eigentlich keine sind – das ist das größte Problem. Es passiert täglich. Und genau darüber sollte diskutiert werden.

Sollte ich die größten Skandale im Journalismus 2018 benennen, dann wäre das nicht der Skandal um die Artikel von Claas Relotius, sondern die mediale Hinrichtung von Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen, die absurde Berichterstattung über Messwerte/Fahrverbote von Diesel und die teilweise an Schauprozesse erinnernde me-too-Skandalberichterstattung.

Fall Wulff – „Sündenfall unserer Branche“

Zeit-Chefredakteur Giovanni Di Lorenzo nennt im Interview mit dem aktuellen SPIEGEL zu Recht auch den Fall Wulff, der einige Jahre zurückliegt: „Ich würde sogar sagen, es ist ein Sündenfall unserer Branche gewesen. Da waren Sie nicht alleine, aber Sie waren zusammen mit der ‚Bild’ führend in der Demontage von Christian Wulff. Wenn die Maschine des „Spiegel“ erst mal angeworfen ist, und da sehe ich etwas Systemisches, dann macht sie alles platt. Und wenn sich hinterher herausstellt, es war die falsche Straße, die wir platt gemacht haben, dann ist es für den Betroffenen schon zu spät, weil er einbetoniert ist durch diese Walze. Wulff war so ein Fall, nicht nur von Ihnen, aber auch von Ihnen.” So weit Giovanni di Lorenzo.

Das ist jedoch beileibe kein Problem allein des „Spiegel“. Erinnern wir uns: Fast alle großen Medien schlossen sich damals wie in einer Front zusammen, die Vorwürfe wechselten, aber das Ziel blieb gleich: Wulff sollte zum Rücktritt gezwungen werden. Später stellte sich heraus, dass alle Vorwürfe falsch waren: Wulff wurde nach seinem Ermittlungsverfahren von 24 Fahndern unter Leitung von vier Staatsanwälten, der Vernehmung von 93 Zeugen und Kosten in Höhe von mehreren Millionen Euro wegen einer Rechnung über 753,90 Euro angeklagt und freigesprochen.

Aber kaum ein Journalist zeigte Einsicht oder Selbstkritik. Ersatzweise musste jetzt der Vorwurf herhalten, Wulff habe sich in seiner Verteidigung falsch verhalten – und sei deshalb selbst Schuld an seinem Fall, nicht jedoch die Journalisten von BILD, „Spiegel“ und anderen Medien, die über Monate mit größtmöglichem Aufwand eine der unfairsten Kampagnen gegen einen Menschen inszenierten, die es je in der bundesrepublikanischen Geschichte gegeben hatte.
Dies ist übrigens ein typisches Merkmal von Skandalen: Wenn sich einer oder sogar mehrere Vorwürfe als offensichtlich falsch herausstellen – wie das auch bei Wulff der Fall war -, lassen die Medien nicht etwa von ihrem Opfer ab, sondern suchen nach weiteren angeblichen „Beweisen“ auf ganz anderen Feldern, die die moralische Minderwertigkeit des Attackierten belegen sollen. „Erweist sich im Skandal die zentrale Behauptung als falsch, wird auf andere Sachverhalte verwiesen, die das Verhalten der Angeprangerten skandalös erscheinen lassen. Auf diese Weise werden Sachverhalte, die im Vergleich zur zentralen Behauptung unerheblich sind und alleine kaum Beachtung finden würden, zum Beweis für die Richtigkeit des zentralen Vorwurfs.“ So Hans Mathias “Kepplinger in seinem ausgezeichneten Buch über die Mechanismen der Skandalisierung”:http://www.empfohlene-wirtschaftsbuecher.de/2018/06/wie-medien-skandale-machen-die-eigentlich-keine-sind/.

Wenn das in die Enge getriebene und an den Pranger gestellte Opfer dann in der Verteidigung Fehler macht, was fast unausweichlich ist, müssen ersatzweise diese Fehler als Begründung dafür herhalten, warum es richtig war, den Menschen an den Pranger zu stellen. „Nach dieser Logik haben bei der Treibjagd nicht die Jäger den Hasen abgeschossen, sondern der Hase hat sich selbst umgebracht, weil er dummerweise in die falsche Richtung gesprungen ist“, so Kepplinger.

Beispiel Oxfam-Berichte

Worum es mir geht, will ich ausführlicher an einem anderen Beispiel verdeutlichen, nämlich an der jährlichen Berichterstattung über den sogenannten Oxfam-Bericht.

Meist parallel zum Treffen der Weltwirtschaftselite im Schweizer Davos im Januar veröffentlicht die Organisation Oxfam einen Bericht, der jedes Mal große Beachtung in allen Medien findet. Die Qualität des Berichtes steht indes in umgekehrtem Verhältnis zu der Aufmerksamkeit, den die Organisation damit erzielt. Die Berichterstattung ist geteilt. Sie reicht von unkritischer Wiedergabe der zentralen Argumente des Berichtes bis zu scharfer Kritik an den verwendeten Methoden. Doch selbst bei differenziert argumentierenden Artikeln wird in der Überschrift meist die zentrale These des Oxfam-Berichtes übernommen. Die FAZ machte im Januar 2017 den Wirtschaftsteil sogar mit der großen Überschrift auf: „Acht Männer reicher als die halbe Welt“, dazu stellte sie ein großes Foto von Bill Gates und Warren Buffett sowie eine Grafik mit den geschätzten Vermögenswerten der aufgelisteten acht reichsten Männer der Welt.

Der Artikel beginnt mit der Wiedergabe der zentralen Thesen des Oxfam-Berichtes, wonach die soziale Ungleichheit auf der Welt deutlich größer sei als bisher bekannt: „Die acht reichsten Männer der Welt besaßen im vergangenen Jahr zusammengenommen 426 Milliarden Dollar und damit mehr Vermögen als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Diese Hälfte besteht derzeit aus 3,6 Milliarden Menschen mit insgesamt 409 Milliarden Dollar Vermögen.“ In dem Artikel wird darauf hingewiesen, dass die Organisation Oxfam im vergangenen Jahr große Aufmerksamkeit mit einem Bericht erwirkte, in dem es hieß, das Vermögen der 62 reichsten Personen der Welt entspreche dem der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung.

Oxfam, so die FAZ weiter, habe aber für den Bericht des Jahres 2017 die Berechnungsmethode geändert. Hätte man im Jahr davor die gleiche Methode angewandt, dies räume Oxfam ein, dann hätten nicht 62, sondern neun Menschen mehr Vermögen besessen als die ärmere Hälfte der Welt. Der Beitrag kritisiert zudem, die Berechnung sei an sich fragwürdig, weil bei der „ärmeren Hälfte der Welt“ erstaunlich viele Menschen in der entwickelten Welt – etwa in den USA – mitgerechnet wurden, die Kredite für den Hauskauf oder die Finanzierung des Studiums aufgenommen hätten. Es sei „im besten Fall irreführend, wenn ein durchschnittlicher Universitätsabsolvent am Ende seines Studiums Schulden von rund 50.000 Pfund angehäuft hat und damit zu den ärmsten Menschen der Welt zählt, wenn man an sein Einkommenspotential in der Zukunft denkt“, zitiert die FAZ das Londoner Institute of Economic Affairs, das sich regelmäßig kritisch zu den Oxfam-Berichten äußert. Der Artikel selbst ist also durchaus differenziert, ebenso wie ein daneben stehender Kommentar. Und dennoch ist zu fragen, warum ein hochseriöses Blatt einem unseriösen Bericht den Platz für den Hauptaufmacher im Wirtschaftsteil einräumt und mit der Überschrift und der Grafik zunächst einmal dessen zentrale These übernimmt – auch wenn sie im Artikel selbst dann kritisiert wird.

Es geht auch anders

Dass es auch anders geht, zeigt die „Süddeutsche Zeitung“, die am gleichen Tag ebenfalls groß über die Oxfam-Studie berichtete, jedoch mit der treffenden Überschrift: „Nein, acht Menschen besitzen nicht so viel wie die Hälfte der Welt.“ Hier heißt es: „Im vergangenen Jahr hatte Oxfam noch verkündet, das Vermögen der 62 reichsten Personen entspreche dem der ärmeren Hälfte. Und jetzt nur noch acht Leute! Ist das nicht der Beweis, dass die Welt vor die Hunde geht? Nein. Denn die Zahl ‚acht’ ist ziemlich sicher falsch.“ In der Studie würden Äpfel mit Birnen verglichen. Ein deutscher Rentner, der gerade einen kleinen Kredit für den Kauf eines Autos aufgenommen habe, sei laut der Oxfam-Berechnung ärmer als ein Bauer in Burundi. Die Zeitung schreibt, Oxfam habe die Veröffentlichung mit dem Argument verteidigt: „Unser Bericht will keine Wissenschaft sein und gibt das auch nicht vor.“

Kritiklos werden falsche Zahlen übernommen

Trotz der gravierenden Mängel der Oxfam-Studie werden deren Ergebnisse Jahr für Jahr in den Medien prominent kommuniziert, wobei viele Artikel unkritisch einfach die zentralen Thesen wiedergeben. Dies trifft besonders für Regionalmedien zu. Anlässlich der Veröffentlichung im Jahr 2016 übernahmen viele Medien eine Meldung von dpa, Deutschlands größter Nachrichtenagentur. „Kluft wird immer größer“ titelten die „Nürnberger Nachrichten“. Der Artikel beginnt: „Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst überall auf der Welt.“ Weiter heißt es, die Schere gehe immer weiter auseinander – als Beleg dafür wird angeführt, dass im Bericht des Vorjahres noch 80 Menschen so viel besessen hätten wie die ärmere Hälfte der Menschheit und es jetzt nur noch 62 seien. „Wir leben in einer Welt, deren Regeln für die Superreichen gemacht werden“, zitiert das Blatt einen Oxfam-Sprecher. Auch die „Sächsische Zeitung“ titelte: „Den Reichen gehört die halbe Welt“, und die „Rheinische Post“ brachte die dpa-Meldung sogar auf der Titelseite mit der Überschrift: „Studie: 62 Reiche besitzen so viel wie die halbe Welt.“

Auch als sich herumgesprochen hatte, dass die Studie nicht auf seriösen Zahlen und Methoden basiert, führte dies nicht dazu, was eigentlich im journalistischen Alltag das Normale sein sollte, dass nämlich eine solche Studie (so wie die allermeisten, die eine Redaktion erreichen) in den Papierkorb wandert. „Die Zeit“ berichtete im Januar 2018 groß unter der Überschrift „Soziale Ungleichheit: Wer reich ist, macht Politik“. Zunächst werden die Zahlen der Studie dargestellt, wobei Vergleiche wie dieser für eine Dramatisierung sorgen: „Eine Näherin in Bangladesch verdiene in ihrem ganzen Leben so viel wie ein Vorstandsvorsitzender eines großen Modekonzerns in nur vier Tagen.“

So wird ein Fake-Bericht schöngeschrieben

In dem „Zeit“-Artikel wird zwar auch die Kritik an Datenquelle und Methode dargestellt, aber dann heißt es versöhnlich: „Mit den unvermeidbaren Unzulänglichkeiten ihrer Berechnungen geht die Organisation offen um.“ Und eine Sprecherin der Organisation wird mit der Aussage zitiert: „Es ist am Ende gar nicht entscheidend, ob nun acht, 42 oder 62 Menschen so viel besitzen wie 3,7 Milliarden … Wichtig ist das grundsätzliche Missverhältnis.“ Nur: Von einer Studie erwartet man nicht nur eine allgemeine Empörung, dass es ein „grundsätzliches Missverhältnis“ zwischen Arm und Reich gebe, sondern darüberhinausgehende – neue – Informationen und Zahlen, die jedoch nicht geliefert werden oder falsch sind. Der „Zeit“-Artikel, der mit dem Satz beginnt „Weltweit wächst die Ungleichheit, warnt Oxfam“, endet mit dem Zitat einer Sprecherin der Organisation: „Die Konzentration an der Spitze steigt.“

Im „Stern“ hieß es nach Bekanntwerden der methodischen Fehler lapidar, zwar sei die Oxfam-Untersuchung „keine wissenschaftliche Studie, die moderne Berechnungsmethoden nutzt“, doch darauf komme es gar nicht an. Die Situation sei dramatisch, „denn egal ob es nun acht oder 62 Superreiche sind, die Tendenz stimmt. Die Gegensätze zwischen Arm und Reich nehmen zu und gefährden den sozialen Frieden.“ Auch dieser Artikel endet mit dem Zitat eines Vertreters von Oxfam: „Für Bildung und Gesundheit fehlt vielen Staaten das Geld, weil Reiche und internationale Konzerne sich um ihre Steuerbeiträge drücken.“

Ein Gedankenexperiment

Ein Gedankenexperiment legt nahe, dass die Beachtung, die die unseriöse Oxfam-Studie in seriösen Medien findet, wohl damit zusammenhängt, dass vielen Medien die zentrale These und die Stoßrichtung gegen „die Superreichen“ passen: Man stelle sich vor, eine Organisation mit eher rechtem Hintergrund veröffentlichte eine Studie über Einwanderung, die sich offenbar fragwürdiger Methoden bediente und mit falschen Zahlen operierte: Eine solche „Studie“ würde zu Recht nicht einmal erwähnt, und wenn, dann nur als Beleg für rechte Demagogie.

Ich wage vorherzusagen: Falls die „Studie“ in einigen Wochen wieder erscheint, wird sich das gleiche Trauerspiel wiederholen wie in den Jahren zuvor.

Durch solche Berichte werden Menschen in die Irre geführt. Die Zahlen werden tausendfach zitiert, die Botschaft prägt sich als vermeintliche Gewissheit ein. Googelt man die Stichworte „Acht Reiche besitzen so viel wie…“, dann zeigt sich nicht nur eine sehr hohe Zahl von Treffern, sondern auch, dass die Zahlen der „Studie“ meist unkritisch übernommen werden.

Das ist in den Konsequenzen mindestens so schlimm wie ein Artikel von Claas Relotius, der – um den Vorurteilen von Lesern und Reaktion zu entsprechen – phantasievoll Zitate und Ereignisse erfand, mit denen er seine Geschichten anreicherte.

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