Bildungspolitik ist die Wirtschafts- und Sozialpolitik des 21. Jahrhunderts. Günther Beckstein

Rainer Zitelmann versus taz-Redakteurin Ulrike Herrmann

3. Dezember, Tübingen: Das Weltethos-Institut veranstaltete ein Streitgespräch zwischen der bekannten taz-Redakteurin und Kapitalismuskritikerin Ulrike Herrmann und Rainer Zitelmann. Hier die Kritik von Zitelmann an den Thesen von Herrmann:

Der Saal im renommierten Weltethos-Instituts (Uni Tübingen) war überfüllt. Die Bestuhlung reichte nur für 200 Personen, 40 weitere wurden hereingelassen, die sich auf den Boden setzten oder standen. Leider mussten weitere Interessenten vor der Tür bleiben, weil aus Brandschutzgründen keine weiteren Gäste mehr eingelassen wurden. Wie mir zuvor schon angekündigt worden war, war ein Großteil des Publikums linksgrün. Der Rosa Luxemburg-Buchladen hatte einen Büchertisch aufgestellt.

Der Ablauf: Ulrike Herrmann (früher Pressesprecherin der Gleichstellungsbeauftragten Krista Sager in Hamburg, Mitglied der Grünen, seit 18 Jahren Redakteurin der taz) stellte die Bücher „Wenn du nicht mehr brennst, starte neu“ und „Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung“ von Rainer Zitelmann vor. Rainer Zitelmann stellte drei Bücher der aus zahlreichen Talkshows bekannten Kapitalismuskritikerin Ulrike Herrmann vor. Die Vorstellung und die gesamte Diskussion wurden vom Institut aufgezeichnet und werden in etwa einer Woche online gestellt. Vorab die Kritik von Zitelmann an den Büchern von Ulrike Herrmann:

Der Sieg des Kapitals

Ulrike Herrmann: Der Sieg des Kapitals. Wie der Reichtum in die Welt kam: Die Geschichte von Wachstum, Geld und Krisen, 9. Auflage, 2017.

Die Autorin beginnt im ersten Teil mit einer Darstellung, wie sich der Kapitalismus historisch entwickelt hat. Eine zentrale These: Er entwickelte sich zuerst dort, wo die Löhne hoch waren, da es sich dort am ehesten lohnte, in Maschinen zu investieren (S. 11, 24, 42ff.). Interessant ist besonders der zweite Teil, in dem die Autorin mit „drei Irrtümern“ über den Kapitalismus aufräumen will: 1. Kapitalismus ist nicht Marktwirtschaft; 2. Kapitalismus ist nicht das Gegenteil von Staat, 3. Globalisierung ist nicht neu.

Oft werden die Begriff „Kapitalismus“ und „Marktwirtschaft“ synonym gebraucht, wobei, wie Umfragen belegen, „Marktwirtschaft“ bei vielen Menschen einen guten Klang hat, „Kapitalismus“ dagegen nicht (S. 65). Herrmann kritisiert, dass beide Begriffe verwechselt würden und begründet, warum im Kapitalismus aus ihrer Sicht kaum Marktwirtschaft herrsche:

Erstes Argument: Einige Großkonzerne hätten eine marktbeherrschende Stellung errungen, wodurch die Konkurrenz weitgehend ausgeschaltet werde. Die meisten Märkte, so wie Stahl, Autos, Chemie oder Pharma, seien „weitgehend geschlossen und für Neulinge nicht mehr zu knacken“ (S. 68). Konkurrenz herrsche nur noch in Nischen, also dort, wo kleine Friseure, Gastwirte, kleine Ladenbesitzer oder Betreiber einer Reinigung im Wettbewerb stünden (S. 70).

Zweites Argument: Zudem weist Herrmann auf Teile der Wirtschaft hin, die durch hohe staatliche Subventionen charakterisiert sind, so wie die Landwirtschaft in der EU (S. 69).

Ein drittes Argument Herrmanns lautet, dass große Unternehmen wie die Deutsche Bank ihre Gewinne angeblich „planen“. Beleg: Der frühere Deutsche Bank-Vorstand Ackermann hatte eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent als Ziel angegeben. Dies zeige, „dass er die Renditen für vorab kalkulierbar hielt. Dies verträgt sich nicht mit der Theorie des freien Wettbewerbs und ihrem Mythos vom unternehmerischen Risiko. In einer reinen Marktwirtschaft würde zwar jede Firma möglichst hohe Profite anstreben, indem sie versucht, die beste zu sein – ob sie aber tatsächlich die beste ist, könnte sie nicht selbst entscheiden, sondern dies ergäbe sich erst durch die Konkurrenz und das Marktgeschehen. Aber offenbar lebte Ackermann nicht in einer solchen Welt der freien Marktwirtschaft, wenn er Gewinnansprüche formulierte, als hätten sie Gesetzeskraft. Planbare Profite gibt es nur in einer Planwirtschaft. Mit seinen Worten hat Ackermann eine Realität formuliert, die überzeugten Marktwirtschaftlern hartnäckig entgeht: Der moderne Kapitalismus ist eine Art Planwirtschaft – auch wenn sie der sozialistischen Planwirtschaft überhaupt nicht ähnelt.“ (S. 71).

Das vierte Argument: Die Konkurrenz werde auch dadurch ausgeschaltet, dass die Spitzenmanager fast alle derselben sozialen Gruppe angehören und miteinander vernetzt seien. „Denn wie sollen Firmen ernsthaft gegeneinander konkurrieren, wenn die Chefs Netzwerke der gegenseitigen Abhängigkeit bilden oder gar miteinander befreundet sind?“ (S. 75).

Die These der Autorin über das Verhältnis von Markt und Staat geht in eine ähnliche Richtung. Die Staatsquote liege in vielen westlichen Ländern sehr hoch. Die Finanzmärkte beispielsweise seien gar keine Märkte, weil der Staat den Preis (also den Zins) zentral bestimme. „Ein Marsmensch würde wahrscheinlich denken, dass Finanzmärkte knapp vor einem Sozialismus einzuordnen wären.“ (S. 94) Hier muss man ihr sicherlich Recht geben. Die Zentralbanken haben inzwischen eine stark steuernde Rolle, mit der Marktkräfte weitgehend außer Kraft gesetzt werden.

Zudem, so Herrmann, gebe es eine implizite Staatsgarantie für die Investmentbanken. In der Kritik von Bankenrettungen bin ich mir mit Herrmann einig. Aber sie hat gar nicht prinzipiell etwas gegen eine Rettung von Banken durch den Staat hat – sie hält das nur für eine halbherzige Maßname und plädiert für Staatsbanken: „Aber der richtige Weg wäre, die Banken zu retten, sie zu verstaatlichen – und dann die Profiteure zur Kasse zu bitten, indem man die Steuern für die Vermögenden erhöht.“ (S. 210)

Weniger konsumieren – Flugzeuge und Autos abschaffen

Die Alternative von Herrmann: Wir sollten nur noch die Hälfte konsumieren und nur noch die Hälfte arbeiten (S. 242). Das treffe jedenfalls für die Menschen in den entwickelten Ländern zu. „In einer gerechten Welt müssten also die Menschen im Norden auf Wachstum verzichten, damit die Bewohner im Süden aufholen können, ohne dass die Umwelt kollabiert.“ (S. 243). In der Diskussion in Tübingen meinte sie, Ziel müsse es sein, dass niemand auf der Welt mehr ein Flugzeug oder ein Auto benutzt, weil sonst die Welt zugrunde gehe. Herrmann glaubt nicht an Konzepte vom „nachhaltigen Wachstum“, die sie als „Mogelpackung“ bezeichnet. Es müsse insgesamt „weniger produziert“ werden, um die Umwelt zu schonen (S.245). Es wäre eine Befreiung für die Menschen, wenn sie weniger arbeiten müssten (S.245).

Herrmann bestreitet nicht die großen zivilisatorischen Leistungen des Kapitalismus. Sie hat Recht, wenn sie schreibt: „Der moderne Kapitalismus ist keine Variante der Physik, sondern eher zufällig entstanden. Er ist eine Kulturleistung des Menschen und wahrscheinlich seine erstaunlichste Erfindung. Denn der Kapitalismus ist das erste dynamische System, das der Mensch erschaffen hat. Seitdem das Wirtschaftswachstum in der Welt ist, ist es nicht mehr zu bremsen. Zwar kommt es regelmäßig zu Krisen, aber die technologische Entwicklung geht unaufhaltsam weiter…“ (S. 10). Und: „Es gehört zu den Wundern des Kapitalismus, dass er sich durchgesetzt hat, obwohl die meisten Kapitalisten nicht verstehen, wie er funktioniert.“ (S. 11)

h6.Kritik: Gibt es keinen Wettbewerb mehr?

Herrmann relativierte die Bedeutung unternehmerischer Innovationen: Beispielsweise seien alle wesentlichen Elemente des iPhone in staatlichen Laboren entstanden und Steve Jobs habe diese letztlich nur noch „zusammengesetzt“. Das iPhone erscheint bei Herrmann fast als staatliche Erfindung. Aber: Alles Neue in der Welt entsteht aus der Zusammensetzung von Bekanntem, und genau in diesem „Zusammensetzen“ liegt die eigentlich geniale Leistung, die selten vom Staat und fast immer von Unternehmern erbracht wird.

Herrmanns pauschale Behauptung, dass der Wettbewerb heute weitgehend ausgeschaltet sei, stimmt nicht. Auch wenn Autokonzerne auf manchen technischen Ebenen kooperieren, stehen sie in heftiger Konkurrenz: Mercedes gegen BMW, beide gegen japanische oder koreanische Autos usw. Es entstehen ständig neue Unternehmen. Schaut man die Liste der Unternehmen mit der höchsten Marktkapitalisierung der Welt an, dann wird dies deutlich: Von den sieben Unternehmen mit der höchsten Marktkapitalisierung der Welt gab es Anfang der 70er-Jahre nur zwei, nämlich Johnson & Johnson sowie JP Morgan. Microsoft und Apple wurden 1975/1976 gegründet und Amazon, Alphabet (Google) und Tencent entstanden erst Mitte bzw. Ende der 90er Jahre. Unternehmen wie Amazon oder Alibaba stehen in heftigem Wettbewerb mit dem traditionellen Einzelhandel – die Konkurrenz ist nicht aufgehoben, sondern so scharf wie noch nie.

In Deutschland stehen Discounter wie Lidl oder Aldi gegeneinander im Wettbewerb und mit traditionellen Einzelhändlern usw. Die These von der Ausschaltung des Wettbewerbs durch den Monopolkapitalismus ist uralt – sie wurde schon von Lenin in seiner Schrift über den „Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ vertreten. Die meisten Unternehmen, die er damals als Beispiel für Monopole anführte, gibt es heute gar nicht mehr. Die Autorin verkennt, dass die Konkurrenz zunehmend auf einer weltweiten Ebene stattfindet: Da verschwinden traditionsreiche Konzerne wie AEG in Deutschland, dafür gewinnen japanische oder koreanische Unternehmen Marktanteile.

Dass Konkurrenz nur noch zwischen kleinen Friseurgeschäften oder kleinen Läden stattfinde, wie Herrmann schreibt, ist falsch. Warum ist Airberlin gerade pleite gegangen, warum steigen Billiganbieter wie Ryanair oder easyJet (in den 80er bzw. 90er Jahren gegründet) auf und gewinnen Marktanteile? Weil es hier einen Markt mit heftiger Konkurrenz gibt. Eine der größten Branchen in Deutschland, die Bau- und Immobilienbranche ist in zahlreiche mittelständische Unternehmen zersplittert – Projektentwickler und Bauträger, die oft nur 50 oder 100 Mitarbeiter haben und in heftigem Wettbewerb stehen, bei dem immer wieder eine Auslese stattfindet, weil viele auf der Strecke bleiben.

Viele Erscheinungen, die die Autorin beschreibt, sind zutreffend, so etwa Subventionen für die Landwirtschaft und andere Branchen, „Bankenrettung“ etc. Aber dies sind gerade keine Wesensmerkmale des Kapitalismus, sondern sie bedeuten eine gravierende Verletzung des Kapitalismus, die von seinen Anhängern (z.B. von Ökonomen in der Tradition von Mises, Hayek, Friedman usw.) heftig kritisiert wurde und wird. Gleiches trifft für die starke Rolle der Zentralbanken zu.
Dass ein Unternehmenschef wie seinerzeit Ackermann von der Deutschen Bank bestimmte Gewinnziele propagiert, ist natürlich kein Beleg dafür, dass die Gewinne tatsächlich planbar seien und wir daher nicht in einer Markt- sondern in einer Planwirtschaft leben. Gewinnziele kann jeder ausgeben, aber ob sie erreicht werden, ist eine ganz andere Frage. Die Deutsche Bank ist dafür ja gerade ein gutes Beispiel.

Es verwundert, dass Herrmann einerseits am Kapitalismus kritisiert, dass es zu wenig Konkurrenz gibt, dann jedoch für mehr Staat plädiert, obwohl doch der Staat gerade die Ausschaltung des Wettbewerbs bedeutet. Sie plädiert für die Verstaatlichung der Banken, obwohl doch gerade die staatlichen Banken in Deutschland – die Landesbanken wie die WestLB, Nord LB, HSH Nordbank – besonders schlecht funktioniert haben.

13 Mal Marx und Engels – 0 Mal Hayek und von Mises

Ulrike Herrmann: Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung. Die Krise der heutigen Ökonomie oder: Was wir von Smith, Marx und Keynes lernen können. Piper-Verlag, München 2018.

Dieses aktuelle Buch richtet sich an „die Studierenden der Ökonomie“. Herrmanns These: Die an den Universitäten vorherrschenden ökonomischen Theorien, in deren Mittelpunkt ökonomische Modelle stehen, hätten „mit der Realität nichts zu tun“ (S. 11). Wir sollten uns auf Theoretiker wie Smith, Marx und Keynes zurückbesinnen. Diese Zusammenstellung mutet auf den ersten Blick etwas merkwürdig an, aber aus Sicht von Herrmann ist es eine Legende, dass Adam Smith „ein Erzliberaler gewesen (sei), der leidenschaftlich für ‚freie Märkte’, ein ‚freies Individuum’ und die Entmachtung des Staates gekämpft hätte“ (S. 15.). Herrmann charakterisiert Smith ganz anders:

- „Smith war ein Sozialreformer, der gegen die Privilegien der Reichen kämpfte.“ (S. 15)

- „Würde Smith heute leben, wäre er wahrscheinlich Sozialdemokrat.“ (S.15)

- „Auch der ‚Markt’ ist bei Smith keineswegs so wichtig, wie von heutigen Neoliberalen gern unterstellt.“ (S.35)

- Smith hatte „ein überaus negatives Bild von Kaufleuten und Fabrikanten“ (S. 47)

- „In der Präzision und Schärfe seiner Sozialkritik war Smith nicht weit von Marx entfernt…“ (S. 54)

Karl Marx habe als erster die Dynamik des Kapitalismus verstanden (S. 104). Die Autorin beschreibt ausführlich seine Verdienste und nennt ihn „einen der innovativsten Theoretiker aller Zeiten, was schon seine immense Resonanz bezeugt“. Zum Beleg zitiert Herrmann einen amerikanischen Ökonom: „Hätte sich Marx vor allem geirrt, wäre sein Einfluss schnell verflogen.“ (S.136).
Herrmann spart jedoch nicht mit Kritik. Marx habe nicht, wie heute manchmal behauptet, nur eine „relative Ungerechtigkeit“ kritisieren wollen. „Bei ihm war nicht vorgesehen, dass sich der Lebensstandard der Arbeiter wesentlich verbessern würde“, sondern eine „absolute Verelendung“ der Arbeiterklasse vorhergesagt, die jedoch nicht eingetreten sei (S. 127).

Liberale werden von Herrmann wesentlich negativer beurteilt. Über Ludwig Erhard sagt sie, er sei „weder ein interessanter Theoretiker noch ein besonders befähigter Praktiker, sondern vor allem ein geschickter Opportunist und Lobbyist“ (S. 210) und ein „ahnungsloser Wirtschaftsminister (S. 214) gewesen. Er sei keineswegs der Ingenieur des deutschen Wirtschaftswunders gewesen und habe „absolut nichts mit der Währungsreform“ zu tun gehabt (S.212). Er habe nur ein Talent besessen: „Er konnte sich ohne jeden Scham in Szene setzen“ und sich „als Genie verkaufen“ (S. 212).

Auch in diesem Buch spart die Autorin nicht mit Kapitalismus-Kritik und Kritik an den herrschenden Verhältnissen: „Aktuell verdienen DAX-Manager 50-Mal so viel wie durchschnittliche Angestellte. Es fällt schwer zu glauben, dass sie auch so viel leisten wie fünfzig Angestellte.“ (S. 236). Offenbar gehört sie zu den Menschen, die glauben, dass sich die Leistung eines Managers daran bemessen (solle), wie lang und hart er arbeitet. In Wahrheit werden die Managergehälter auf dem sehr engen Markt für Spitzenkräfte ausgehandelt – sie bestimmen sich eben durch Angebot und Nachfrage und nicht (wie sich das viele Laien vorstellen) dadurch, wie hart oder lange jemand arbeitet.
Auch eine andere These ist nachweislich falsch: „Der Kapitalismus produziert immensen Wohlstand, aber gleichzeitig vergrößert er den Abstand zwischen Arm und Reich.“ (S. 240) Der Abstand zwischen Arm und Reich ist – wie beispielsweise Steven Pinker in seinen Büchern sehr eindrücklich nachweist – gerade in den letzten Jahrzehnten im Weltmaßstab massiv gesunken. Mehr dazu auch in meinem Buch „Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung.“
Meine Kritik: Dies ist ein Buch über die Geschichte des ökonomischen Denkens. Während das Literaturverzeichnis 13 Titel von Marx und Engels enthält, enthält es kein einziges Buch und keinen Aufsatz der bedeutendsten liberalen Ökonomen, des Wirtschafts-Nobelpreisträgers Hayek und von Ludwig von Mises. In der Diskussion in Tübingen meinte Herrmann zur Begründung, Hayek sei gar kein Ökonom gewesen, sondern ein Philosoph. Deshalb habe sie kein Buch von ihm aufgeführt. Das ist in zweifacher Hinsicht unlogisch: Mit der gleichen Begründung hätte sie Marx auslassen können, denn auch Marx war ein Philosoph. Bekanntlich ist Hayek Nobelpreisträger in den Wirtschaftswissenschaften – aber Herrmann spricht ihm ab, dass er ein Ökonom sei – eigenartig…

Vieles ist anfechtbar – nicht nur die sehr einseitige Darstellung von Adam Smith, sondern auch die Behauptungen über den Kapitalismus, wonach es heute angeblich keinen Wettbewerb mehr gebe und sich der Abstand zwischen Arm und Reich ständig vergrößere. Selbst der scharfe Kritiker des Kapitalismus, Thomas Piketty, muss einräumen, dass dies für den größten Teil des 20. Jahrhunderts nicht zutrifft. In den vergangenen 200 Jahren ist die Rate der extremen Armut in der Welt von 90 auf 10 Prozent zurückgegangen – aber bemerkenswert ist vor allem, dass die Hälfte des Rückgangs in den letzten 35 Jahren erfolgt ist.

Warum lehnt sich die Mittelschicht nicht gegen die Kapitalisten auf?

Ulrike Herrmann: Hurra, wir dürfen zahlen. Der Selbstbetrug der Mittelschicht, Piper-Verlag,3. Auflage, 2016

Die zentrale Frage dieses erstmals 2010 erschienen Buches lautet, warum die Mittelschicht immer wieder gegen ihre eigenen Interessen agiere. Herrmanns Antwort: Die Mittelschicht betrüge sich selbst, sie fühle sich subjektiv als zur Elite zugehörig (S. 11). Die Mittelschicht unterschätze, wie groß ökonomisch ihr Abstand zur Elite sei. Und sie verwende zu viel Aufmerksamkeit darauf, sich von der Unterschicht abzugrenzen (S. 12). In Sätzen wie: „Trotzdem wendet sie [die Mittelschicht] sich weiter gegen die Unterschicht und nicht gegen die Eliten“ (S. 13) wird implizit der Wunsch der Autorin sichtbar, die Mittelschicht solle sich gegen die Eliten auflehnen.

Und weil die Mittelschicht nicht das tut, was nach Meinung von Herrmann in ihrem ureigenem Interesse ist, versucht sie, Erklärungen dafür anzubieten. Denn eigentlich, so meint sie, liege es „im eigenen Interesse der Mittelschicht, sich mit den Armen zu verbünden“ (S. 13). Ihre zentrale These ist, „dass die Mittelschicht ihre wahren ökonomischen Interessen verkennt, weil sie sich als Elite inszenieren will“ (S. 174). Deutschland sei zwar „objektiv eine Klassengesellschaft“, aber in der subjektiven Wahrnehmung sei sie eine „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“. In Umfragen verorten sich nur neun Prozent in der Oberschicht und nur drei Prozent in der Unterschicht (S. 20).

Zu Recht kritisiert sie, dass die Wissenschaft sich kaum mit den Reichen beschäftigt hat und es kaum Daten dazu gibt. Dies gelte beispielsweise für den Armuts- und Reichtumsbericht, in dem man nur wenig über die Reichen finde (S. 31). Die gravierenden methodischen Mängel der zahlreichen „Wealth Reports“ von Banken und anderen Vermögensverwaltern kritisiert sie zu Recht (S.26 ff.) Dass es „politisch gewollt“ sei, dass die Menschen nur „wenig über die Reichen erfahren“, halte ich dagegen für eine fragliche Interpretation.

Herrmann beklagt die große Vermögensungleichheit und zitiert die Arbeiten des marxistischen Eliteforschers Michael Hartmann, der zu belegen versucht, dass die Eliten unter sich blieben und es kaum Möglichkeiten zum sozialen Aufstieg gebe (S. 43 ff.). Sie kritisiert, dass viele Menschen der Meinung sind, es seien auch die „Fähigkeiten“, die mit Reichtum belohnt würden (S. 48). Und sie kritisiert, dass Reichtum „keineswegs grundlegend in Frage gestellt“ werde (S. 49). Sie betont, dass es nicht vor allem die Fähigkeiten seien, die wichtig sind, um in Spitzenpositionen aufzusteigen, sondern die Kontakte (S.49), wobei sie offenbar davon ausgeht, dass diese Kontakte nicht selbst geschaffen sind, sondern überwiegend ein Ergebnis familiärer Beziehungen.

Herrmann kennt die Zahlen, wonach die untere Hälfte der Bevölkerung fast gar keine Einkommensteuer zahlt, während die obersten 20 Prozent im Jahr 2004 fast drei Viertel der Einkommensteuer zahlten. „2005 zahlte das reichste Prozent der Steuerpflichtigen bereits 22,7 Prozent aller Einkommensteuern.“ (S. 163). Dies sei natürlich kein Grund zum „Mitleid“, denn dies zeige nur, wie begütert die obersten Schichten seien.
Sie argumentiert, dass es für Multimillionäre zahlreiche Freibeträge, Abzugsbeträge und andere Vergünstigen gebe, die sie steuersparend nutzen könnten (S. 76). Die Reichen würden weniger stark belastet als die Mittelschicht, weil bei der Mittelschicht vor allem die Sozialausgaben zu der hohen Gesamtbelastung führten. Die Autorin weist darauf hin, dass der Spitzensteuersatz nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen 53 und 56 Prozent gelegen habe, aber heute bei 42 Prozent liege. Und sie kritisiert, dass die Abgeltungssteuer bei nur 25 Prozent liege (S. 164).

Die Illusionen der Mittelschicht über den sozialen Aufstieg stammten aus der Nachkriegszeit, wo dies tatsächlich möglich gewesen sei. Inzwischen fielen jedoch die Reallöhne (S. 86). Sozialpsychologisch bedeutsam sei, dass eine „neue Schicht der Ausgeschlossenen“ entstanden sei, also Arbeitslose (S. 88). Wer nicht zu dieser Gruppe gehöre, fühle sich bereits dazugehörig. „Es wird nicht mehr thematisiert, dass es Herrscher und Beherrschte, Ausbeuter und Ausgebeutete, Arme und Reiche gibt“ (S. 89). „Anders ausgedrückt: Ausgerechnet die Massenarbeitslosigkeit verleitet die Beschäftigten der Mittelschicht dazu, sich mit der Elite zu identifizieren. Sie fühlen sich bereits herausgehoben, nur weil sie nicht zu den Ausgestoßenen zählen.“ (S. 90).

Wut sollte sich nicht nur gegen Manager richten, sondern auch gegen die Eigentümer

Herrmann kritisiert hohe Managergehälter. Es wäre „ein Trugschluss zu glauben, dass Aktionäre wie die restliche Bevölkerung empfinden und sich über die überhöhten Gehälter empören würden. Aktionäre kalkulieren kühl. Sie wollen motivierte Manager…“ Als „angemessen“ gelte aus dieser Perspektive, „was die Aktionäre für ungemessen halten“ (S. 94). Die Autorin hält die hohen Managergehälter nicht für angemessen, denn: „Selbst in einem ganzen Leben kann ein Buchhalter nicht erwirtschaften, was ein Topmanager in einem Jahr erhält“ (S. 93). Die Kritik der Autorin geht jedoch über die Empörung über die Managergehälter hinaus: „Die Wut konzentriert sich auf die Manager, aber die eigentlichen Firmenbesitzer bleiben ausgespart: Über die Gewinne der Kapitaleigner wird nicht diskutiert, die Erträge der Vermögenden sind tabu.“ (S.97) Und: „Insofern ist die Kritik an ihren Gehältern durchaus berechtigt. Trotzdem wird im Zorn auf die Manager eine seltsam blinde Form des Klassenkampfes aufgeführt. Die Klasse der Kapitaleigner wird ignoriert, stattdessen geht die Klasse der abhängig Beschäftigten aufeinander los.“ (S.97).

Herrmann zeigt einerseits, dass die verbreitete Angst vor Akademikerarbeitslosigkeit objektiv unbegründet ist und belegt, dass die Ängste der Mittelschicht vor dem Abstieg über lange Zeit wenig Fundierung in den tatsächlichen Zahlen hatte (S. 120) Inzwischen, so meint sie, sei aus der früher unbegründeten Sorge eine begründete Sorge geworden, denn tatsächlich schrumpfe die Mittelschicht inzwischen (S. 121).

Sie beklagt Stimmungsmache gegen Hartz IV-Empfänger und schreibt: „Von den Hartz IV-Empfängern betrügt fast niemand…. Hartz IV-Empfänger wollen nicht betrügen – sondern arbeiten.“ (S. 133) Die „permanente Kriminalisierung der Armen“ geschehe nicht zufällig, sondern erfülle eine „politische Funktion“: „Es wird nahegelegt, dass nicht die Reichen die Armen ausbeuten – sondern umgekehrt die Armen die Reichen.“ (S. 134). Schwarzarbeit sei ein völlig überschätztes Phänomen – die Autorin bezweifelt viele Zahlen, die öffentlich diskutiert werden. Deutschland sei jedoch eine „Steueroase für Reiche, doch die große Empörung bleibt aus… Doch im Alltag ist die allgegenwärtige Steuerhinterziehung der Spitzenverdiener kein Thema… Betrug von Reichen wird also toleriert – und bei den Armen erbittert bekämpft.“ (S. 145) Und: „Es sind nicht mehr die Unternehmer, die ihre Angestellten ausbeuten – stattdessen beuten angeblich die Armen die Mittelschicht aus.“ (S. 158). Diese Fehlwahrnehmung der Mittelschicht zu entlarven, ist das hauptsächliche Anliegen der Autorin.

Durchweg durchzieht das Buch – explizit oder implizit – die Klage, dass die Mittelschicht sich nicht gegen die Eliten bzw. gegen die Kapitalbesitzer wenden und ihre „objektiven Interessen“ nicht erkennen würden. Die Autorin geht dabei unausgesprochen von einem Antagonismus der Interessen zwischen Kapitalisten und dem Rest der Bevölkerung aus, ohne zu belegen, dass es diesen Interessengegensatz wirklich gibt.

Wenige Jahre nach Erscheinen ist das Buch widerlegt

Es war interessant, dieses Buch zu lesen, das 2010 erstmals erschien, aber offenbar für die Folgeauflagen nicht überarbeitet wurde. So kann man die Irrtümer von Herrmann sehr gut nachvollziehen: Sie hat aus einer Momentaufnahme (z.B. nicht mehr steigende Reallöhne etc.) grundsätzliche Aussagen abgeleitet, die jedoch schon wenige Jahre nach Erscheinen des Buches durch die tatsächliche Entwicklung widerlegt wurden. Beispiele:

Herrmann: „Doch stattdessen werden die Einkommensteuern fortwährend gesenkt.“ (S.116). Sie kritisiert mehrfach die „permanenten Steuersenkungen“ in Deutschland (S. 166). Die letzte Senkung war jedoch unter Gerhard Schröder und liegt nun bald 20 Jahre zurück. Seitdem wurden die Steuern für Besserverdienende nicht gesenkt, sondern durch Einführung der Reichensteuer von 45% im Jahr 2008 sogar erhöht. Von einer „fortwährenden Steuersenkung“ für Reiche kann also nicht die Rede sein.

Der bei Linken beliebte Hinweis auf die höhere Einkommensteuer zu Zeiten Helmut Kohls, der sich auch in diesem Buch findet, überzeugt nicht. Damals dominierten Steuersparmodelle, die alle durch die Schröder-Regierung abgeschafft wurden (§ 2b EStG, § 2 Abs. 3 EStG). Kaum ein Spitzenverdiener zahlte damals die nominal hohen Steuern. Aufgrund der kalten Progression unterliegen zudem heute viel mehr Menschen dem Spitzensteuersatz als damals.

2010 prognostizierte Herrmann: „Doch dürfte die Zahl der Erwerbslosen noch kräftig steigen.“ (S. 121) Das Gegenteil ist inzwischen eingetreten. Die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie sie seit der Wiedervereinigung nie war. Selten wurde eine These so rasch durch die Wirklichkeit widerlegt. Das trifft auch für eine andere Behauptung zu: „Denn die Reallöhne sinken seit Jahren und sie fallen nicht nur in Krisen, sondern auch im Boom gibt es keine Lohnsteigerungen mehr.“ (S. 123) Tatsächlich sind die Reallöhne in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Sie hat eine Momentaufnahme, die 2010 zutreffend war, in unzulässiger Weise verallgemeinert. Das trifft auch für folgende These zu: Das „Lohndumping“ sei der Grund dafür, „dass das Wachstum in Deutschland inzwischen weit geringer als in den meisten anderen EU-Ländern ausfällt.“ (S. 126) Tatsächlich ist Deutschland inzwischen wieder eines der EU-Länder mit dem höchsten Wachstum.

Soweit die Kritik an den drei Büchern von Ulrike Herrmann. Ich hoffe, sie veröffentlicht auch ihre Kritik an meinen Büchern. Das Weltethos-Institut hat die Diskussion aufgezeichnet und ich werde den Link veröffentlichen, sobald die Aufzeichnung vorliegt (es wurde mir angekündigt, dass das etwa eine Woche dauert).

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Peter Brandt, Oskar Lafontaine, Wolfgang Ockenfels .

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