Das Jahr der Geschichtsklitterung

Rainer Zitelmann8.05.2018Gesellschaft & Kultur, Medien

2018 entwickelt sich zum Jahr der großen Geschichtsverfälschung: Was sind die Gemeinsamkeiten in der Glorifizierung von Karl Marx und der 68er-Revolte?

Liest man all die unzähligen Artikel zum 200. Geburtstag von Karl Marx und zum 50. Jahrestag der 68er-Revolte, dann werden erstaunliche Gemeinsamkeiten in der Verfälschung des Geschichtsbildes deutlich:

1. Ausblendung der Gewalt und Umdeutung der Ziele

Marx und die 68er werden von Revolutionären, deren erklärtes Ziel die gewaltsame Zerschlagung der bürgerlichen Gesellschaftsordnung war, zu harmlosen Reformern. Nicht nur in den tagesthemen, sondern in zahllosen Artikeln mutiert Marx zu einem von gerechter moralischer Empörung über Kinderarbeit und lange Arbeitszeiten motivierter „Sozialreformer“, der sich gegen die „Auswüchse“ des Kapitalismus gewandt habe. Das ist abwegig. Marx wandte sich nicht gegen irgendwelche „Auswüchse“ des Kapitalismus und wollte das System nicht reformieren, sondern er wollte es durch eine gewaltsame Revolution zerschlagen und an dessen Stelle die Diktatur des Proletariats setzen. Gleiches gilt für die 68er. Auch sie waren keine harmlosen Sozialreformer. Im Gegenteil: „Reformismus“ war für sie das schlimmste Schimpfwort. Vielmehr verstanden sie sich als Revolutionäre gegen das verhasste „System“, also gegen die demokratische und marktwirtschaftliche Ordnung der Bundesrepublik. Und sie trugen eben keine Plakate von Mutter Theresa und Gandhi mit sich, sondern von Lenin, Che Guevara, Ho-Chi-Minh und Mao.

2. Horrorbild der Verhältnisse, gegen die sich Marx und die 68er wandten

So wie die Ziele und die Methoden von Marx und den 68ern systematisch verfälscht, verharmlost und beschönigt werden, so wird von den Verhältnisse, gegen die sie sich richteten, ein verzerrtes Horrorbild gezeichnet. Der Trick: Die Verhältnisse vor 150 Jahren werden verglichen mit denen von heute – und da müssen sie natürlich schrecklich erscheinen. Was dabei nicht gesagt wird: Dass die Verhältnisse für die Menschen heute sehr viel besser sind als zu den Zeiten von Marx ist ja nicht dessen Verdienst, sondern das Verdienst genau jenes Systems, das er vernichten wollte, nämlich des Kapitalismus. Und es ist natürlich unredlich und unhistorisch, die Verhältnisse im Frühkapitalismus nur mit unseren heutigen Standards zu vergleichen. Historisch Ungebildete glauben, vor der Entstehung des Kapitalismus hätten die Menschen glückselig gelebt und dann sei plötzlich die Sünde der brutalen kapitalistischen Ausbeutung mit Kinderarbeit und überlangen Arbeitszeiten über sie hereingebrochen. Marx selbst wusste es besser und lobte den Kapitalismus als großen zivilisatorischen Fortschritt im Vergleich zu vorangegangenen gesellschaftlichen Verhältnissen. Dass die Mehrheit der Menschen vor der Entstehung des Kapitalismus in schlimmster Armut und Not lebte, wird in den „200 Jahre Marx“-Artikeln verschwiegen.
Auch von den Verhältnissen vor 1968 wird ein Zerrbild gezeichnet, damit die Verdienste der 68er noch größer erscheinen können. Diese wandten sich angeblich gegen die vermiefte Adenauerzeit (die in Wahrheit längst vorbei war) und thematisierten angeblich erstmals das Unrecht der NS-Zeit (was tatsächlich längst vorher geschehen war). Die 68er waren angeblich von pazifistischer Empörung gegen den Vietnamkrieg getragen (während sie in Wahrheit „Sieg im Volkskrieg“ skandierten). Alles, was damals vermeintlich oder wirklich schlechter war und heute vermeintlich oder wirklich besser ist, wird den 68ern zugute gehalten, ob nun Kinder heute weniger geschlagen werden oder die Vergewaltigung in der Ehe strafbar ist. Gesellschaftliche Entwicklungen, die längst vor 68 begonnen hatten bzw. gar nichts damit zu tun hatten, werden als Ergebnis der 68er-Revolte verklärt.

3. Folgewirkungen entkoppelt

Dagegen werden die verhängnisvollen Folgewirkungen sowohl von Marx als auch von den 68ern von den „eigentlich“ hehren „humanistischen“ Ideen entkoppelt. Max Horkheimer, einer der Vordenker der 68er, sagte: „Wer vom Kapitalismus nicht reden will, soll vom Faschismus schweigen.“ Ich sage: Wer von den 100 Millionen Toten des Kommunismus nicht reden will, soll vom Marxismus schweigen. Der „große Denker“ Marx wird systematisch entkoppelt von den unmenschlichen Diktaturen, die sich auf ihn beriefen; angeblich hätten ihn alle missverstanden. Und die 68er? In den 70er-Jahren teilten sie sich in verschiedene Strömungen auf: Die Mehrheit war in maoistischen Gruppen organisiert, deren Sympathien mörderischen Systemen wie in Kambodscha und China galt – später landeten viele davon bei den Grünen. Andere gingen den Weg in den Terrorismus – so die „Bewegung 2. Juni“ oder die RAF. Alles, was unappetitlich ist, wird jedoch von Marx und den 68ern entkoppelt, weil es nicht zur Geschichtsverklärung passt. Auch die gesellschaftlichen Fehlentwicklungen, die 1968 ihren Ursprung hatten, werden nicht thematisiert.

Fazit: Die Gemeinsamkeit in der Geschichtsverklärung liegt darin, dass einerseits ein Horrorbild der Verhältnisse vor 150 bzw. vor 50 Jahren gezeichnet wird, damit dann andererseits die Motive derjenigen, die diese Verhältnisse mit Gewalt beseitigen wollten, umso edler erscheinen können. Aus Marx und den 68ern werden harmlose und gutmeinende Sozialreformer gemacht. Dass sie den gewaltsamen Umsturz und die Zerschlagung der bürgerlichen Gesellschaft propagierten, wird ebenso unterschlagen wie die mörderische Praxis der Nachfolger.

Die Linken und Grünen feiern und glorifizieren ihre Gründerväter Marx und die 68er – und das naive Bürgertum feiert natürlich fröhlich mit, ob nun aus Unkenntnis oder Opportunismus sei dahingestellt.

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