„Deutschland sind wir alle“ – aber wer sind „wir alle“?

von Rainer Zitelmann30.03.2018Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

„Deutschland sind wir alle“, schloss Merkel ihre Regierungserklärung. Die Kanzlerin sagt gerne „wir“ („wir schaffen das“). Aber wer sind denn „wir alle“?

Diese Frage stellt auch Jasper von Altenbockum in seinem lesenswerten Kommentar auf der ersten Seite der FAZ: „Bemerkenswert war der Satz Angela Merkels, weil zu ihrer Rechten im Parlament auch die Abgeordneten der radikalen Gegenbewegung zur moralischen Identitätshysterie im Linksliberalismus saßen. Gehören auch sie zu ‚Wir alle’? Wäre es so, dann könnte diese Koalition doch noch eine segensreiche Wirkung entfalten.“

Diese Frage ist gut, obwohl ich den Begriff „Linksliberalismus“ nicht mag (das ist wie eine quadratischer Kreis). Und die Frage ist gut, obwohl die Hoffnung auf eine segensreiche Wirkung dieser Koalition aus meiner Sicht keine größere Berechtigung hat als die, dass aus Merkel noch mal eine gute Kanzlerin wird.

Aber in der Tat: Wer sind „wir alle“? Merkel erklärte sich schon einmal in einem TV-Interview für alle in Deutschland lebenden Türken „zuständig“, also auch für all jene, die keinen deutschen Pass haben wollen (und von denen manche selbst eher der Meinung sind, Erdogan sei für sie „zuständig“). Merkels Begründung damals: Sie hätten ja die gleichen Rechte und Pflichten wie die Deutschen (was natürlich nicht stimmt, man denke beispielsweise an das Wahlrecht).

„Wir alle“, das umschließt für Merkel und die politische Linke selbstverständlich auch jeden Menschen, der an der deutschen Grenze das Wort „Asyl“ ausspricht.

Wer nicht dazu gehört

Spannender ist die Frage: Wer aber gehört denn nicht dazu? “Rechtspopulisten”:http://www.theeuropean.de/vera-lengsfeld/13438-das-gift-des-rechtspopulismus und überhaupt all jene, die irgendwie “rechts”:http://www.theeuropean.de/debatte/152-rechtspopulismus sind, gehören nach Meinung der „anständigen Deutschen“ auf jeden Fall nicht dazu. Machen diese irgendwo in Deutschland von ihrem Demonstrationsrecht Gebrauch, dann sind die anständigen Deutschen stolz, wenn sie eine solche Veranstaltung mit Blockaden und „Nazis raus“-Rufen verhindern. Man mag fragen: „Raus“ – aber wohin denn? Raus aus der Stadt? Dann ertönt der gleiche Ruf in einer anderen Stadt. „Raus aus Deutschland“? Ich kenne das noch aus meiner linken Zeit, da sagten uns die Konservativen: „Geht doch nach drüben“. In dem linken Portal TELEPOLIS heißt es heute schon mal bei den Leserkommentaren: „Geht doch nach Ungarn“.

Das Gefasel vom „Zusammenhalt“

Und wer gehört noch nicht zu dem „Wir alle“? Ständig faseln Politiker vom „Zusammenhalt“ der Gesellschaft. Ich kann das abgedroschene Wort schon nicht mehr hören. Die, die besonders laut vom „Zusammenhalt“ reden, hetzen gegen alle, denen es irgendwie besser geht.

Das fängt beim Privatpatienten an, der nicht dazu gehört, weil er so frech ist, als Gegenleistung für höhere Gebühren ungebührliche Privilegien (= kürzere Wartezeiten) für sich in Anspruch zu nehmen – und damit seit Monaten Zielscheibe des in moralischer Gleichheitsempörung verkleideten Neides ist.

Das geht weiter bei Managern, die, wenn sie auf die Einhaltung von Verträgen bestehen, vorzugsweise mit dem Zusatz „maßlos“ versehen werden und deren Gehälter als „obszön“ gelten, wenn der „Normalverdiener“ sie nicht verstehen kann. Dass sie überwiegend „unfähig“ sind, versteht sich dabei fast von selbst, auch wenn ihre Produkte auf der ganzen Welt gefragt sind.

Es hört auf beim Feindbild des „raffgierigen Bankers“, der als Sündenbock für alle Krisen dieser Welt verantwortlich gemacht wird. Und dem man es besonders übel nimmt, dass er statt einem Fixgehalt den größten Teil seines Gehaltes als erfolgsabhängige Vergütung („Boni“) ausgezahlt bekommt.

Sie alle sind aus dem „Zusammenhalt“ ausgegrenzt, sie haben guten Grund, den Eindruck zu gewinnen, dass sie mit „Wir alle“ ganz bestimmt nicht gemeint sind. Sie haben kaum noch öffentliche Fürsprecher und für sie alle gilt eben nicht, dass man sie nicht „ausgrenzen“ darf. Es gilt auch nicht der Satz, dass man sie nicht „unter Generalverdacht“ stellen dürfe. Im Gegenteil: es sind „die Rechten“, „die Manager“, „die Superreichen“, „die Banker“, über die von all jenen, die so stolz darauf sind, keinerlei Vorurteile zu hegen, bei jeder sich bietenden Gelegenheit abfällige Pauschalurteile gefällt werden. „Generalverdacht“ ist mit Blick auf diese Gruppen keineswegs schlimm, sondern geradezu erste Bürgerpflicht.

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