SPD beschwert sich beim Deutschen Presserat

Rainer Zitelmann21.02.2018Medien

Die SPD hat die Berichterstattung von BILD über den GroKo-Mitgliederentscheid scharf kritisiert und sich an den Deutschen Presserat gewandt. Der BILD-Bericht “Dieser Hund darf über die GroKo abstimmen” sei “in seiner Kernaussage falsch”, so die SPD.

BILD habe bei der Recherche durch Angabe falscher Identitäten beim Parteieintritt den deutschen Pressekodex verletzt. Es handele sich um “grobe Verstöße gegen die Grundsätze der journalistischen Ethik”, so beschwert sich die SPD.

Zur Vorgeschichte: Ein BILD-Redakteur hatte für eine Hündin namens Lima eine Mitgliedschaft in der SPD beantragt. Die SPD zeigte sich erfreut und antwortete prompt – natürlich ohne zu wissen, dass Lima eine Hündin ist: „Wir freuen uns, dass Du Dich entschieden hast, Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands zu werden.“ Der Antrag sei „erfolgreich versendet. Nach erfolgreicher Prüfung erhältst Du Dein persönliches Parteibuch.“ Am 6. Februar, 18.03 Uhr – drei Minuten nach Ablauf der Frist schrieb die SPD-Landesgeschäftsführerin: „Liebe Lima, ich freue mich sehr über Deinen Eintritt in die SPD. (…) Dein Eintritt wurde in die Mitgliederdatenbank erfasst, das bedeutet: Du kannst am Mitgliedervotum über einen möglichen Koalitionsvertrag teilnehmen!“

BILD wollte zeigen, wie oberflächlich neue Mitgliedschaftsanträge der SPD – vor dem Mitgliedervotum – geprüft werden. Die SPD hatte behauptet, alle Anträge würden sorgfältig unter die Lupe
genommen.

Getroffener Hund bellt!

Und nun beschwert sich die SPD über BILD beim Deutschen Presserat. Das ist erstaunlich! Wer war denn der große und begeistert gefeierte Held aller Linken in Deutschland – auch und gerade der SPD? Günther Wallraff alias Hans Esser und alias Ali und alias vieles andere. Der Mann, der BILD entlarvte – und auch sonst überall gegen Ungerechtigkeit und kapitalistische Ausbeutung kämpfte, stets unter Angabe falscher Identitäten. Im Jahre 1977 arbeitete Wallraff dreieinhalb Monate lang als Redakteur bei BILD, und zwar unter falscher Identität. In seinem Buch „Der Aufmacher. Der Mann, der bei ‚Bild’ Hans Esser war“ schildert er seine Erfahrungen in der BILD-Redaktion und kritisierte journalistische Versäumnisse und unsaubere Recherchemethoden des Blattes. Das Buch war Pflichtlektüre in vielen Schulklassen – auch ich habe es als Schüler mit Begeisterung gelesen. Und mein Deutschlehrer war ebenso begeistert von Wallraff und seinen Recherchemethoden.

Der Deutsche Presserat, bei dem sich die SPD jetzt beschwert, sprach damals allerdings sechs Rügen aus – sowohl gegen BILD als auch gegen Wallraff. Wallraff wurde für seine „nicht zulässige verdeckte Recherche“ gerügt. Die Axel Springer AG verklagte Wallraff daraufhin mehrfach, sodass in den weiteren Auflagen etliche Passagen geändert wurden.

Wallraff ist jedoch bis heute ein gefeierter Held, und zwar gerade wegen seiner verdeckten Recherchemethoden. BILD hat jetzt – durch Beantragung der Parteimitgliedschaft eines Hundes bei der SPD – mit ähnlichen Methoden gearbeitet, für die Wallraff stets gefeiert wurde. Aber wenn BILD selbst Wallraff spielt, versteht die SPD keinen Spaß. Vielleicht wird man aber auch Umfrageergebnissen um die 16 Prozent ein wenig dünnhäutig.

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