Ankläger gegen „die Reichen“ auf der Anklagebank

von Rainer Zitelmann14.02.2018Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Oxfam hat sich als oberster Ankläger gegen die Reichen dieser Welt und Hüterin der Moral positioniert. Jetzt versinkt die Organisation in Skandalen wegen Förderung der Prostitution und Korruption. Nach dem Rücktritt der Vizepräsidentin wegen des Prostitutionsskandals wurde der Präsident gestern wegen Korruption verhaftet.

Mit „Enthüllungen“ wie diesen machte Oxfam immer wieder Schlagzeilen – und alle Medien berichteten groß: „82 Prozent des im vergangenen Jahr erwirtschafteten Vermögens ist in die Taschen des reichsten Prozents der Weltbevölkerung geflossen. Die 3,7 Milliarden Menschen, die die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung ausmachen, haben dagegen überhaupt nicht vom Vermögenswachstum profitiert. Oxfam fordert, die Steuervermeidung von Konzernen und Superreichen zu stoppen.“ Der Oxfam-Bericht „Reward Work, not Wealth“, der ein gewaltiges Medienecho erhielt, beklagte, wie sich der „Graben zwischen Reich und Arm weiter vertieft und wie Konzerne und Superreiche ihre Gewinne erhöhen, indem sie Löhne drücken und Steuern vermeiden – auf Kosten normaler Arbeiter/innen und Angestellter sowie des Allgemeinwohls“. Der größte Skandal sei: „Zwischen 2016 und 2017 ist die Zahl der Milliardäre angestiegen wie nie zuvor – alle zwei Tage kam ein neuer Milliardär hinzu. Mit 2043 Milliardären lag sie im Jahr 2017 auf einem Rekordhoch.“

Riesiges Medienecho für Fake-News-Berichte

Doch obwohl Oxfam sich der Sympathie aller Antikapitalisten gewiss sein konnte, hatte es die Organisation übertrieben, weil die Sensationsberichte schon einer oberflächlichen Nachprüfung nicht standhielten. Sogar die „Süddeutsche Zeitung“, die gewiss nicht im Verdacht steht, Reiche und Kapitalisten zu verteidigen, machte sich über den letzten Oxfam-Bericht lustig: „Die acht reichsten Männer der Erde besitzen so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, behauptet Oxfam in einem neuen Bericht, der an diesem Montag für viel Aufsehen sorgt. Im vergangenen Jahr hatte Oxfam noch verkündet, das Vermögen der 62 reichsten Personen entspreche dem der ärmeren Hälfte. Und jetzt nur noch acht Leute! Ist das nicht der Beweis, dass die Welt vor die Hunde geht? Nein. Denn die Zahl ‚acht’ ist ziemlich sicher falsch.“ Vieles an dem Oxfam-Bericht war wirr. So wurde kritisiert, dass wegen fragwürdiger Berechnungsmethoden ein US-Student mit Studienkrediten im Report schlechter dastehe als ein schuldenfreier, aber bitterarmer Bettler aus Burundi.

Verschwiegen wurde in den Berichten vor allem, dass gerade in jenen Ländern, wo die Zahl der Superreichen am stärksten zugenommen hat (wie etwa in China) zugleich die Zahl der Armen am stärksten gesunken ist. Der Gleichung: „mehr Superreiche = mehr Armut“ ist nachweislich falsch.

Trotz falscher Zahlen und Methoden bekamen die reißerisch aufgemachten Berichte von Oxfam über „Ungerechtigkeit“ und gegen „Superreiche“ weltweit ein gewaltiges Medienecho – weil sie wunderbar in die antikapitalistische Grundstimmung passten. Doch nun müssen die Medien über ganz andere Themen berichten:

Präsident wegen Korruptionsvorwurf verhaftet

Oxfam stand zuletzt in der Kritik, weil Mitarbeiter in Haiti und dem Tschad Sexpartys mit Prostituierten gefeiert haben sollen. Zudem sollen Oxfam-Angestellte Nothilfe nur gegen sexuelle Gefälligkeiten geleistet haben. Die Vizechefin von Oxfam Großbritannien, Penny Lawrence, trat zurück. Einen Tag nach ihrem Rücktritt ist nun der Oxfam-Präsident in einem anderen Zusammenhang verhaftet worden: Juan Alberto Fuentes Knight wurde nach Angaben der Staatsanwaltschaft zusammen mit dem ehemaligen Staatschef von Guatemala, Álvaro Colom, wegen Korruptionsvorwürfen abgeführt.

Hilfe für die Armen gegen Sex?

Unterdessen werden immer mehr Einzelheiten bekannt, die ein fragwürdiges Licht auf jene Organisation werfen, die sich als Anwältin der Armen und Anklägerin gegen die Reichen positioniert hat: Die britische Zeitung “The Times” berichtet, Oxfam-Mitarbeiter hätten während ihres Einsatzes nach dem Erdbeben in Haiti im Jahr 2010 Sexorgien mit Prostituierten gefeiert. Die Partys sollen in einer von der Organisation gemieteten Villa stattgefunden haben. Das britische Wochenblatt “The Observer” berichtete, im Tschad seien 2006 wiederholt mutmaßliche Prostituierte in das Haus des Oxfam-Teams eingeladen worden. Ein leitender Mitarbeiter sei damals wegen seines Verhaltens entlassen worden.

Helen Evans, eine frühere Topmanagerin bei Oxfam, berichtete von Nötigungen während Hilfseinsätzen: Im Interview mit dem britischen Sender Channel 4 sagte sie, Mitarbeiter hätten Frauen in Notlagen zu sexuellen Handlungen gezwungen. Evans war von 2012 bis 2015 “Head of Safeguarding” bei der Organisation, zu deren Aufgaben Schutz vor sexueller Ausbeutung gehört. Bei einer Befragung von 120 Oxfam-Mitarbeitern in drei Ländern habe mehr als ein Zehntel der Befragten berichtet, Vergewaltigungsversuchen durch Oxfam-Mitarbeiter ausgesetzt gewesen zu sein oder Zeuge sexueller Nötigungen gewesen zu sein.

Skandale sollten vertuscht werden

Als Evans ihren Bericht den Vorgesetzten vorstellen wollte, sei ihr eine Stunde vor dem Meeting gesagt worden, sie werde “nicht mehr gebraucht”, in ihrem Bericht sei bereits alles enthalten, was habe gesagt werden müssen. In einer E-Mail soll Oxfams Generaldirektor Mark Goldring ihr geschrieben haben, die Vorfälle seien beunruhigend, aber es gebe nichts, was man als Gruppe in dieser Situation beitragen könne.

Auch bei Hilfseinsätzen von Oxfam soll es zu Übergriffen gekommen sein, berichtet Evans: Binnen 24 Stunden habe sie Kenntnis von drei Fällen erlangt, in denen bedürftige Frauen von Mitarbeitern zu sexuellen Handlungen genötigt worden seien – in zwei Fällen im Austausch gegen Hilfsgüter. Zudem seien drei Vorwürfe von Kindesmissbrauch an sie herangetragen worden. Auch diesen Vorfällen sei Evans zufolge vonseiten der Organisation nur ungenügend nachgegangen worden.

Es scheint so, als müsse sich Oxfam eine zeitlang eher mit der eigenen Moral beschäftigen als damit, fragwürdige Berichte zu verbreiten, in denen Stimmung gegen den Kapitalismus gemacht wird. Enttäuschend müssen die Berichte vor allem für die vielen ehrlich engagierten Mitarbeiter sein, die sich aus Idealismus der Organisation angeschlossen hatten, um gegen die Armut in der Welt zu kämpfen. Journalisten sollten aber kritisch prüfen, ob sie künftig den reißerischen Berichten einer Organisation ein so breites Echo einräumen wollen, die nicht nur erwiesenermaßen falsch sind, sondern die nun darüber hinaus in dem Verdacht steht, die Not armer Menschen schamlos ausgenutzt zu haben.

Oxfam-Skandal – kein Einzelfall

Der Oxfam-Skandal ist kein Einzelfall. Im Jahr 2009 geriet in den USA die linke „Hilfsorganisation“ ACORN in die Kritik. Die Association of Community Organizations for Reform Now, verwaltete ein Budget von über 100 Mio. Dollar und hatte über 400.000 Mitglieder in über einhundert Städten in den USA. Eine unrühmliche Rolle spielte sie in der sogenannten „Subprime-Krise“ in den USA. Sie prangerte in aggressiven Kampagnen Finanzinstitute an, die nicht ausreichend Kredite an einkommensschwache Haushalte und Minderheiten vergaben – also die berüchtigten Subprime-Kredite. Ziel war es, Finanzdienstleister durch öffentlichen Druck zu zwingen, die Kreditvergabebedingungen zu lockern, was bekanntlich eine der Ursachen für die Hauspreiskrise war, die dann zur weltweiten Finanzkrise führte. Im Vorfeld ihres im November 2001 vollzogenen Zusammenschlusses spendeten die Großbanken Chase Manhattan und J.P. Morgan Hunderttausende Dollars an diese Organisation, um die Fusion nicht zu gefährden. 2009 wurde die bisherige Unterstützung von Acorn mit Bundesmitteln eingestellt, nachdem Aufnahmen mit einer versteckten Filmkamera nahelegten, dass Acorn-Berater Tipps gegeben hatten, wie man Kinderprostitution organisieren, Steuern hinterziehen und Mädchen aus El Salvador ins Land schmuggeln kann. Kurz darauf ging die Organisation pleite.

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