Warum sind Menschen für Umverteilung?

von Rainer Zitelmann29.01.2018Wirtschaft

Ein internationales Team von Psychologen führte 13 Studien mit 6.024 Teilnehmern in den USA, Großbritannien, Indien und Israel durch. Leitfrage war die psychologische Motivation zur Unterstützung von Umverteilung.

Was sind die psychologischen Hintergründe dafür, dass Menschen dafür eintreten, durch höhere Steuern für die Reichen Vermögen umzuverteilen? Welche Rolle spielt beispielsweise der Neid? Welche Rolle spielen Vorstellungen von Fairness? Hierzu gab es eine bahnbrechende und groß angelegte internationale Studie, die jüngst von Daniel Sznycer und anderen in einer amerikanischen Fachzeitschrift veröffentlicht wurde. Titel: „Support for redistribution is shaped by compassion, envy, and self-interest, but not a taste of fairness.“ http://www.pnas.org/content/114/31/8420

Das Design der Studie

1. Die Zustimmung der Befragten zur Umverteilung wurde durch Fragen wie diese gemessen: „Wealth should be taken from the rich and given to the poor“ oder auch „The government spends too much money on the unemployed“.

2. Mitgefühl (dispositional compassion) wurde gemessen mit Aussagen wie: „I suffer from others’ sorrows“ oder „I tend to dislike soft-hearted people“.

3. Neid wurde mit Fragen gemessen wie: “I feel envy every day” und “It is so frustrating to see some people succeed so easily.”

4. Der erwartete persönliche Vorteil von Umverteilung wurde durch folgende Frage gemessen: „Imagine that a policy of higher taxes on the wealthy is implemented. What overall impact do you think the higher taxes on the wealthy would have on you?“ Auf einer Skala von 1 bis 5 konnten die Befragten angeben: “My own economic situation would significantly worsen – improve.”

5. Es wurden zwei Szenarien als Folge höherer Steuern alternativ dargestellt:

a.) Die Reichen (definiert als das 1% der vermögendsten Personen) zahlen 10% mehr Steuern. Die Armen bekommen entsprechend mehr Geld, das sind in diesem Fall 200 Millionen Euro.

b.) Die Reichen zahlen 50% mehr Steuern, aber die Armen bekommen statt 200 Millionen nur 100 Millionen mehr Geld. (Um dies für die Befragten zu plausibilisieren, wurde erklärt, dass die Reichen mehr verdienten als die Steuersätze niedriger waren, so dass mehr Steuern generiert wurden, die dann an die Armen umverteilt werden konnten).

6. Fairness ist schwerer zu messen, da jeder etwas anderes darunter versteht. Die Autoren der Studie entschieden sich, in getrennten Fragen die Zustimmung zur „procedural fairness“ und zur „distributional fairness“ zu messen.

a.) Die Zustimmung zur “procedural fairness” wurde gemessen mit Fragen wie: „The law of the land should apply to everybody in the same way.“ Oder: “It would not bother me much, if different groups or people were subject to different rules” (reversed).

b.) Die Zustimmung zur “distributional fairness” wurde gemessen, indem sieben Entscheidungsfragen gestellt wurden, wie eine bestimmte Summe unter Individuen und Gruppen verteilt werden sollte. Es differierte sowohl die Summe als auch die Art der Verteilung.

Die Ergebnisse

Die Untersuchungen in allen vier Ländern ergaben, dass Fairness-Vorstellungen nur geringe oder gar keinen messbaren Auswirkungen auf die Befürwortung von Umverteilung hatten. Dies trifft für beide Fairness-Varianten (gleichmäßige Verteilung oder gleiche Regeln für alle) zu.

Das Alter hatte ebenfalls in keiner der Länderstudien Auswirkungen auf die Zustimmung der Umverteilung. Das Geschlecht hatte in den USA und Großbritannien stärkere Auswirkungen – Frauen waren hier eher gegen Umverteilung als Männer. Der sozioökonomische Status der Befragten hatte nur in Großbritannien einen (negativen) Effekt auf die Befürwortung von Umverteilung, in den anderen drei Ländern nicht. In den USA hatte auch die Parteipräferenz einen Einfluss – Demokraten unterstützten erwartungsgemäß eher die Umverteilung als die Republikaner

Die drei Faktoren Mitgefühl, Neid und Eigeninteresse hatten indes messbare Auswirkungen auf die Zustimmung zur Umverteilung, und zwar jeder einzelne Faktor, unabhängig voneinander. 14 – 18 Prozent der Befragten gingen sogar so weit, dass sie für eine Umverteilung durch sehr hohe Besteuerung der Reichen (50% mehr) auch dann wären, wenn im Ergebnis die Armen weniger (nämlich nur die Hälfte) bekommen würden als bei einer moderaten Steuererhöhung (10% mehr). Ihnen war offenbar das Gefühl der Befriedigung, wenn der Reichen möglichst viel weggenommen wird, wesentlich wichtiger als die Frage, was die Armen davon haben.
Ein weiteres Ergebnis: Je neidischer die Befragten sind, desto stärker präferierten sie bei den Befragungen in USA, Großbritannien und Indien das „wealthy-harming scenario“. Die Analyse zeigte, dass das Ausmaß des Mitgefühls die Bereitschaft erklärte (durch eigene Spenden) den Armen zu helfen, während das Ausmaß des Neides keine Auswirkungen auf die Hilfsbereitschaft hatte. Umgekehrt: „Evny, but not compassion, predicts a desire to tax the wealthy even when that costs the poor.“

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