Die Partei, die Partei, die hat immer recht

von Rainer Zitelmann20.10.2017Gesellschaft & Kultur, Medien

Ich bin selbst nationalliberal und habe viele Auseinandersetzungen mit Linksgrünen ausgefochten, aber zunehmend gehen mir auch Rechte auf die Nerven.

Was mich an Grünen & Linken nervt, sind der Habitus von Besserwisserei und Intoleranz gegenüber Andersdenken und ihr Antikapitalismus. Was mich an ihnen darüber hinaus nervt, ist ihre Wirklichkeitsverweigerung, die am deutlichsten bei Themen wie „Ausländer/Flüchtlinge“ zum Ausdruck kommt. Mich stört, dass sie mit statistischen Tricks Probleme wie etwa die bei Ausländern im Vergleich zu Deutschen höhere Kriminalität leugnen und bagatellisieren. Mich nerven zudem der Ökowahn und die Weltuntergangsszenarien vom Klimawandel, mich nerven der Genderquatsch und vor allem die Sprachregelungen der politischen Korrektheit. Soweit würden mir sicher viele Rechte zustimmen.

Abstruse Weltbilder

Aber: Wenn ich mir die Leserbriefspalten von Online-Medien anschaue, dann nerven mich zunehmend eben auch Kommentare von Leuten, die sich als AfD-Anhänger bezeichnen. Ich spreche hier wohlgemerkt nicht von der AfD, sondern von all den Leuten, die sich als deren Fürsprecher und Sympathisanten ausgeben. Deren abstruses Weltbild sieht etwa wie folgt aus:

Alle Parteien in Deutschland haben Böses in Sinn. Alle Politiker, außer natürlich die von der AfD, streben nur nach (angeblich) gut bezahlten Ministerposten und verfolgen im Übrigen einen üblen Plan, Deutschland abzuschaffen. Ausgeheckt wurde dieser Plan in Amerika, von Organisationen wie der „Atlantik-Brücke“ oder anderen finsteren Mächten, die die Welt dem Joch des Finanzkapitals unterwerfen wollen und darüber bei Geheimkonferenzen verhandeln. Merkel ist die willfährige Vollstreckerin dieser finsteren Pläne, wie eine Marionette wird sie von diesen Mächten gesteuert.

Aber nicht nur Merkel: Auch sämtliche Medien werden ferngesteuert, um das Ziel der Abschaffung Deutschlands und der Machtergreifung der Finstermächte voranzutreiben. Die Journalisten bekommen täglich genaue Befehle, wie sie zu berichten haben. Die einzige Partei, die das alles aufdeckt und verhindern wird, ist die AfD. Und jeder, der Kritik an dieser Partei äußert, ist entweder vollkommen blind oder steht auch im Dienste von geheimen Eliten – und ist Teil der Verschwörung.

Ich glaube nicht an Verschwörungen

Kennen Sie das alte kommunistische Kampflied? „Die Partei, die Partei, die Partei hat immer Recht“. Das kommt mir in den Kopf, wenn ich so manche Leserbriefe lese. Jeder, der meine Kommentare kennt, weiß: Ich halte weniger als Nichts von Merkel, den Grünen, den Linken. Und ich habe in unzähligen Kommentaren die öffentlich-rechtlichen Medien kritisiert. Aber: Ich glaube nicht an Verschwörungen. Ich halte andere Erklärungen für den verbreiteten linksgrünen Zeitgeist viel plausibler, so etwa den Konformitätsdruck in Gruppen, der den Antikapitalismus als identitätsstiftende Ersatzreligion im intellektuellen Milieu, insbesondere seit der Kulturrevolution von 1968, so wirkungsmächtig hat werden lassen. Ich halte auch nichts davon, die Arroganz von Linksgrünen gegenüber den sogenannten „Stammtischen“ durch eine rechte Idealisierung und Vergötterung des „Volkes“ zu ersetzen. Und ich bin bestimmt nicht deshalb für Trump, weil die Linken ihn nicht mögen und die öffentlich-rechtlichen Medien einseitig über ihn berichten – die Parole „der Feind meines Feindes ist mein Freund“ zeugt von Denkfaulheit.

Ich glaube nicht, dass Merkel von finsteren Mächten gesteuert wird, ja, ich glaube nicht einmal, dass sie irgendeine Überzeugung hat, sondern dass sie nur einem Gebot folgt, nämlich der Macht um der Macht willen. Und ich habe auch nichts gegen den Kapitalismus und die Globalisierung, ganz im Gegenteil: Der Kapitalismus hat in 200 Jahren mehr gegen Armut und für den Wohlstand gebracht als jedes andere Wirtschaftssystem in der Geschichte. Unsere Probleme kommen nicht daher, dass wir zu viel, sondern zu wenig Kapitalismus haben. Rechter Antikapitalismus ist nicht intelligenter als linker Antikapitalismus.

Wogegen ich etwas habe, sind Verbohrtheit, ideologische Verblendung, sektiererische Weltbilder und Verschwörungstheorien. Die findet man heute jedoch nicht nur bei Grünen und Linken, sondern zunehmend auch bei Rechten. Sicher nicht bei allen. Aber doch bei vielen. Neulich habe ich “zwei große Interviews für ein linkes Online-Medium gegeben”:https://www.heise.de/tp/features/Fuer-mich-ist-neoliberal-ein-Ehrentitel-3643242.html – die etwa 1.000 negativen Kommentare, in diesem Fall zu 95 Prozent von Linken, haben mich in ihrem intoleranten Duktus und im vielfach geäußerten Glauben an naive und abstruse Welterklärungen fatal an die rechten Kommentare erinnert, die ich in konservativen Online-Medien lese.

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