Warum musste Alice Weidel gehen?

Rainer Zitelmann6.09.2017Innenpolitik

Alle Medien berichten heute darüber, dass AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel vorzeitig die ZDF-Wahlsendung am Dienstag Abend verließ. Was war wirklich passiert?

Der Anlass war, dass CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer Alice Weidels Parteifreund Björn Höcke als Rechtsradikalen bezeichnete. Doch das war nicht der Grund, warum Alice Weidel ging. Es zeichnete sich schon vorher ab, als sie zunehmend entnervt reagierte, weil sie allein gegen die Moderatoren, die Vertreter von CDU, CSU, SPD, FDP, Grünen, Linken und einen Großteil des Publikums stand.

Allein gegen alle

Eine solche Situation ist nie einfach, aber sie ist auch nicht neu: Seit AfD-Vertreter im Fernsehen auftreten, muss sich jeder Vertreter der AfD mit genau dieser Situation auseinandersetzen: Allein gegen alle. Das galt schon für den Parteigründer Bernd Lucke, der gewiss kein Rechtsradikaler war, aber den man ständig versuchte, in diese Ecke zu stellen. Aufgabe von Moderatoren wäre es, dafür zu sorgen, dass gerade derjenige zu Wort kommt und ausreden kann, der eine Minderheitenmeinung vertritt – statt parteiisch zu sein, den Chor der Empörten zu verstärken und den Gast ständig zu unterbrechen. Doch diese Souveränität und Toleranz ist leider kein Markenzeichen deutscher Talkshow-Moderatoren.

Das Verhalten von Moderatoren und Vertretern anderer Parteien, die meinen, durch Unterbrechungen und demonstratives Zurschaustellen von Ekel und Abneigung antifaschistischen Bekenntniseifer demonstrieren zu müssen, ist erbärmlich. Abgesehen davon ist es auch dumm. Denn bei AfD-Anhängern wird dies regelmäßig das Gegenteil dessen bewirken, was man beabsichtigt, nämlich eine Solidarisierung und einen Effekt, den Psychologen als „Underdog-Identifikation“ bezeichnen. Wer sich lautstark für den Schutz von Minderheiten einsetzt und dann mit vereinten Kräften auf jemanden dreinschlägt, der anderer Meinung ist, wirkt nicht glaubwürdig.

Weidel ist der Situation nicht gewachsen

Alice Weidel ist einer solchen Situation nicht gewachsen. Weidel ist zweifelsohne intelligent. Sie schloss ihr VWL/BWL-Studium als Jahrgangsbeste ab und promovierte mit der Bestnote summa cum laude. Weidel weiß viel. Und auch derjenige, der die AfD nicht wählt, kann ihr inhaltlich an manchen Stellen beipflichten. Aber darauf kommt es halt in einer Fernsehsendung nicht in erster Linie an. Ihr Problem: Sie ist keine Sympathieträgerin. Sie ist sozusagen das Gegenteil von Gregor Gysi, dem es über Jahre hinweg gelang, seine zutiefst unsympathische Partei sympathisch darzustellen.

Zugegeben: Gysi hatte es viel einfacher, denn die meist eher linken Moderatoren machten es ihm einfach: Statt demonstrativ Abscheu zu bekunden, wie sie das bei AfD-Vertretern tun, scherzten sie mit ihm. Aber Gysi konnte eben auch mit Humor, Lockerheit Selbstironie und Schlagfertigkeit punkten. Weidel besitzt nichts davon.

Wer Weidel in dem Fünfkampf am Montag mit Lindner, Özdemir, Wagenknecht und Hermann gesehen hat, weiß was ich meine: Sie gebraucht ständig Fremdworte, die viele Fernsehzuschauer ganz bestimmt nicht verstehen. Sie redet umständlich mit vielen Substantiven und Passivkonstruktionen, ein wenig so wie ein angehender Jurist oder ein Beamter. Durch ihre Gestik und Mimik wirkt sie wie ein entnervter Oberlehrer, dem es weniger darum geht, Sympathiepunkte zu sammeln, sondern die anderen zu belehren und vor allem zu zeigen, dass man alles besser weiß. Sie ist ganz offensichtlich mit einer Situation, in der es nicht allein auf Wissen und die besseren Argumente ankommt, sondern auf Schlagfertigkeit und das Sammeln von Sympathiepunkten, überfordert. Wahrscheinlich wären die meisten Menschen einer solchen Situation nicht gewachsen, denn es ist nicht einfach, locker zu bleiben und sympathisch zu wirken, wenn man ständig unterbrochen und unfair behandelt wird. Weidel wusste sich nicht mehr anders zu helfen – sie musste gehen.

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