Wirtschaftliche Unfreiheit ist eine Haupt-Fluchtursache

Rainer Zitelmann2.09.2017Außenpolitik, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft

Eine der Lieblingsphrasen von Politikern lautet, man müsse die „Fluchtursachen bekämpfen“. Ein Blick auf den Index der wirtschaftlichen Freiheit zeigt, dass die Menschen hauptsächlich aus Ländern fliehen, die wirtschaftlich unfrei sind.

Für Wissenschaftler wäre es einmal eine interessante Aufgabe, den Zusammenhang von weltweiten Fluchtbewegungen und wirtschaftlicher Freiheit systematisch zu untersuchen. Für Flucht gibt es viele Ursachen: Politische Unterdrückung, wirtschaftliche Not, Kriege und Bürgerkriege. Aufschlussreich ist ein Blick auf den Index der wirtschaftlichen Freiheit, der seit 1995 jedes Jahr von der Heritage Foundation erstellt wird. Der Index misst die wirtschaftliche Freiheit – im Jahr 2017 wurden 180 Länder erfasst.

Wirtschaftliche Freiheit und Wohlstand

Die Wirtschaftskraft ist in den freieren Ländern größer als in den unfreien. Der Unterschied wird in Asien sehr deutlich, wo in den fünf freiesten Ländern ein Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von 54.460 Dollar erzielt wird und in den fünf unfreiesten Ländern nur eines von 8.319 Dollar. Auf dem amerikanischen Kontinent wird in den fünf freiesten Ländern ein BIP pro Kopf von über 32.000 Dollar erzielt, in den fünf unfreiesten nur eines von 12.655 Dollar. Auch in Europa und Afrika sind die Unterschiede deutlich. Nimmt man das Viertel der wirtschaftlich freiesten Länder der Welt, so erzielten diese im Schnitt ein BIP pro Kopf von 43.342 Dollar, während es bei dem Viertel der unfreiesten Länder nur 7.217 Dollar waren.

Die 20 wirtschaftlich freiesten Länder im Index von 2017

1. Hongkong
2. Singapur
3. Neuseeland
4. Schweiz
5. Australien
6. Estland
7. Kanada
8. Vereinigte Arabische Emirate
9. Irland
10. Chile
11. Taiwan
12. Großbritannien
13. Georgien
14. Luxemburg
15. Niederlande
16. Litauen
17. USA
18. Dänemark
19. Schweden
20. Lettland

Die 20 wirtschaftlich unfreiesten Länder im Index 2017

160. Ekuador
161. Liberia
162. Tschad
163. Afghanistan
164. Sudan
165. Angola
166. Ukraine
167. Suriname
168. Bolivien
169. Guinea
170. Turkmenistan
171. Dschibuti
172. Algerien
173. Timor-Leste
174. Äquatorialguinea
175. Zimbabwe
176. Eritrea
177. DR Kongo
178. Kuba
179. Venezuela
180. Nordkorea

Wer flieht – und aus welchen Ländern?

Wenn wir die ersten 20 mit den letzten 20 Ländern vergleichen, dann wird eines auf den ersten Blick deutlich: Niemand flieht aus Ländern wie Neuseeland, Großbritannien, Holland oder Schweden. Im Gegenteil: Die meisten Länder, die als „überwiegend frei“ gelten, waren die Zielländer der Fluchtbewegungen, so etwa Deutschland (Platz 26), Österreich (Platz 30) oder Schweden (Platz 19). Kein Wunder ist auch, dass besonders die wirtschaftlich starken Länder mit stark ausgebautem Wohlfahrtsstaat die Menschen anziehen.
Nehmen wir die 20 unfreiesten Länder in den Blick, dann wird deutlich, dass aus unterschiedlichen Gründen Menschen aus vielen dieser Länder flohen, sofern sie nicht – wie etwa in Nordkorea – mit Gewalt daran gehindert werden. Das trifft nicht nur für Länder wie den Sudan zu, in denen Bürgerkrieg herrschte, sondern auch für ein Land wie Venezuela, das mehr als eine Million Menschen wegen der katastrophalen Auswirkungen der sozialistischen Politik verließen.

Afrikas Dilemma

Trotz aller Fortschritte sind im Afrika südlich der Sahara immer noch die meisten der 48 Länder wirtschaftlich unfrei. Nur zwei dieser Länder sind überwiegend frei, sieben sind „moderat frei“, 27 sind überwiegend unfrei und 11 gehören zu den unfreiesten Ländern der Welt. Daher wird verständlich, warum die meisten Flüchtlinge aus Afrika kommen: Hier herrscht immer noch die größte wirtschaftliche Unfreiheit und daher ist auch die Not am höchsten.

Zwar hat die Not in vielen Ländern Afrikas in den vergangenen Jahrzehnten abgenommen, weil sich dort langsam freies Unternehmertum und Kapitalismus entwickeln. Leider heißt dies jedoch nicht, dass dann weniger Menschen fliehen, wie es uns Politiker weiß machen wollen, die davon reden, man müsse die „Fluchtursachen beseitigen“. Die Ärmsten der Armen können ohnehin keine Schlepper bezahlen, die oft mehrere Tausend Dollar kosten. Es kommen oftmals eher gerade diejenigen, denen es Dank der verbesserten wirtschaftlichen Lage ein wenig besser geht und die genug Geld für Schlepperdienste haben. Das zeigt, wie wenig durchdacht die ständig wiederholte Politikerphrase ist, man müsse die „Fluchtursachen bekämpfen“.

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