Nordkorea: Die größte Sekte der Welt

Rainer Zitelmann9.08.2017Außenpolitik

Eine religiös-fanatische Sekte im Besitz von Atomwaffen? Das ist keine Szene aus dem Katastrophenfilm, sondern Realität. In keinem Land der Welt gibt es einen so ausgeprägten Personenkult um einen Staatsführer wie in Nordkorea – nicht einmal zu Stalins und Maos Zeiten wurde ein Führer so verehrt.

Eine andere Zeitrechnung

Vieles in Nordkorea erinnert eher an eine religiöse Sekte als an einen Staat, wie wir ihn uns vorstellen. Der Geburtstag des Staatsgründers Kim Il-sung, der 19. April 1912, ist der „Tag der Sonne“, der höchste Feiertag im Land. Seit Ende der 90er Jahre hat Nordkorea sogar eine eigene, mit dem Geburtsjahr von Kim Il-sung als Jahr 1 beginnende Zeitrechnung.
Dinge, die Kim Il-sung berührt oder gesehen hatte, werden als Reliquien verehrt. Eine rote Plakette oder Goldschrift verweist auf das bedeutende Ereignis und schließt den geheiligten Ort oder Gegenstand häufig von der Benutzung durch normal Sterbliche aus. So darf niemand im mittleren der drei Fahrstühle im Hochhaus der Kim-Il-sung-Universität in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang fahren, weil der Große Führer ebendiesen Aufzug einmal benutzt hat. Steine, auf denen Kim-Il-sung bei Wanderungen rastete, sind eingezäunt und die schönsten Plätze in den Gebirgen des Landes wurden mit metertief in den Fels gehauenen Zitaten und Sinnsprüchen des Führers geschmückt.

Menschen werden geheilt

Die Fotos von Kim Il-sung und seinem Sohn Kim Jong-il haben in jeder Wohnung einen gesetzlich streng geregelten Ehrenplatz. Die Literatur in Nordkorea ist voll von Berichten über Heldentaten, die die Menschen unter Einsatz ihres Lebens zur Rettung dieser Bilder bei Katastrophen wie Bränden oder Schiffsunglücken vollbracht haben. Kim-Il-sung und sein Nachfolger konnten, so heißt es in der Propaganda, Menschen heilen, und bei der Geburt von Kim Jong-il erschien ein besonders heller Stern. Nach seinem Tod erhoben sich landesweit Kraniche in die Luft.

„Die Welt beneidet uns um unseren Führer“

Im Westen fürchtet man den nordkoreanischen Staatsführer oder lacht über ihn, aber in Nordkorea glaubt man, dass die Menschen auf der ganzen Welt das Land um ihre Führer beneiden. Im Vorwort eines dem Leben von Kim Jong-il gewidmeten Buches heißt es: „Seine Liebe ist wirklich groß, sie macht Kranke wieder gesund und erweckt ein neues Leben, gleich dem Frühjahrsregen, den das geheiligte Land trinkt… All das ruft bei den Völkern der Welt Bewunderung hervor und lässt sie uns beneiden.“ Dabei sei der Große Führer bescheiden geblieben, was sich schon daran zeige, dass er auf die Vergoldung seiner im ganzen Land aufgestellten überlebensgroßen Statuen verzichtete und stattdessen schlichte Bronze wählte.

4000 Menschen arbeiten an Führer-Statuen und -Gemälden

In einem Kunststudio arbeiten 4.000 Mitarbeiter überwiegend an der Produktion von die Führer verherrlichenden Monumenten, Statuen und Gemälden, und das auch in Zeiten, wo viele Nordkoreaner Hunger leiden. Nebeneinnahmen erzielt das Studio allerdings, weil Diktatoren aus anderen Ländern diese Werke bewundern und dort für ihre Propaganda in Auftrag geben. So hatte Simbabwes Diktator Robert Mugabe Statuen seiner Person aus dem nordkoreanischen Kunststudio angefordert.

Permanenter Belagerungszustand

Neben dem planwirtschaftlichen System der Staatswirtschaft sind die ungeheuren Militärausgaben eine Ursache für die schlechte wirtschaftliche Lage des Landes (das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf beträgt etwa 583 Dollar im Vergleich zu 27.539 im kapitalistischen Südkorea). Das Regime kann sich nur halten, weil es das Land und seine Einwohner in einen permanenten Belagerungs- und Ausnahmezustand versetzt hat. Jederzeit erwarten die Nordkoreaner einen Angriff der „imperialistischen Mächte“, vor allem der USA. Daher besitzt das Land eine der größten Armeen der Welt, die Wehrdienstzeit liegt nach unterschiedlichen Angaben zwischen drei und zehn Jahren. Die ganze Gesellschaft ist umfassend militarisiert: Die Menschen gehen nicht zur Arbeit oder in die Schule, sondern sie marschieren dahin, überall sieht man Uniformen. Permanent werden in Unternehmen, Schulen oder der Verwaltung Wehrübungen abgehalten. Das gigantische Atomprogramm, dessen Finanzierung eine erhebliche Belastung für die Wirtschaft darstellt, dient dazu, einen „imperialistischen Angriff“ der USA abzuwehren – in Wahrheit könnte es jedoch genau das provozieren, wogegen es sich richtet. So könnte das Atomprogramm und der Versuch Nordkoreas, mit Atomsprengköpfen bestückte Langstreckenraketen zu entwickeln, im Sinne einer selffulfilling propehcy die Ursache eines amerikanischen Präventivschlages werden.

Viele Fakten zu diesem Artikel habe ich dem lesenswerten Buch „Nordkorea. Innenansichten eines totalen Staates“ von Rüdiger Frank entnommen. Der Autor ist einer der besten Nordkorea-Kenner und versucht trotz scharfer Kritik immer wieder auch die Sicht dieses Landes verstehbar zu machen. Vor einigen Tagen wurde ein sehr guter und berührender Film über Nordkorea auf Phoenix gezeigt. Hier sehen Sie, wie schon kleine Kinder indoktriniert “werden”:https://www.youtube.com/watch?v=67X6bL-FVxs.

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