Lebenserwartung | The European

Besserverdienende sind gesünder und leben länger

Rainer Zitelmann12.07.2017Gesellschaft & Kultur, Medien

„Lieber arm und gesund als reich und krank“ lautet ein Sprichwort, das Menschen, die nicht reich sind, trösten soll. Die Wahrheit: „Arme“ haben eine Lebenserwartung, die fast 11 Jahre niedriger ist als die von „Reichen“.

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Im 5. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung erfahren wir, dass 38,2 Prozent der Deutschen mit einem geringen Einkommen ihren Gesundheitszustand als gut oder sehr gut bezeichnen, aber 56,9 Prozent der Personen mit einem hohen Einkommen. Die Einkommensgrenzen wurden für diese Untersuchung bei 60 und 200 Prozent des Einkommensmedian gezogen.

Gesundheitszustand

Noch beunruhigender und eindeutiger ist die Kehrseite: Etwa jeder siebte (13 Prozent) Geringverdiener bezeichnet seinen allgemeinen Gesundheitszustand als „weniger gut“ oder „schlecht“. Diese Personen sind in mindestens drei von fünf Bereichen eingeschränkt, also beispielsweise beim Treppensteigen, bei der Verrichtung anstrengender körperlicher Tätigkeiten, durch seelische oder emotionale Probleme bei Alltagsaktivitäten oder durch körperliche und soziale Probleme bei sozialen Aktivitäten. Bei Personen mit einem relativ hohen Einkommen bezeichneten nur 2,4 Prozent, also nur etwa jeder vierzigste, den Gesundheitszustand als „weniger gut“ oder „schlecht“.

Nicht nur im subjektiven Befinden, sondern auch objektiv gibt es erhebliche Unterschiede, insbesondere in der Wahrscheinlichkeit, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden, an Diabetes mellitus zu erkranken oder eine chronisch-obstruktive Lungenerkrankung zu bekommen. Das Risiko bei Personen, die von Armut betroffen sind, ist zwei bis drei Mal höher, so das Robert Koch-Institut.

Lebenserwartung

Auch bei der Lebenserwartung gibt es erhebliche Unterschiede. Laut einer Studie des Robert Koch-Institutes sterben Männer, die an oder unter der Armutsgrenze leben, im Schnitt 10,8 Jahre früher als wohlhabendere Männer. Männer, die weniger als 60 Prozent des Netto-Äquivalenzeinkommens beziehen, haben eine Lebenserwartung von 70,1 Jahren, Männer, die über 150 Prozent des Nettoäquivalenzeinkommens verdienen, haben dagegen eine Lebenserwartung von 80,9 Jahren. Bei Frauen liegen die Zahlen bei 76,9 und 85,3 Jahren.

Riskanteres Gesundheitsverhalten

Früher – oder in anderen Teilen der Welt – sind ungesunde Wohnverhältnisse, zu wenig Geld für Ernährung oder mangelnde medizinische Versorgung die Hauptursachen dafür, dass arme Menschen kränker sind und eine geringere Lebenserwartung haben. Doch in den modernen westlichen Wohlstandsgesellschaften haben sich die Gründe verschoben. Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum, ungesundes Essen und Bewegungsmangel sind bei Personen mit geringerem Einkommen und geringerer Bildung häufiger als bei Besserverdienenden und Gebildeten. Beispiel Rauchen: Als ich im vergangenen Jahr zwei Monate in den USA gelebt habe, war ganz deutlich, dass gebildete und wohlhabende Amerikaner selten rauchen. Insgesamt ist die Zahl der Raucher in den USA auf einen historischen Tiefstand von 15 Prozent gesunken. Bei gering gebildeten Amerikanern liegt die Raucherquote aber noch immer bei 40 Prozent, also fast drei Mal so hoch wie im Bevölkerungsdurchschnitt.
In Deutschland gibt es diesen Zusammenhang auch. Hier rauchen zwar noch mehr Menschen als in Amerika – 27 Prozent der Männer und 20,8 Prozent der Frauen. Aber insbesondere in der Altersgruppe der 30- bis 44jährigen ist der Anteil der Raucher in der unteren Bildungsgruppe nach Angabe des Bundesministeriums für Gesundheit mit 48 Prozent (Männer) und 37 Prozent (Frauen) deutlich höher als bei den Personen mit höherer Bildung.

Beim Thema „Rauchen“ wird deutlich, dass Gesundheit und Einkommen/Bildung zwar zusammenhängen, dass aber Geldmangel nicht der wesentliche Grund für das ungesunde Verhalten ist. Im Gegenteil: Wer eine Packung Zigaretten am Tag raucht, zahlt dafür fast 200 Euro im Monat. Der Mitgliedsbeitrag in meinem Fitnessstudio beträgt nur 20 Euro. Und auch Alkohol ist teurer als frisch gepresster Orangensaft und Fast Food teurer als Selberkochen. Ungesundes Verhalten ist oft sogar teuer als gesundes Verhalten.

Sozialpolitische Ungerechtigkeit?

In der ARD-Tagesschau am 2. März 2017 wurde der Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, der Gesundheitswissenschaftler Prof. Dr. Rolf Rosenbrock zu dem Thema interviewt. Er witterte eine große soziale Ungerechtigkeit: „Die armen Menschen, die ihr Leben lang Beiträge zur Rentenversicherung bezahlt haben und dann im Durchschnitt vielleicht noch vier oder fünf Jahre die Rente genießen können, finanzieren im Grunde genommen die Rente der Wohlhabenderen, länger Lebenden mit. Und das ist, wenn man genau hinguckt, natürlich ein sozialpolitischer Skandal erster Güte.“ Dass dies so ist, kann man nicht bestreiten, obgleich der Befund ein wenig dadurch relativiert wird, dass Raucher und Übergewichtige zu ihren Lebzeiten wesentlich höhere Kosten für die Krankenversicherung verursachen als Nichtraucher und Normalgewichtige.

Aber was ist die Konsequenz aus der vermeintlichen „sozialen Ungerechtigkeit“, dass arme Menschen wegen der kürzeren Lebenserwartung die Rente der Wohlhabenden finanzieren? Soll man die Wohlhabenden dazu animieren, zwecks Herstellung von „sozialer Gerechtigkeit“ mehr zu rauchen, weniger Sport zu treiben und mehr Fast Food zu essen, damit sich ihre Lebenserwartung an die der Geringverdiener angleicht? Oder wäre nicht der bessere Weg der, dass Geringverdiener beispielsweise weniger rauchen, weil das einer der Hauptfaktoren ist, der über die Lebenserwartung entscheidet?

Pressestimmen und Leseproben zum Buch „Reich werden und bleiben“ von Rainer Zitelmann finden Sie “hier”:http://www.reichwerdenundbleiben.net/

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