Satire: Ich lerne politische Korrektheit (8) | The European

„Regenbogenhauptstadt“ Berlin

Rainer Zitelmann17.01.2017Gesellschaft & Kultur, Medien

Als frisch zur politischen Korrektheit Bekehrter war ich geradezu euphorisch, als ich den Koalitionsvertrag von SPD, Linken und Grünen las. Besonders das Kapitel „Regenbogenhauptstadt Berlin“ hat alle Chancen in die Bibliothek der Klassiker der Political Correctness einzugehen.

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Getty Images

Zu Erinnerung: Ich habe mir vorgenommen, seit dem 1. Januar politisch korrekt zu denken, zu sprechen und zu handeln. Zur Vorwarnung: Zwar ist der Text Satire, aber die Zitate aus dem Koalitionsvertrag stimmen alle – auch wenn es sich vielleicht für rückständige Menschen wie Realsatire lesen mag.

Keiner wird abgehängt: LSBTTIQ*

„Die LSBTTIQ*-Communities brauchen starke Partner*innen an ihrer Seite“, so heißt es im Abschnitt über die „Regenbogenhauptstadt Berlin“. Sehr mitfühlend fand ich, dass die Verfasser der Koalitionsvertrages diese Abkürzung übersetzt haben, denn für Menschen wie mich, die noch nicht so lange politisch korrekt denken, ist somit sichergestellt, dass keine auch noch so kleine Minderheit vergessen geht. Früher ging es nur um die Rechte von Lesben und Schwulen – doch das waren die Urzeiten, an die sich wirklich politisch Korrekte allenfalls mit leicht nostalgischen Gefühlen erinnern (so wie an die Schlachten um das Atomkraftwerk Brokdorf oder die revolutionären 1.Mai-Demos in Berlin-Kreuzberg).

Im Koalitionsvertrag werden wir aufgeklärt: „In Berlin lebt eine große Vielfalt von Lebensentwürfen [hm, stilistisch vielleicht keine Glanzleistung], und starke Communities [hier wird die Grammatik falsch] von Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen, Transgendern, Intersexuellen und Menschen, die sich als Queer verstehen (LSBTTIQ*). Sie prägen Berlin mit und tragen mit viel Engagement zur Weltoffenheit und zum Berlin-Gefühl bei.“ Zwar kann ich mir unter „Menschen die sich als Queer verstehen“, nicht so recht etwas vorstellen, aber vermutlich ist das einfach eine Bildungslücke. Ich schreibe mir die Frage auf, denn ich habe ja extra einen Lehrer für Political Correctness engagiert und kann in der nächsten Unterrichtsstunde fragen, was denn Menschen auszeichnet, die sich als „Queer“ verstehen und warum deren Anliegen für die Hauptstadt ganz besonders wichtig sind.

ISV, LADS und LADG für LSBTTIQ*

Während der Berliner Senat bisher sparsam war und beispielsweise für die Polizei und die Feuerwehr zu wenig Geld übrig hatte, ist es erfreulich, dass man wenigstens bei LSBTTIQ-Themen gar nicht knauserig ist. Im Gegenteil. Die Koalition wird die „Haushaltmittel für die ISV bis zum Ende der Legislaturperiode verdoppeln“, so wird versprochen. Halt mal – ISV? Ja, das ist die Initiative „Berlin tritt ein für Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt“. Also: ISV ist die Lobby für LSBTTIQ*. Und dann wird noch versprochen: „Im Sinne eines Diversity-Mainstreamings soll Vielfalt systematisch in allen Verwaltungsprozessen Berücksichtigung finden. Mit dem LADG wird eine Verpflichtung zur Gleichbehandlung und Diversity-Mainstreaming bei der Vergabe öffentlicher Aufträge und der Gewährung staatlicher Leistungen an Private eingeführt.“

Zwar klingen „Queer*“ und „Mainstream“ für mich auf Anhieb nicht so, als ob das beides zusammenpasst, aber insgesamt klingt das dennoch ziemlich vielversprechend. Als Berliner weiß ich, dass sich viele Menschen in der Hauptstadt über langsame Bürgerinnen*ämter und Verwaltungen ärgern, vor allem über lange Wartezeiten. Aber das sind doch alles nur Scheinprobleme, verglichen mit dem bislang unzureichenden Diversity-Mainstreaming der Verwaltung im Sinne der LSBTTIQ*-Communities.

Jugend wird beim Coming out unterstützt

Bevor ich politisch korrekt wurde, wusste ich nicht so recht, was „Transgender“ sind und wie viele Menschen dazugehören. Ich glaube, in ganz Deutschland sind es immerhin 20.000. Und, wie ich zugegeben habe, weiß ich immer noch nicht, was Menschen sind, die „queer“ fühlen – und wie viele es davon gibt. Wahrscheinlich geht es vielen anderen Berlinern ebenso. Ich vermute sogar, ganz viele, die sich bislang für langweilig-heterosexuell hielten, sind wahrscheinlich Trans*, Inter*, Queer* usw., aber haben das bisher verdrängt. Deshalb ist es toll, dass diesen Menschen jetzt sogar von den Politikern von SPD, Linken und Grünen bei ihrem Coming out geholfen wird. „Zur Unterstützung des Coming-outs und der Belange junger LSBTTIQ* wird die Koalition die queere Jugendarbeit ausbauen und mindestens ein queeres Jugendzentrum mit berlinweitem Auftrag einrichten. Sie unterstützt insbesondere queere Projekte, die in der Jugendfreizeit- und Jugendberatung und in der Schulaufklärung mit dem Peer-to-Peer Konzept arbeiten.“ Zudem wird die Koalition „ein Netzwerk von Trans*- und Inter*menschen inititiieren“. Und dann auch noch das Versprechen: „Kinder und Jugendliche in Regenbogenfamilien werden durch uns Empowerment erfahren.“ Ein Satz, der sich auf jeden Fall nach Power anhört, auch wenn ich nicht ganz verstanden habe, was genau damit gemeint ist.

„Ich bin queer* und das ist auch gut so“

Ich finde, das alles liest sich vielversprechend. Jetzt hoffe ich nur, dass es nach den nächsten Wahlen auch im Bund R2G gibt, damit nicht nur die Berliner*innen in den Genuss all dieser Dinge kommen. Lächeln kann ich nur darüber, dass Menschen es damals für etwas Besonderes hielten, als Klaus Wowereit 2001 bekannte: „Ich bin schwul, und das ist auch gut so.“ Wirklich zur Regenbogenhauptstadt wird Berlin erst dann geworden sein, wenn ein Regierender Bürgermeister öffentlich erklärt: „Ich bin queer* und das ist auch gut so“ – und dann alle wissen, was gemeint ist und sich darüber freuen können.

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