Der korrekteste US-Präsident aller Zeiten

Rainer Zitelmann11.01.2017Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Medien

Barack Obama geht. Er war der politisch korrekteste Präsident aller Zeiten. Er wird allen politisch Korrekten sehr fehlen. Obwohl das ein satirischer Artikel ist, sind alle darin genannten Fakten und Zitate seriösen Quellen entnommen und garantiert keine Fake-News.

Wegen des weltweit grassierenden Rechtspopulismus hatte ich mich entschlossen, ab dem 1.Januar 2017 nur noch politisch korrekt zu denken, zu sprechen und zu fühlen. Gleich im ersten Monat meines neuen politischen Lebens geht Obama, was für mich als frisch zur politischen Korrektheit Bekehrten besonders traurig ist.

Zieht man nach acht Jahren Bilanz, dann muss man vor allem feststellen: Obama war während seiner ganzen Amtszeit vorbildlich politisch korrekt. Böse Kritiker meinen sogar, die Amerikaner hätten aus Trotz nun Trump gewählt, der ja so gar nicht politisch korrekt ist. Angeblich sei Trumps Wahlsieg nicht nur die Schuld von Putin gewesen, sondern auch eine Gegenreaktion vieler Amerikaner, denen Obama und seine Partei mit ihrer politischen Korrektheit gehörig auf die Nerven gegangen seien. Gut, solche abwegigen Deutungen müssen wir hier nicht kommentieren, da inzwischen erwiesen ist, dass es nur einen Schuldigen an Trumps Wahlsieg gab, nämlich Putin.

Obamas einziger Fehltritt

Aber, und das ist dennoch ernsthaft einzuwenden, auch Obama ist nicht ohne Fehl und Tadel. Das musste er sogar selbst zugeben! Und hier ist die ungeheuerliche (und glücklicherweise einmalige) Geschichte seines Verstoßes gegen alle Grundgesetze der politischen Korrektheit:

2013 hatte Obama auf einer Benefizveranstaltung die kalifornische Generalstaatsanwältin Kamala Harris zunächst als brillante und zähe Juristin gelobt. So weit so gut. Und absolut korrekt. Aber dann fügte er doch tatsächlich hinzu, sie sei die „bestaussehende Generalstaatsanwältin“. Wie konnte einem in der politischen Korrektheit so versierten Mann wie Obama das nur passieren? Weiß er denn nicht, dass sogenannte Komplimente eigentlich nichts anderes sind als sexistische Herabwürdigungen und fast schon an sexuelle Gewalt grenzen, ja, vielleicht sogar bereits sexuelle Gewalt sind? Ist ihm das wirklich entgangen?

Immerhin zeigte Obama schnell Reue. Kurze Zeit nach seiner als Kompliment getarnten frauenfeindlichen Äußerung bat er die Generalstaatsanwältin, wie das Weiße Haus offiziell mitteilte, in einem Telefongespräch in aller Form um Entschuldigung. „Er wollte Harris’ berufliche Leistungen und ihre Fähigkeiten nicht abwerten“, sagte ein Sprecher des Weißen Hauses. „Er hat sich für die Verwirrung entschuldigt, die sein Kommentar verursacht hat.“ Obama, so versicherte sein Sprecher, wisse um die Probleme von Frauen am Arbeitsplatz, und dass sie nicht nach ihrem Aussehen beurteilt werden sollten.

Nun gut, ich gebe zu, das war schon ein ziemlicher fauxpas, aber er zeigt letztlich nur, wie stark sexistische Vorurteile und frauenfeindliche Stereotype ganz generell bei Männern verbreitet sind. Manche haben immer noch nicht verstanden, dass Bemerkungen wie „Du siehst aber heute gut aus“, die man früher fälschlich als sogenanntes „Kompliment“ verharmloste, in Wahrheit eine ziemlich offensive und kaum verhüllte Form sexueller Anmache sind.

Obamas unermüdlicher Kampf für Transgender-Rechte

Ich fände es jedoch ungerecht, Obama nur aufgrund dieses einen singulären Ereignisses gleich als Sexist zu verurteilen. Dafür hat er zu viele gute Dinge bewegt, vor allem für Transgender – eine bis dahin vergessene oder massiv diskriminierte Gruppe unserer Gesellschaft. Obama setzte 2016 durch, dass Transgender in die US-Streitkräften aufgenommen werden und sich offen zu ihrer Orientierung bekennen können, wobei die Armee dann auch die Kosten für ggf. gewünschte Operationen zur Geschlechtsumwandlung übernimmt. Ich denke, das war ein eminent wichtiger und historischer Schritt für die US Army.

Man muss Obama überhaupt hoch anrechnen, dass er sich stets um die gravierendsten Probleme Amerikas mit größtem Einsatz gekümmert hat. Ja, die Situation von Afroamerikanern hat sich während seiner Amtszeit nicht verbessert, sondern sogar verschlechtert. Und seinem Ziel der weltweiten Abschaffung von Atomwaffen ist er auch nicht näher gekommen – dabei hat ihm selbst der sehr frühzeitig verliehene Friedensnobelpreis nichts geholfen. Ja, die Klimabombe tickt weiterhin. Das alles ist jedoch bekanntlich vor allem die Schuld der Republikaner, die böswillig alle guten Vorhaben Obamas blockiert haben. Aber eines der größten Probleme der USA ist Obama doch angegangen – und dafür sollte ihm jeder politisch korrekt denkende Mensch danken. Obama hat einen erbitterten Kampf geführt, dessen Auslöser ein empörendes Gesetz war, das im März 2016 im Bundesstaat North Carolina verabschiedet wurde.

Obamas Toiletten-Kampf

Danach müssen zumindest in staatlichen Gebäuden Männer Männertoiletten und Frauen Frauentoiletten benutzen, wobei – und dies ist das wirklich empörend Diskriminierende – das in der Geburtsurkunde genannte Geschlecht maßgeblich ist. Das sorgte bei progressiv denkenden Amerikanern verständlicherweise für große Aufregung. Männer, die sich als Frauen fühlen (aber in deren Geburtsurkunde „männlich“ steht) wollen schließlich auch auf die Frauentoilette. Für mich völlig unverständlich, dass manchen in traditionellen Geschlechterrollen verhafteten Frauen das nicht ganz geheuer war. Ganz offensichtlich hatten sie sich bisher nie wirklich ernsthaft mit den Nöten von Transgendern beschäftigt.

Die Amerikaner bewiesen eine in Europa leider noch nicht vorstellbare Sensibilität in dieser für das ganze Land so entscheidenden Frage. Aus Protest gegen die Toiletten-Regelung sagten Rockbands wie Pearl Jam geplante Konzerte in North Carolina ab, Produktionsfirmen aus Hollywood stoppten Filmprojekte in dem Bundesstaat.

Obama blieb jedoch nicht tatenlos und sprang den Transgendern, deren Rechte auf so üble Weise mit Füßen getreten worden waren, mutig zur Seite: Er drohte dem Bundesstaat North Carolina (und allen anderen, die es ihm gleich tun wollten) Milliardenzuschüsse für die Bildung zu streichen, wenn die Bürgerrechte von Transgendern bei der Toilettennutzung an den Schulen nicht berücksichtigt würden.

Ich finde, allein dadurch, dass Obama diesen bis dahin zu Unrecht massiv unterschätzten – und weltweit wohl schon Jahrtausende währenden – Missstand bei der Toilettenbenutzung so mutig angegangen ist, sollte es doch möglich machen, sein verfehltes sogenanntes „Kompliment“ an die kalifornische Generalstaatsanwältin zu entschuldigen. Für mich ist Obama jedenfalls der politisch korrekteste US-Präsident aller Zeiten.

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