Mitverantwortung linker Tabuwächter an Hassreden

von Rainer Zitelmann13.11.2016Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Zu Recht ist die Empörung groß über Hassreden im Internet und auch über abwegige Äußerungen von Donald Trump. Diejenigen, die sich am lautesten darüber aufregen, sollten sich selbstkritisch fragen, welche Mitverantwortung sie tragen: Die linken Tabuwächter.

Tabuwächter der Political Correctness sind schnell dabei, jede Äußerung, die ihnen nicht passt, pauschal als „rassistisch“, „frauenfeindlich“, „fremdenfeindlich“, „menschenfeindlich“, „homophob“, „xenophob“, „islamophob“ oder einfach als „unerträglich“ zu brandmarken. Ja, achten Sie mal darauf, wie schnell das Wort „unerträglich“ verwendet wird: Für manche Menschen ist es einfach „unerträglich“, wenn sie sich Meinungen anhören müssen, die ihrem eigenen Weltbild nicht entsprechen. Dabei sollte das in einer liberalen Gesellschaft ganz normal sein.

Mit den oben zitierten Schimpfkanonaden werden keineswegs nur solche Äußerungen kritisiert, die man zu Recht so benennen kann und muss, sondern alles, was der linksgrünenfeministischen Weltanschauung zuwiderläuft. Jemand, der auch nur leise Zweifel an der These des von Menschen verursachten Klimawandels andeutet, wird schnell als „Klimaleugner“ denunziert und damit in die Nähe eines Straftatbestandes gestellt. Wer kritisch auf den im Vergleich zur Gesamtbevölkerung dreimal höheren Prozentsatz ausländischer Straftäter in unseren Gefängnissen aufmerksam macht, gilt allzu rasch als Ausländerfeind. Und jemand der – vielleicht aus christlichen Überzeugungen – gegen die Schwulenehe ist, gilt allein deshalb als „homophob“.

Timothy Gorton Ash warnt

Der renommierte Historiker Timothy Gorton Ash (er lehrt in Oxford und Stanford) kritisiert in einem ausführlichen Interview im aktuellen SPIEGEL solche Fehlentwicklungen und hält den liberalen Wert der Meinungsfreiheit hoch. „Anstößige Ansichten sind kein Grund, jemand von der öffentlichen Debatte auszuschließen“, postuliert er. Auf die Frage des Interviewers, ob ein Vorfall schon dann rassistisch sei, wenn der Adressat eine Bemerkung als rassistisch empfinde, antwortet er: „Das ist ein Irrglaube und sogar eine Krankheit unserer Zeit. Auf der einen Seite gibt es tatsächlich eine Explosion der Hassrede im weitesten Sinn; das meiste davon können wir, wie gesagt, getrost ignorieren. Auf der anderen Seite besteht die pathologische Bereitschaft, sich sofort verletzt zu fühlen, schon bei der allerkleinsten Kränkung.“ Dies sei eine „Infantilisierung des öffentlichen Diskurses.“ Denn: „Wenn wir alle Tabus aller Religionen, Kulturen, Klassen, ethnischen Gruppen, sexuellen Orientierungen zusammenrechnen und sagen, darüber können wir nicht mehr reden, dann bleibt herzlich wenig übrig, worüber wir reden können.“

Tabuwächter sind schuld an Trump

Die USA sind ein abschreckendes Beispiel. Dort haben linke Intellektuelle so viele Tabus errichtet, dass schon derjenige als „sexistisch“ beschimpft wird, der die Meinung vertritt, auf welche Toilette ein „Transgender“ gehe, sei dessen Problem oder der das Recht eines Mannes bestreitet, der sich eher als Frau fühlt, allein deshalb die Frauentoilette benutzen zu dürfen. Wenn eine ganze Nation wochenlang über einen solchen Blödsinn diskutiert und die Obama-Administration diesem Thema ein Gewicht gibt, als hänge Wohl und Wehe der amerikanischen Nation von der Frage ab, welche Toilette „Transgender“ benutzen sollten, dann darf man sich über einen Donald Trump nicht wundern. Er, der in vieler Hinsicht am weitesten entfernt ist vom gesunden Menschenverstand, kann sich leider als Vertreter genau dieses gesunden Menschenverstandes aufspielen, weil die linken Verfechter der Political Correctness einem großen Teil der Gesellschaft mit ihren Tabus und Sprechverboten schon lange ganz gewaltig auf die Nerven gehen. Wenn sich der amerikanische Präsident Obama allein deshalb öffentlich entschuldigen muss, weil er es politisch völlig unkorrekt gewagt hatte, charmant in einer Nebenbemerkung auf das attraktive Äußere einer Frau hinzuweisen, dann darf man sich über einen Trump als überzogene Gegenreaktion nicht mehr wundern. Denn dessen Erfolgsrezept ist es, den Menschen das Gefühl zu geben, „man“ dürfe endlich wieder ohne übertriebene Rücksicht auf die Vorschriften der linken Sprachpolizei sagen, was man denkt.

Die Verantwortung der Gutmenschen

Ich weiß, dass man auch das Wort „Gutmensch“ nicht mehr in den Mund nehmen darf – die Gutmenschen haben es sogar zum Unwort des Jahres erklärt. Ich benutze es gerade deshalb, weil ich als Liberaler eine Aversion gegen eine linke Sprachpolizei habe. Das Schlimme: Wer schon bei einem kleinen Feuerchen im Aschenbecher nach der Feuerwehr ruft, wird nicht mehr ernst genommen, wenn es wirklich lichterloh brennt. Wer vorschnell jeden Andersdenkenden als „Fremdenfeind“ beschimpft, verharmlost damit jene, die wirklich fremdenfeindlich sind.

Ist das Problem neu? Leider nicht. 1994 habe ich in meinem Buch „Wohin treibt unsere Republik?“ kritisiert: „Der Tabuschleier, der sich über unsere Republik gelegt hat, ist keineswegs nur ein Problem für die intellektuelle Debatte, die zu ersticken droht. Auch die politische Diskussion über die uns bedrängenden Probleme wie etwa die Möglichkeiten einer wirksamen Verbrechensbekämpfung, den Umgang mit der Einwanderung oder auch die Klärung der außen- und sicherheitspolitischen Interessen Deutschlands wird moralisiert und ideologisiert, pragmatische Lösungen werden dadurch zunehmend erschwert.“ Es war zu erwarten, dass das Pendel irgendwann zurückschlagen wird. Leider. Denn das widerwärtigste Ergebnis der Tabus politischer Korrektheit sind die Hassreden gegen Minderheiten, wie sie sich im Internet ungehemmt Raum verschaffen.

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