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„Postfaktisches Zeitalter“- ein neues Wort für Merkels „Alternativlosigkeit“

Rainer Zitelmann30.09.2016Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik, Wirtschaft

Es vergeht kein Tag, an dem nicht in den Medien der Modebegriff vom „postfaktischen Zeitalter“ verwendet wird. In dem Begriff, den auch Angela Merkel in ihrer „selbstkritischen“ Pressekonferenz ge-brauchte, verbergen sich Intoleranz, Rechthaberei und ein absoluter Wahrheitsanspruch.

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Bundesregierung

Gemeint ist mit dem Begriff, dass den Wählern „populistischer Parteien“ Fakten vollkommen egal seien und sie nur nach dem „Gefühl“ entschieden. So einfach ist die Welt: Wir, die Guten, haben die Fakten. Und wer anders denkt als wir, der ignoriert ganz offensichtlich alle Fakten. Anders gesagt: Wir sind rational, die Andersdenkenden sind vollkommen irrational. Wir wissen, was vernünftig ist. Wer anders denkt als wir, ignoriert die Tatsachen und lässt sich ausschließlich von Gefühlen leiten.

Andersdenkende werden zu Objekten psychologischer Analysen. Bekanntlich werden sie, so suggerieren es die Anhänger der Theorie vom „postfaktischen Zeitalter“ von „dumpfen Ängsten“ geleitet. Aber diese „Ängste“ sind selbstverständlich vollkommen unbegründet. Es handelt sich um armselige „Globalisierungsverlierer“ und „Modernisierungsverlierer“, die den Anschluss an die modernen Zeiten komplett verpasst haben und die keinerlei rationalem Dialog mehr zugänglich sind.

Merkel hat diese Theorie gerne aufgegriffen, denn sie entspricht ihrer schon oft geäußerten Meinung, ihre eigene Politik sei „alternativlos“. Wer die Alternativlosigkeit ihrer Politik nicht erkennt, so die Folgerung der Merkelianer, der leugnet offenbar die Fakten. Oder er kennt die Fakten schlichtweg nicht beziehungsweise weigert sich, sie zur Kenntnis zu nehmen. Ein rationaler Dialog sei mit ihm daher nicht mehr möglich.

Das ganze Gerede vom „postfaktischen Zeitalter“ ist Blödsinn

1. Fakten kann man unterschiedlich auslegen. Selbst wenn zwei Menschen auf Basis der gleichen Faktenbasis urteilen, kommen sie häufig zu entgegengesetzten Ergebnissen. Ein Beispiel dafür ist der Aktienmarkt: Der Käufer und der Verkäufer einer Aktie verfügen meist über die gleichen Informationen, legen sie jedoch entgegengesetzt aus. Es ist eben nicht immer so, dass man aus einer bestimmten Faktenlage nur eine einzige Folgerung ableiten kann.

2. Es ist absurd, wenn die (meist politisch sehr korrekten) Anhänger der Theorie vom „postfaktischen Zeitalter“ suggerieren wollen, alle Fakten seien auf ihrer Seite. Ein Beispiel: Zu den Gewissheiten der politisch Korrekten gehört, dass die Kriminalität bei Ausländern nicht höher sei als bei Deutschen. Man versucht das damit zu belegen, indem man Vergleichsgruppen zwischen Deutschen und Ausländern bildet, die sich von der Bildung, der sozialen Schicht, dem Alter und dem Geschlecht nicht unterscheiden. In der Tat gibt es dann kaum Unterschiede zwischen der Kriminalitätsquote von Deutschen und Ausländern. Es gibt aber auch ganz andere Fakten: 9,72 Prozent der Einwohner Deutschlands sind Ausländer, aber der Anteil von Ausländern an den Gefängnisinsassen in Deutschland liegt bei 30 Prozent, ist also drei Mal so hoch. Auch das ist eine Tatsache. Es gibt also nicht „die Fakten“, die eindeutig nur eine bestimmte Sichtweise belegen, während die Gegenseite lediglich „pure Emotionen“ bedient. Beide Seiten können Fakten ins Feld führen.

In der Wendung vom „postfaktischen Zeitalter“ verbirgt sich eine antiliberale, anti-pluralistische und arrogante Haltung gegenüber Andersdenkenden, denen man jedwede Rationalität abspricht.

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