„Wat nix koss, dat is ooch nix!“

Rainer Voss6.04.2015Wirtschaft

Durch die Niedrigzinsen der EZB ist Geld günstig wie nie. Und das sah schon Oma Voss kritisch.

Was unsere Geldordnung angeht, leben wir in spannenden Zeiten: 16 Prozent aller Staatsanleihen im JPM Global Government Index haben einen negativen Zins, in richtigen Zahlen sind das 16 Billionen US-Dollar, eine Zahl mit 12 Nullen. Aber diese Erkenntnis hilft uns auch nicht weiter!
Effektiv ist so ein negativer Zins eine Steuer auf Bankguthaben, aber man nennt das nicht so, damit Sie die Ruhe bewahren.

Wer kompensiert die Kosten der Banken – der Staat oder der Kunde?

Ökonomen interessiert in diesem Zusammenhang die Frage nach dem „Zero Lower Bound“, das heißt der Grenze, unter die der Zins nicht mehr fallen kann. Momentan habe ich den Eindruck, dass zumindest die Zentralbanken der Schweiz, von Dänemark und vielleicht auch die EZB meinen, dass eine solche Grenze nicht existiert. Minus 0,75 Prozent, minus 1,25 Prozent, minus zwei Prozent – all das ist beim „normalen“ Bankkunden noch nicht angekommen, weil die Banken – noch – von der Berechnung von Negativzinsen auf Kontoguthaben für die breite Kundschaft absehen. Aber irgendwann stellt sich die Frage, wer die Banken für diese Verluste kompensiert? Der Staat? Der Kunde?

Aber was soll das? Nun, um dieser „Steuer“ zu entgehen, sollen wir gezwungen werden, zu konsumieren, und wenn wir kein Geld haben, sollen wir uns das gefälligst von der Bank leihen, die ja ihrerseits von der EZB Geld hinterhergeschmissen bekommt. Am Ende erzeugt dieser Kauf- und Investitionsrausch Inflation, und alles ist wieder so wie immer … so weit, so unlogisch.

Es gibt aber noch eine andere Art, der „Bestrafung“ von Bankeinlagen zu entgehen, und die wäre das Horten von Bargeld. Die große Angst, die unsere Entscheidungsträger in diesem Zusammenhang verständlicherweise umtreibt, ist die vor einem Bank-Run. Man versteht darunter eine Situation, in der alle Bürger gleichzeitig versuchen, ihre Bankguthaben abzuheben, um ihr Bargeld zu horten. Da nicht genug Bargeld für alle da ist, führt ein solcher Ansturm (= Run) zum Kollaps des Bankensystems.

Ein Geldspeicher nach Dagoberts Vorbild

Theoretisch ist die Bargeldhaltung sinnvoll, wenn die Kosten für Lagerung und Versicherung niedriger sind als der Negativzins auf die Kontobestände. Nun gibt es sicherlich eine Grauzone, weil man sich mit viel Bargeld im Haus einfach nicht wohlfühlt und für einen Geldmarktfonds mit 500 Millionen Euro Volumen ist das in jedem Fall eine unpraktikable Lösung.

Aber spinnen wir den Faden weiter: Stellen Sie sich vor, eine große Bank mietet ein Lagerhaus neben IKEA oder OBI, installiert die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen und packt – sagen wir – fünf Milliarden Euro Bargeld hinein. Anschließend vergibt sie Einlagenzertifikate (ETFs) auf dieses Bargeld, wie wir das schon vom Gold kennen. Das ganze Konstrukt bekommt eine Laufzeit von fünf Jahren und eine einmalige Gebühr von 0,20 Prozent, was dann zehn Millionen Euro wären, die mehr als ausreichen dürften, um die Kosten für Lagerung und Sicherung des Geldspeichers zu bezahlen. Für diese fünf Milliarden Euro hat die Geldpolitik ihre Wirksamkeit verloren! Und es könnten mehr werden. Der Bargeldumlauf in Euro belief sich zum Jahresende 2014 auf ca. 1000 Milliarden Euro.

Eine Möglichkeit, auf diese Entwicklung zu reagieren, ist das Verbot der Bargeldhaltung, das allerdings nicht so plump und eindeutig vorgetragen werden wird, sondern eher „bürgerfreundlich“ – wie bereits in einigen skandinavischen Ländern – mit großen Vorteilen für die Verbraucher (geringere Transaktionskosten, Praktikabilität, Sicherheit, etc.) angepriesen werden wird.
Die wirkliche Zielrichtung einer solchen Maßnahme wäre allerdings, dem Bürger die Möglichkeit zu nehmen, auf Finanzkrisen zu reagieren und so die Handlungsfähigkeit der Notenbank auch im Bereich negativer Zinsen wiederherzustellen. Gleichzeitig verlöre der Bürger einen weiteren, wichtigen Teil seiner informationellen Selbstbestimmung, denn alle Zahlungsströme würden transparent! Man muss kein Prophet sein, um vorherzusehen, dass dann bald Telefonminuten, Bonusmeilen oder Rabattmarken anstelle des verbotenen Bargeldes treten werden.

Geld mit Verfallsdatum

Eine abgemilderte Variante wurde mal vor einigen Jahren in Harvard diskutiert, wo man vorschlug, im Rahmen einer regelmäßig stattfindenden Lotterie Geldscheine mit einer bestimmten Endziffer zwischen 0 und 9 für die Folgeperiode ungültig zu erklären. Die Bargeldhaltung wäre somit mit einer negativen Rendite von minus zehn Prozent verbunden und in einer solchen Situation wäre auch denkbar, dass man Geld bei einem Negativzins von – sagen wir – vier Prozent auf einem Konto hält und somit die Vergabe von Krediten zu Minuszinsen möglich macht.

Ich glaube, dass all diese Maßnahmen zu nichts führen werden: Sieht man von der Diskriminierung der Bargeldhaltung ab (sicherlich auch eine interessante juristische Frage), findet doch nur eine Parallelverschiebung der bestehenden Zinsmechanik unter die Nulllinie statt. Nach einer gewissen Gewöhnungszeit wird diese Situation zum „New Normal“ und die Wirtschaftssubjekte verhalten sich wie vorher.

Das grundlegende Problem, dass wir ein Nachfrageproblem (mangelndes verfügbares Einkommen) mit einer Maßnahme der Angebotspolitik bekämpfen (Bereitstellung von „billigem“ Geld) lösen wir damit nicht; lasst uns an alle EU-Bürger Geld ausschütten und ruck, zuck haben wir die Inflation, die die EZB so gerne hätte!

Zum Schluss noch ein philosophischer Gedanke: Geld ist – man mag es mögen oder nicht – von essenzieller Bedeutung für das Funktionieren unserer Gesellschaft. Wir alle sind mit dem Glaubenssatz aufgezogen worden, dass etwas, was nichts kostet, auch nichts wert ist („Wat nix koss, dat is ooch nix!“ / Oma Voss (1896-1976)). Was macht es eigentlich mit unserem Gemeinwesen, wenn Geld nichts mehr kostet?

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