Lehrlinge auf der roten Liste

von Rainer Nahrendorf13.02.2014Innenpolitik, Wirtschaft

Das duale System, der Exportschlager Deutschlands, verliert im eigenen Land immer mehr an Strahlkraft. Doch es gibt einen einfachen Ausweg.

Für manchen Klein- und Mittelbetrieb aus wenig attraktiven Branchen stehen Auszubildende schon jetzt auf der roten Liste vom Aussterben bedrohter Arten. Die Nachwuchsjagd treibt kuriose Blüten: Betriebe laden zum Azubi-Speeddating im Hochseilgarten ein, locken mit Smart-Phones bei Vertragsabschluss oder versprechen den bundesweit fünf Jahrgangsbesten des zweiten Lehrjahres einen Smart als Dienstwagen.

Herkömmliches Ausbildungsmarketing mit einer Betriebs- und Berufspräsentation oder Praktika im Betrieb erscheint angesichts solcher Dankeschön-Prämien chancenlos. Der Überbietungswettbewerb einiger Arbeitgeber ist eine verzweifelte Reaktion auf den sich verschärfenden Lehrlingsmangel.

Warnungen vor dem Akademisierungswahn

Die Zahl neu abgeschlossener Ausbildungsverträge hat 2013 mit 530.700 einen historischen Tiefstand erreicht. Sowohl die Lehrstellennachfrage als auch das Lehrstellenangebot sind gesunken. Die Nachfrage, weil die Abgängerzahl aus den allgemeinbildenden Schulen schon seit Jahren schrumpft. Sie wird bis 2025 um weitere 180.000 abnehmen. Auch streben immer mehr Jugendliche an die Hochschulen. Warnungen vor einem Akademisierungswahn haben bereits zu heftigen bildungspolitischen Kontroversen geführt.

Aber auch das Ausbildungsplatzangebot und die Ausbildungsbetriebsquote sind gesunken. Mit dem strukturellen Wandel der Wirtschaft, dem Aufkommen internetbasierter Firmen gehen Ausbildungstraditionen verloren. Betriebe, die keine Lehrlinge oder keine gut qualifizierten mehr bekommen, ziehen sich aus der Ausbildung zurück.

Eine „AusbildungPlus“

Das duale System, der bildungspolitische Exportschlager Deutschlands, verliert im eigenen Land so immer mehr an Strahlkraft. Geradezu paradox ist es, dass die Koalition beim Mindestlohn im Gegensatz zu Frankreich und Großbritannien keine Ausnahmen für Azubis vorsieht. So verführt man Jugendliche, schnell den höheren Mindestlohn zu verdienen statt eine Ausbildung zu machen und sich mit dem schmaleren Lehrlingsgehalt zu bescheiden. Als gäbe es in Deutschland nicht jetzt schon 1,5 Millionen Menschen unter 30 Jahren ohne Ausbildung, die ein deutlich höheres Risiko tragen, arbeitslos zu werden.

Auch wenn die Studienanfängerzahl nach dem Aussetzen der Wehrpflicht, doppelter Abiturientenjahrgänge in einigen Bundesländern und aufgrund des veränderten Übergangsverhaltens mit 506.000 im Studienjahr 2013 seinen zweithöchsten Wert erreicht hat, ist die Warnung vor einem Akademisierungswahn ein Fehlalarm. An Hochschulen erworbenes Wissen wird in der Wissensgesellschaft selbst in handwerklichen Berufen immer wichtiger.

Das haben vor allem jene 64 000 Studierenden eines der 1014 dualen Studiengänge mit einer gleichzeitigen Ausbildung im Betrieb und einem Studium an einer Hochschule oder Berufsakademie erkannt. Eine „AusbildungPlus“, ein duales Studium oder der Erwerb von Zusatzqualifikationen wie Betriebsassistent im Handwerk oder Handelsassistent, verlängert zwar die Bildungszeiten, erhöht aber die Arbeitsmarkt- und Aufstiegschancen.

Wettbewerb wird noch härter werden

Die Abbrecher einer Berufsausbildung oder eines Studiums sind auch keineswegs definitiv Gescheiterte. Von den 23 Prozent der Azubis mit einer Vertragslösung macht die Hälfte doch noch eine Berufsausbildung. Die zwischen einem Viertel bis zu einem Drittel aller Studienanfänger liegenden Abbrecherquoten – in den Ingenieurwissenschaften ist die Quote noch höher – sind ein Potenzial für andere Bildungs- und Ausbildungsgänge sowie für die Betriebe.

Der Wettbewerb der Betriebe und der Bildungsgänge um den Nachwuchs wird noch härter werden. Darauf müssen sich die Betriebe einstellen. Sie müssen auch lernschwächeren Schülern und Abbrechern eine Chance geben. Unser Bildungs- und Ausbildungssystem muss offen bleiben für das Nachholen von Abschlüssen. Ausgelernt hat niemand, eine „AusbildungPlus“ erleichtert Berufswechsel.

Solche Wechsel, der Trend zum „Lebensabschnittsberuf“ und wiederholte Weiterbildungen stärken die nachlassende Dynamik einer alternden und schrumpfenden Bevölkerung.

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