Altersreserve aktivieren

von Rainer Nahrendorf15.05.2013Innenpolitik

Deutschland gehen die Fachkräfte aus, Zuwanderung soll dagegen helfen. Das alleine reicht nicht. Die Arbeitskraft der Älteren muss besser genutzt werden.

Der “Demografiegipfel”:http://www.demografie-portal.de/DE/Home/home_node.html rückt erneut die Probleme der alternden und schrumpfenden Bevölkerung Deutschlands ins öffentliche Bewusstsein. Der hohe Wanderungsüberschuss täuscht. Nur jeder Zweite netto neu Zugewanderte ist eine Arbeitskraft. Eine hohe Zuwanderung lindert den sich verstärkenden Arbeitskräftemangel der deutschen Wirtschaft, aber sie beseitigt ihn nicht. Denn die aus den Krisenländern Südeuropas zugewanderten Arbeitskräfte werden ebenso wie die zahlenmäßig dominierenden polnischen, rumänischen und bulgarischen Arbeitskräfte Deutschland wieder zu einem großen Teil den Rücken kehren, sobald sich die Arbeitsplatz- und Verdienstchancen in ihren Ländern bessern.

Nur eine konsequente Einwanderungs- und Integrationspolitik könnte sie zum Bleiben bewegen. Aber ob Deutschland den sich abzeichnenden „war of talents“ wirklich gewinnen würde, hängt nicht nur von einer „Willkommenskultur“ ab, sondern von guten beruflichen Chancen und guten Lebensbedingungen. Von starken familiären und kulturellen Bindungen der Zugewanderten einmal ganz abgesehen.

In Aus- und Weiterbildung investieren

Deshalb muss das alternde Deutschland vor allem das heimische Arbeitskräftepotenzial ausschöpfen, die Erwerbstätigkeit der Frauen und ihre häufig auf Teilzeit ausgerichtete Beschäftigung steigern. Die sich verbessernden Betreuungsmöglichkeiten für Kleinkinder und der Ausbau von Ganztagsschulen bieten Chancen dazu. Die sich gleichzeitig erhöhenden Betreuungsnotwendigkeiten pflegebedürftiger betagter und hochbetagter Familienmitglieder könnten aber die Mütter überfordern. Wenn das Leben nicht nur in der Kita beginnen und im Pflegeheim enden soll, müssen sich Männer und Frauen die Familienpflichten fair teilen.

Der sich verstärkende Arbeitskräftemangel gibt auch vielen Ungelernten, von Arbeitslosigkeit Betroffenen oder Bedrohten Qualifizierungschancen. Die Betriebe werden in ihre Aus- und Weiterbildung investieren müssen, weil sie nicht genügend Fachkräfte einstellen können. Vor allem werden sie aber ihre Altersreserve ausschöpfen müssen. Die Zeit der Massenarbeitslosigkeit, in der ältere Beschäftigte mit Vorruhestandsverträgen aus den Betrieben gedrängt wurden, ist vorbei.

Viele größere Betriebe fördern die Gesundheit und Fitness älterer Mitarbeiter, richten ergonomisch alternsgerechte Arbeitsplätze ein, bilden altersgemischte Arbeitsteams, um Belastungen auszugleichen und den Wissenstransfer zwischen den Generationen zu fördern. Kleine und mittlere Betriebe müssen nachziehen.

Damit sich die Beschäftigungsfähigkeit älterer Mitarbeiter erhöht, bedarf es allerdings der Verbindung von altem und neuem Wissen. Die Weiterbildungsumfragen zeigen zwar, dass mehr und mehr Betriebe Ältere in die berufliche Weiterbildung einbeziehen, aber häufig mit Standard-Trainings. Die werden Älteren selten gerecht, demotivieren sie und verschwenden Geld. Die Älteren wollen ihre Erfahrung einbringen, praxisnah lernen und neues Wissen rasch umsetzen können.

Alternsgerechte Arbeitsplätze anbieten

Zur gezielten anwendungsbezogenen Weiterbildung müssen flexible Altersteilzeitmodelle kommen, damit Ältere mit ihrer Erfahrung länger in den Betrieben tätig sein können und dennoch mehr Zeit für sich, ihre Familien und Hobbys haben. Warum nicht nur zwei Tage in der Woche oder zwei Wochen im Monat arbeiten, Teilzeitarbeit und Teilrente kombinieren? Ein erfahrener älterer Mitarbeiter ist für die Betriebe Gold wert, wenn Anlagen oder Maschinen repariert werden müssen, die er vor Jahrzehnten zum Laufen gebracht hat.

Die Altersbeschäftigung steigt auch in Deutschland. Wenn sich das tatsächliche Rentenzugangsalter dem steigenden gesetzlichen Rentenalter stärker annähern soll, müssen Ältere akzeptieren, dass sie nie ausgelernt haben. Und die Betriebe müssen alternsgerechte Arbeitsplätze und Lernmöglichkeiten sowie flexible, verkürzte Arbeitszeiten anbieten. Wenn es gelingt, die Altersreserve zu aktivieren, könnten auch die demografisch bedingten Bremswirkungen auf das Wirtschaftswachstum geringer sein.

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