Demnächst wird die Gleichstellungsrichtlinie erzwingen, dass der nächste Bundeskanzler eine Frau wird. Edmund Stoiber

Schwere Wiedergeburt

Mindestlöhne, Abnahme prekärer Beschäftigung, Kräftemessen in Tarifkonflikten: Die Gewerkschaften sind so mächtig wie lange nicht mehr. Ver.di und Co. müssen sich trotzdem dringend selbst reformieren, sonst gilt für sie eine Boxerregel.

Der Skandal bei Amazon, Hungerlöhne im Niedriglohnsektor, Missbrauch von Werkverträgen – die Chronique scandaleuse belebt alte Ausbeuterklischees, schreit geradezu nach einer Gegenmacht, einer Schutzmacht der Lohnabhängigen, die kapitalistischen Auswüchsen ein Ende macht. Die Gewerkschaft Ver.di lässt an einigen Flughäfen ihre Muskeln spielen. Sie will das private Sicherheitspersonal aus dem Niedriglohnsektor herausholen. Die zweitgrößte DGB-Gewerkschaft ist kampferprobt. So schnell wird es nicht wieder ein bisschen Frieden geben.

Endlich nicht mehr in der Defensive

Das Kräftemessen ist der Auftakt zu härteren Tarifkonflikten. Schließlich werden nach den Fachkräften bald Arbeitskräfte generell knapp. Das kostet. Billigjobs sind Auslaufjobs. Mindestlöhne, neben den tariflichen auch staatliche, wird es noch in diesem Jahr in immer größerer Zahl geben. Der Slogan „Sozial ist, was Arbeit schafft“, zieht nicht mehr. Nur gute Arbeit ist gefragt. Möglichst so gute wie bei Daimler, wo die Beschäftigten für 2011 eine Ergebnisbeteiligung von 4.100 Euro erhielten.

Der Arbeitsmarkt wird zum „Verkäufermarkt“. Weil es schon jetzt vielerorts an qualifiziertem Nachwuchs mangelt, wird die Übernahme von Auszubildenden zum Selbstläufer, prekäre Arbeitsverhältnisse werden nach und nach abnehmen, das Normalarbeitsverhältnis wird bald wirklich wieder zur Normalität. Also goldene Zeiten für die Gewerkschaften? Das ist offen. Manche Beschäftigte könnte der Wandel des Arbeitsmarktes in der Meinung bestärken, einer kollektiven Interessenvertretung bedürfe es gar nicht mehr.

Glaubt man kernigen Sprüchen von Top-Gewerkschaftern, stehen die Gewerkschaften vor einer Renaissance. Schließlich haben sie in den vergangenen drei Jahren nach vielen verlustreichen Runden wieder reale Lohnzuwächse durchgesetzt. Die Deregulierung und Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, die Hartz-IV-Reformen, die die Gewerkschaften bekämpft haben, ihre eigene jahrelange Lohnbescheidenheit haben zu dem „neuen deutschen Arbeitsmarktwunder“ beigetragen. Nun sind sie endlich nicht mehr in Defensive.

Die Stabilisierung ihrer Mitgliedszahlen bei 6,15 Millionen feiern sie als Attraktivitätsgewinn. 2012 insgesamt haben sie nur noch Mitglieder im Promillebereich verloren. Aber der Erfolg relativiert sich, wenn man die stark gestiegenen Beschäftigungszahlen berücksichtigt.

Sind die Gewerkschaften nach jahrelangem Schrumpfen wirklich wieder auf Wachstumskurs? Kurz nach der deutschen Vereinigung zählten sie fast doppelt so viele Mitglieder wie heute. Die undifferenzierten Mitgliederzahlen täuschen. Im Durchschnitt aller Gewerkschaften sind über 20 Prozent der Mitglieder Ruheständler. Bei der Chemie- und Energiegewerkschaft IGBCE sind es fast 29 Prozent, bei der IG Bauen-Agrar-Umwelt etwa genauso viel und bei der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft 42 Prozent. Manche 1.-Mai-Demonstration ähnelt deshalb bereits einer Rentnerversammlung.

Die Nachwuchssorgen der Gewerkschaften sind nicht kleiner geworden. Der Organisationsgrad der Jungen ist gering. Die gesunkenen Mitgliederzahlen spiegeln den Strukturwandel der Wirtschaft wie bei der IG Bau und nehmen die Alterung der deutschen Erwerbsbevölkerung voraus. Die Gewerkschaften wollen Interessenvertretungen der aktiv Beschäftigten und der Arbeitslosen sein. Sie sind zugleich jedoch die größten Rentnerorganisationen Deutschlands. Daraus resultieren Interessenkonflikte wie bei der Ablehnung der Beitragssenkung in der Rentenversicherung.

Seit mehr als einem Jahrzehnt diskutieren die Gewerkschaften über ihre Zukunft. Die „Dinosaurier der Klassenkampfgesellschaft“ arbeiten an ihrer Wiedergeburt. Die wird, wenn sie gelingt, schmerzhaft. Denn die Tarifbindung ist gesunken, die Normierungskraft der Tarifverträge hat abgenommen, unter dem Druck der Globalisierung haben betriebliche Öffnungsklauseln zugenommen, Branchentarifverträge sind erodiert, die Tarifeinheit eines Betriebes ist nicht mehr gesichert, zu Berufsgewerkschaften kommen Spartengewerkschaften hinzu. Und der gesellschaftliche Wertewandel hin zur Individualisierung erschwert die kollektive Interessenvertretung. Waren einst die Kollegen in Betrieben und Verwaltungen die entscheidenden Netzwerke zur Meinungsbildung, haben sie heute in den virtuellen sozialen Netzwerken eine mächtige Konkurrenz bekommen.

Die Gewerkschaften müssen sich selbst reformieren

Die Staatsschuldenkrise stellt die Gewerkschaften zudem vor neue Herausforderungen. Weil das Sparbuch und Anleihen in aller Regel nicht einmal die Inflation ausgleichen, werden auch Arbeitnehmer in immer größerer Zahl zu Aktionären werden müssen. Damit werden sie zugleich zu Kleinkapitalisten. Der klassische Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit entschärft sich. Neben dem Lohn wird die Ergebnisbeteiligung immer wichtiger, sei es als direkte Gewinnbeteiligung über Jahresboni wie schon heute in vielen Großunternehmen, sei es über die Dividende aus Belegschafts- oder Fremdaktien.

Die Zunahme von Arbeitnehmer-Aktionären sollten die Gewerkschaften als Chance sehen. So lassen sich durch die Gründung von Arbeitnehmer- und Belegschafts-Aktionärsvereinen die divergierenden Interessen zwischen Arbeitnehmern und Aktionären ausgleichen, die Mitbestimmungsregelungen flankieren und ein manchmal unumgänglicher Personalabbau wirklich sozialverträglich gestalten. Wenn die Gewerkschaften sich nicht selbst reformieren, wird für die Champions von gestern die Boxerregel gelten: They never come back.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Frank Schäffler, Matthias W. Birkwald, Matthias W. Birkwald.

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