Die Gewerkschaften geben Clickworker-Alarm

von Rainer Nahrendorf24.02.2017Europa, Wirtschaft

Mikrojobs werden häufig von Studenten und Schülern als Nebenjob erledigt. Zum Leben als Solo-Selbstständiger reichen meistens erst mehrere Mikrojobs. Die IG Metall fordert auch für Clickworker den gesetzlichen Mindestlohn von derzeit 8,84 Euro pro Stunde.

Noch haben die DGB-Gewerkschaften kein Rezept gefunden, ihren lange anhaltenden Mitgliederschwund zu stoppen. Nur noch ganz knapp überstieg die Mitgliederzahl 2016 die 6-Millionen-Marke. Nun müssen sie ihre Organisationsmacht auch noch im Digitalisierungssturm behaupten.

Der Sturm schüttelt viele Branchen und Belegschaften mit ihren Berufsbildern durch, löst neue Automatisierungs- und Rationalisierungswellen aus, entwertet alte Qualifikationen und verlangt neue. Bei dem vor allem in den USA verbreiteten crowdsourcing splitten Unternehmen Arbeiten in Mikrojobs auf und lagern sie an Internetplattformen aus. Noch sind die Click- und Crowdworker, die Mikrojobber zwar ein Randphänomen des digitalen Wandels, aber für die Gewerkschaften sind sie zum Inbegriff der Bedrohung geworden. Deshalb möchten sie gern zur Gegenmacht für die „digitalen Tagelöhner“ werden und sie organisieren.

Die IG Metall betreibt eine Internetplattform – www.faircrowdwork.org- , auf der sich clickworker austauschen und Plattformen bewerten können. Allein bei clickworker.com sind 800 000 Nutzer registriert, davon etwa ein Viertel aus Deutschland. Clickworker führen repetitive Kleinstaufgaben etwa in der Sprach-Bild- und Texterkennung für fixe Kleinstbeträge aus, kategorisieren Bilder, erfassen Etiketten und schreiben Kurztexte. Das anspruchsvollere crowdworking nutzen etwa Softwareunternehmen für das Testen von Softwareapplikationen.

Mindestlohn für Clickworker

Mikrojobs werden häufig von Studenten und Schülern als Nebenjob erledigt. Zum Leben als Solo-Selbstständiger reichen meistens erst mehrere Mikrojobs. Die IG Metall fordert auch für Clickworker den gesetzlichen Mindestlohn von derzeit 8,84 Euro pro Stunde. Der wird sich aber angesichts der Möglichkeit, Mikrojobs über die deutschen Grenzen hinaus auszulagern, nicht durchsetzen lassen.

Horrorszenarien vom Entstehen eines Clickworker-Prekariats dramatisieren den digitalen Wandel. Es wird nach den Prognosen der Arbeitsmarktforscher bis 2030 nur 60000 Industriearbeitsplätze weniger geben als ohne die Entwicklung zur Industrie 4.0. Innerbetriebliche Umsetzungen und Umschulungen werden jedoch nicht ausreichen, um den heftigen Strukturwandel zu bewältigen. Neue Ausbildungsordnungen werden ebenso notwendig wie eine Weiterbildungsoffensive. Der Streit zwischen Betriebs- und Tarifparteien über eine Kostenteilung könnte weniger heftig werden, wenn die Bundesanstalt für Arbeit von ihr mit entwickelte „Arbeiten 4.0-Qualifikationsprogramme“ förderte.

Das deutsche Modell der Mitbestimmung der Betriebsräte, der Betriebsvereinbarungen und der Tarifverträge muss sich bei der Gestaltung der Arbeitswelt 4.0 bewähren. Die bisherigen Rationalisierungsschutzabkommen standen wie der von der früheren IG Druck 1978 durchgedrückte Tarifvertrag über rechnergestützte Textsysteme im Verdacht, Innovationen zu bremsen. Der Vertrag behielt für mehrere Jahre Gestaltungsaufgaben ausgebildeten Fachkräften der Druckindustrie vor.

Die Gewerkschaften wollen keine „Maschinenstürmer“ sein. Sie wissen, dass die Digitalisierung Chancen bietet, die demografische Herausforderung zu bewältigen und Produktivitätsfortschritte zu erreichen, die letztlich auch den Arbeitnehmern dienen. Wie die Betriebsvereinbarungen über flex@work und mobiles Arbeiten zeigen, lassen sich betriebliche Notwendigkeiten und Arbeitnehmerwünsche zum gegenseitigen Vorteil vereinbaren.

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