Ein Buch über Twitter im Regal ist wie ein Foto vom Wagenheber im Kofferraum. Sascha Lobo

Atomausstieg ist doch jeden Preis wert, oder?

Der Fukushima-Unfall wurde im Jahr 2011 zum Beschleuniger der Energiewende in Deutschland. Doch ist ein schneller Ausstieg aus der Kernenergie überhaupt sinnvoll oder gibt es Alternativen, Herr Klute?

Herr Klute, war diese Wende auch aus technischer Hinsicht richtig?

Die Frage ist interessant formuliert, denn sie setzt voraus, dass die Energiewende in anderer als technischer Hinsicht richtig war. Das verwundert, denn eigentlich ist Energie ja ein durch und durch technisches Thema. Es geht darum, Energie – zum Beispiel Strom – zu gewinnen, zu verteilen und zu nutzen. Das sollte auf umweltverträgliche Art und Weise geschehen. Außerdem sollte Energie immer verfügbar sein, wenn man sie braucht, und sie sollte für jedermann bezahlbar sein.
Man spricht vom Zieldreieck der Energieversorgung: Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit, Umweltverträglichkeit.

Wie wird Energiewende diesen Zielen gerecht?

Umweltverträglichkeit bedeutet gemäß dem selbst gesetzten Ziel der Energiewende vor allem eine massive Reduzierung der CO2-Emissionen. Dieses Ziel hat die Energiewende klar verfehlt. Inzwischen ist jedem klar, dass Deutschland seine Klimaziele 2020 nicht erreichen kann. Für 2030 hat die Bundesregierung noch strengere Klimaziele gesetzt. Wie die erreicht werden sollen, weiß niemand. Strom aus Sonne und Wind reichen dazu offensichtlich nicht aus. Denn wenn die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht weht, dann gibt es auch keinen Solar- oder Windstrom. Dann müssen Kohle- und Gaskraftwerke die Lücken füllen. Doch die emittieren große Mengen CO2 und verschlechtern die Klimabilanz. Von Luftschadstoffen ganz zu schweigen, die sich auch durch Rauchgasreinigung nicht vollständig abscheiden lassen.

Anders sähe es aus, wenn Deutschland nicht aus der Kernenergie aussteigen würde. Aber der Ausstieg ersetzt CO2-arme Kernkraftwerke, die 24×7 Strom liefern, durch CO2-arme Wind- und Solaranlagen, die nur dann Strom liefern, wenn Tageszeit und Wetter mitspielen. So kann man natürlich keine Emissionen einsparen, so bringt man sie zum Steigen!

Versorgungssicherheit bedeutet, dass jederzeit so viel Strom verfügbar ist, wie gebraucht wird. Sonne und Wind können das nicht garantieren. Sie tragen praktisch nichts zur sogenannten gesicherten Leistung bei. Man weiß ja nicht, welche Leistung zu einem bestimmten Zeitpunkt zur Verfügung steht. Sicher ist nur, dass Solar nachts nichts liefert.

In den kommenden Jahren wird eine ganze Reihe von Kohle- und Kernkraftwerken stillgelegt, daher geht die gesicherte Leistung zurück. Die Übertragungsnetzbetreiber weisen darauf hin, dass sie ab Januar 2020 erstmals sein negativ wird. Dann ist Deutschland je nach Tageszeit, Wetter und EE-Produktion von Stromimporten aus dem Ausland abhängig.

Der Punkt Wirtschaftlichkeit lässt sich am Strompreis festmachen, und der ist durch die Energiewende massiv gestiegen. Heute hat Deutschland die höchsten Strompreise in Europa. Nirgendwo zahlen private Verbraucher und Industriekunden mehr.

Viele Menschen halten die Energiewende trotzdem für einen Erfolg. Denn ihr eigentliches Ziel hat sie ja erreicht: den Atomausstieg! Und der ist doch jeden Preis wert, oder? Da spielt es keine Rolle, wie teuer der Strom und ob es womöglich von Zeit zu Zeit keinen gibt.

Und der Klimawandel? Viele Akteure halten ihn für die schlimmste Bedrohung der Menschheit und appellieren dazu, »alles« gegen den Klimawandel zu tun. Aber dieses »Alles« schließt Kernenergie nicht ein. Offenbar ist die Sache mit dem Klimawandel doch nicht so schlimm, wie behauptet wird, oder diese Kernkraftgegner sehen den inneren Widerspruch ihrer Haltung nicht.

Was Kernkraftgegner ebenfalls übersehen: Auch wenn Deutschland aus der Kernenergie aussteigt, machen das andere Länder noch lange nicht. Im Gegenteil, 30 Länder wollen neu einsteigen. Deutschland verliert durch den Atomausstieg seine kerntechnische Kompetenz und die Chance, dabei mitzumischen. Wir verlieren nicht nur Geschäftschancen, vor allem an Russland, China und Südkorea. Wir verlieren auch Einflussmöglichkeiten bei neuen, inhärent sicheren Kernkraftkonzepten. Wir verlieren die Kompetenz, die Sicherheit von Kernkraftwerken zu beurteilen, sei es in Belgien oder anderswo.

Welche Folgen hat denn diese Entscheidung für die Energieversorgung des Landes?

Wir sind es gewohnt, dass die Kaffeemaschine läuft, wenn wir sie einschalten, dass wir jederzeit Licht und Wärme haben, dass Straßenbahnen und Züge fahren und dass wir Lebensmittel im Supermarkt einkaufen können – mit Geld, das wir zuvor aus dem Geldautomaten geholt haben. Das alles geht nur mit Strom. Er ist das Lebenselixier unserer Gesellschaft. Ohne Strom bricht alles zusammen. Das fängt bei der Versorgung mit Trinkwasser und Lebensmitteln an und hört beim Betrieb von Heizungen, Kühlanlagen, medizinischen Geräten, Internet, Ampeln, Geldautomaten und Industrieanlagen noch lange nicht auf.

Strom muss im selben Moment hergestellt werden, in dem wir ihn verbrauchen. Steigt die Nachfrage nach Strom an, müssen die Stromerzeugungsanlagen den zusätzlichen Bedarf sofort decken. Solar- und Windkraftanlagen können das nicht. Wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht, liefern die Anlagen nichts oder zu wenig. Während der Hitzewelle im Juli 2018 gab es in Deutschland tagelang kaum Wind. Fast alle Windräder standen still. Windkraft lieferte nur wenige Prozent ihrer installierten Leistung.

Nur das, was erfahrungsgemäß zuverlässig zur Verfügung steht, zählt zur gesicherten Leistung. Sie stammt aus Anlagen, die unabhängig von Tageszeit und Wetter Strom liefern. Das sind Kohle-, Gas- und Kernkraftwerke, aber auch Biogas- und Wasserkraftanlagen. Erfahrungsgemäß sind von diesen Kraftwerken immer irgendwelche gerade in Reparatur oder Wartung oder stehen aus anderen Gründen nicht zur Verfügung. Daher zieht man von der installierten Leistung des jeweiligen Kraftwerksparks einen gewissen Prozentsatz ab. Da Solarstrom jede Nacht vollständig ausfällt, trägt er überhaupt nichts zur gesicherten Leistung bei. Bei Windkraft geht man davon aus, dass rund ein Prozent der installierten Leistung immer zur Verfügung steht – oder jedenfalls fast immer.

Die gesicherte Leistung ist also äußerst wichtig und muss mindestens so groß sein wie die maximale Stromnachfrage. Nun gehen aber im Rahmen der Energiewende bis Ende 2022 die Kernkraftwerke vom Netz. Außerdem werden ältere Kohlekraftwerke stillgelegt. Dadurch geht die so wichtige gesicherte Leistung zurück. Die deutschen Übertragungsnetzbetreiber weisen in ihrem Bericht zur Leistungsbilanz 2016 – 2020 (Seite 28) darauf hin, dass die verbleibende Leistung im Januar 2020 erstmals negativ wird, die gesicherte Leistung also die maximale Stromnachfrage nicht mehr befriedigt. Eine solche Situation kann beispielsweise an einem kalten, windstillen Winterabend mit hohem Strombedarf und wenig Ökostrom eintreten. Bedenklich ist besonders, dass die verbleibende Leistung schon zu einem Zeitpunkt negativ wird, an dem noch sechs große Kernreaktorblöcke mit einer Leistung von insgesamt über 8000 Megawatt in Betrieb sein werden. Mit deren Abschaltung Ende 2021 und Ende 2022 wird sich die Situation weiter verschärfen, vom geplanten Kohleausstieg ganz zu schweigen.

Hat Deutschland nicht genug Strom, sollen die Nachbarländer aushelfen. Die verkaufen natürlich gern Strom an ihren bedürftigen Nachbarn, allerdings nur dann, wenn sie selbst welchen übrig haben. Genau das wird aber zunehmend fraglich. Wie eine im August 2018 erschienene Analyse des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) zeigt, wollen viele europäische Länder im kommenden Jahrzehnt aber über die Hälfte ihrer Kohlekraftwerke stilllegen und stattdessen Wind und Solar ausbauen. Auch Kernenergie dürfte nach dieser Analyse in Europa eher zurückgehen als wachsen.

Damit macht sich nicht nur Deutschland vom Wetter abhängig, sondern viele europäische Länder ebenfalls. Wettergebiete sind aber meist sehr weiträumig. Das heißt, wenn in Deutschland Windstrom fehlt, dann fehlt er in den Nachbarländern ebenfalls. Und alle wollen dann die Stromlücken durch Importe füllen? Das kann nicht funktionieren!

Wie groß ist die Gefahr eines vollständigen bundesweiten Blackouts?

Ein vollständiger Blackout in ganz Deutschland, das wäre ein unkontrollierter Netzzusammenbruch. Diese Gefahr halte ich für gering. Denn Deutschland wäre nicht Deutschland, wenn Strommangel-Szenarien nicht geregelt wären. Das Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) sieht in § 13 eine Reihe von Maßnahmen vor, die einen unkontrollierten Zusammenbruch verhindern sollen und stattdessen auf ein geordnetes Abschalten von Stromverbrauchern setzen.

Reichen Stromproduktion und Stromimporte nicht aus, um die Stromnachfrage (»Last«) zu decken, kann man die Balance nur wiederherstellen, indem man die Last verringert. Das Mittel der Wahl ist also: Strombezieher vom Netz trennen und stromlos schalten. Der Fachbegriff dafür lautet »Lastabwurf«.

Bei einem Engpass werden zunächst solche Stromkunden vom Netz getrennt, die genau dies vertraglich vereinbart haben. Zum Ausgleich für die Bereitschaft zum Lastabwurf erhalten sie den Strom günstiger.
Reichen diese Lastabwürfe nicht aus, dann »sind die Betreiber der Übertragungsnetze … berechtigt und verpflichtet, sämtliche Stromeinspeisungen, Stromtransite und Stromabnahmen in ihren Regelzonen den Erfordernissen eines sicheren und zuverlässigen Betriebs des Übertragungsnetzes anzupassen oder diese Anpassung zu verlangen«, wie es der Gesetzgeber etwas spröde in § 13 (2) EnWG formuliert. Auf Deutsch: Der Netzbetreiber darf und muss untergeordnete Netze, Nachbarnetze oder Endkunden soweit nötig abtrennen. Hauptsache, das Netz selbst bleibt bestehen! Denn nur mit einem funktionierenden Restnetz kann man die Versorgung relativ einfach wiederherstellen, sobald wieder genug Strom zur Verfügung steht.

Über solche drastischen Maßnahmen soll der Netzbetreiber vorab informieren. Offenbar weiß aber auch der Gesetzgeber, dass Lastabwürfe derart kurzfristig nötig sein können, dass keine Zeit mehr zum Informieren bleibt und der Lastabwurf ohne Vorwarnung erfolgen muss. Daher verlangt § 13 (2) EnWG diese Information nur »soweit möglich«.

Wie umfangreich Lastabwürfe sein müssen, hängt davon ab, wie groß die Differenz zwischen Last und Leistung ab. Fehlt nur wenig Leistung, reicht womöglich der vertraglich vereinbarte Lastabwurf einiger industrieller Großverbraucher. Andernfalls wird wohl auch die eine oder andere Großstadt abgeworfen werden müssen. Hält der Strommangel länger an, sorgen rollierende Blackouts dafür, dass alle mal drankommen und wenigstens stundenweise Stromzuteilungen erhalten. Man kennt das aus Ländern der Dritten Welt.

Laut der im Januar vorgelegten BDI-Studie „Klimapfade für Deutschland“ wären zur Erreichung der deutschen Klimaziele Mehrinvestitionen in Höhe von 1,5 bis 2,3 Billionen Euro bis 2050 erforderlich, also im Durchschnitt etwa 45 bis 70 Mrd. Euro pro Jahr, oder 1,2 bis 1,8 Prozent des deutschen BIP. Bedeutet es, dass die wirtschaftlichen Folgen der Energiewende in einem ökonomischen Desaster sowohl für Unternehmen als auch für den Staat enden werden?

Solche Investitionen schlagen sich natürlich im Strompreis nieder, machen den Strom also noch teurer, als er jetzt schon ist.

Ein weiterer Kostentreiber ist der schon angesprochene europaweite Trend weg von verlässlichen Kraftwerkskapazitäten hin zu Solar- und Windkraftwerken. Er lässt die Versorgungssicherheit schwinden, verknappt das Angebot und steigert somit den Strompreis.

Nun will Deutschland auch noch einen beschleunigten Kohleausstieg durchführen. Bis Ende 2018 soll die von der Bundesregierung eingesetzte Kohlekommission dazu einen Plan ausarbeiten. Auch ohne eine Beschleunigung des Kohleausstiegs muss Deutschland mit einem deutlichen Anstieg der Strompreise rechnen. Denn wenn die billigen Stromlieferanten wegfallen – also Kohle und Kernkraft – und Sonne und Wind nicht genug liefern, müssen Gaskraftwerke einspringen. Als fossiler Energieträger emittiert Gas viel CO2, sichert aber immerhin die Stromversorgung – jedenfalls soweit die Kraftwerkskapazitäten reichen. Vor allem aber treibt der Einsatz von Gas den Strompreis in die Höhe, denn Erdgas ist ein teurer Brennstoff. Hinzu kommt eine steigende Abhängigkeit vom Gaslieferanten Russland.

Laut Handelsblatt dürfte nach einer vom Stromversorger RWE in Auftrag gegebenen Studie der Großhandelspreis für eine Megawattstunde ohne beschleunigten Kohleausstieg um 16 Euro ansteigen. Bei einem beschleunigten Kohleausstieg bis 2040 sei es ein Anstieg von 25 Euro pro Megawattstunde. Zum Vergleich: Im Großhandel kostet eine Megawattstunde bei Lieferung im nächsten Jahr laut Handelsblatt derzeit knapp 47 Euro.

Das sind Mehrbelastungen, die Verbraucher und Industrie nicht leicht wegstecken. Vor allem für Geringverdiener und energieintensive Unternehmen werden sie beträchtlich sein. Das wird soziale Schieflagen verschärfen und den Standort Deutschland schwächen. Weitere Unternehmen werden Produktionsstandorte ins Ausland verlagern. Allerdings werden die Auswirkungen für die einzelnen Branchen unterschiedlich ausfallen. Solange Strom »nur« teuer ist, aber mehr oder weniger zuverlässig zur Verfügung steht, dürfte dies volkswirtschaftlich zwar signifikant sein, aber nicht unbedingt desaströs.

Gewinner werden diejenigen Länder sein, die energieintensiven Industrieunternehmen Standorte mit reichlicher und günstiger Stromversorgung anbieten. Das kann außerhalb Europas sein oder auch in osteuropäischen Staaten, wo Kernenergie durchweg Vertrauen und Beliebtheit in der Bevölkerung genießt. Osteuropäische Staaten können auch durch den Verkauf von Atomstrom profitieren. Tschechien steht mit dem Bau neuer Kernreaktoren ja bereits in den Startlöchern, und Polen hat ebenfalls nukleare Ambitionen.

Es bleibt heute immer weniger Kernenergiewissenschaftler in Deutschland. Andererseits sind sie in spezifischen Bereichen mehr denn je gefragt, wie zum Beispiel Stilllegung oder Abfallmanagement, das geht weit über 2022 hinaus. (Die Stilllegung von Kernkraftwerken erfolgt unter Beteiligung sowohl deutscher Energiekonzerne als auch ausländischer Unternehmen (z.B. der Marktführer des weltweiten Backend-Markts Rosatom, vertreten durch seine Tochtergesellschaft Nukem Technologies GmbH) – Anm. des Autors). Wie kann man die Regierung von der Notwendigkeit überzeugen, Nuklearwissenschaft zu fördern?

Die Frage ist eher: Woher kommt das Fachpersonal für diese Aufgaben? Es gibt in Deutschland viel zu wenige Absolventen für Kernenergietechnik. Kein Wunder! Selbst wenn es auf Jahrzehnte hinaus in der deutschen Kernenergie noch genug zu tun gibt und die beruflichen Perspektiven gut sind: Wer möchte denn als junger Mensch in einen Beruf einsteigen, in dem er nichts schaffen kann, auf das er mit Stolz blicken kann, sondern stattdessen gut funktionierende Anlagen stilllegen und verschrotten muss? Ist das eine erfüllende Lebensperspektive?

Es gibt dennoch einige Entwicklungen in Sachen neuer Reaktoren – auch in Deutschland. Wie schätzen Sie diese Entwicklungen auch im internationalen Vergleich ein?

Weltweit arbeiten eine ganze Reihe von Unternehmen – darunter viele Startups – an neuartigen Reaktorkonzepten. Dazu zählt auch das Institut für Festkörperkernphysik in Berlin, das an seinem Dual-Fluid-Reaktor arbeitet.

Für Deutschland sind diese Entwicklungen momentan aber ohne Bedeutung. Der Atomausstieg erfolgte ja nicht aufgrund nüchterner Abwägungen von Vor- und Nachteilen. Er ist vielmehr das Ergebnis einer jahrzehntelangen Desinformationskampagne. Die meisten Deutschen glauben inzwischen allen Ernstes, Kernenergie sei riskant und teuer und hinterlasse jede Menge gefährlicher Abfälle. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Kernenergie bleibt trotz Tschernobyl und Fukushima die sicherste aller Stromerzeugungsarten. Sie liefert zuverlässig, wetterunabhängig und emissionsfrei preisgünstigen Strom in praktisch beliebigen Mengen. Die Abfälle sind gering und gut verwahrt.

Und was viele nicht wissen: Ausgerechnet die hochradioaktiven Abfälle lassen sich recyceln. Das ist in den neuartigen Kernreaktoren möglich. Sie könnten Deutschland allein mit dem vorhandenen Atommüll jahrhundertelang mit Strom versorgen. Zugleich würde das Endlager-Problem gelöst. Denn für die Reststoffe, die dann noch übrigbleiben, reicht eine Lagerdauer von einigen hundert Jahren. Das ist zwar immer noch lang, aber wesentliche einfacher und billiger als ein Endlager, das eine Million Jahre sicher sein soll.

Im April sprach der ehemalige Bundesinnenminister Otto Schily von den nuklearen Technologien, die trotz der Energiewende noch immer gut dienen könnten, und nannte den Dual Fluid Reaktor, ein in Deutschland entwickeltes Projekt, als Beispiel. Wäre es nach Ihrer Ansicht möglich, moderne Nukleartechnik (z.B. den Dual Fluid Reaktor) in die Energiewende einzubeziehen?

Selbstverständlich! Viele moderne Reaktortypen sind lastfolgefähig und können sich einer wechselnden Stromnachfrage flexibel anpassen. Ist die Einspeisung aus Sonne und Wind hoch, senkt der Kernreaktor seine Leistung ab, um sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder zu erhöhen.

Der Betreiber ist allerdings daran interessiert, möglichst immer mit voller Leistung zu fahren. Denn gedrosselte Leistung bedeutet gedrosselte Stromverkäufe. Dabei bleiben die Betriebskosten praktisch unverändert, denn der eingesparte Kernbrennstoff fällt kostenmäßig nicht wirklich ins Gewicht.

Was die meisten Kernkraftgegner nicht wissen oder nicht wissen wollen: Auch die noch laufenden deutschen Kernkraftwerke können sich in weitem Rahmen der wechselnden Stromnachfrage anpassen. Und das tun sie auch. Damit gleichen sie einen Teil der schwankenden Einspeisungen von Wind- und Solarstrom aus und stützen so die Energiewende – noch.

Übrigens liefert Kernenergie nicht nur Strom. In den Sektoren Wärme und Verkehr dominieren heute nach wie vor fossile Brennstoffe. Hier kann Kernenergie wesentliche Beiträge zur Dekarbonisierung leisten. Nukleare Fernwärme beispielsweise findet aktuell in Finnland und China neues Interesse. Kraftstoffe für Autos, Schiffe und Flugzeuge kann man CO2-neutral synthetisch herstellen und die dazu nötige Prozesswärme aus einem Hochtemperaturreaktor auskoppeln. Der in Deutschland in Entwicklung befindliche Dual-Fluid-Reaktor eignet sich hierzu besonders gut, da er mit einer sehr hohen Betriebstemperatur von über 1.000 °C arbeitet und dadurch den Einstieg in die Wasserstoffchemie ermöglicht.

Um die Chancen fortschrittlicher Reaktoren zu nutzen, braucht Deutschland aber eine neue Generation von Politikern. Wir brauchen Leute, die Fortschritt und Technik aufgeschlossen gegenüberstehen und Kernenergie nicht mehr durch die ideologische Brille betrachten. In Gesprächen mit Jugendlichen begegnet mir diese Offenheit. Heute hingegen wäre es noch ein Karrierekiller, wenn ein Politiker in einer der etablierten Parteien öffentlich für Kernenergie plädierte. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel ist in dieser Frage völlig beratungsresistent.

Hohe Strompreise und möglicherweise auch größere Stromausfälle werden der Kernenergie in Deutschland wieder den Weg ebnen. Sie werden Politikern der zweiten Reihe, die sich heute höchstens im persönlichen Gespräch für Kernenergie aussprechen, gute Argumente liefern. Doch selbst dann, wenn es zu einem raschen Bewusstseinswandel kommen sollte, wird bis zur Inbetriebnahme des ersten neuen Kernkraftwerks noch viel Zeit vergehen. Denn das verlorengegangene Know-how muss Deutschland erst wieder mühsam neu aufbauen.

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