Atomausstieg ist doch jeden Preis wert, oder?

von Rainer Klute9.09.2018Innenpolitik, Wirtschaft

Der Fukushima-Unfall wurde im Jahr 2011 zum Beschleuniger der Energiewende in Deutschland. Doch ist ein schneller Ausstieg aus der Kernenergie ĂŒberhaupt sinnvoll oder gibt es Alternativen, Herr Klute?

_Herr Klute, war diese Wende auch aus technischer Hinsicht richtig?_

Die Frage ist interessant formuliert, denn sie setzt voraus, dass die Energiewende in anderer als technischer Hinsicht richtig war. Das verwundert, denn eigentlich ist Energie ja ein durch und durch technisches Thema. Es geht darum, Energie – zum Beispiel Strom – zu gewinnen, zu verteilen und zu nutzen. Das sollte auf umweltvertrĂ€gliche Art und Weise geschehen. Außerdem sollte Energie immer verfĂŒgbar sein, wenn man sie braucht, und sie sollte fĂŒr jedermann bezahlbar sein.
Man spricht vom Zieldreieck der Energieversorgung: Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit, UmweltvertrÀglichkeit.

_Wie wird Energiewende diesen Zielen gerecht?_

UmweltvertrĂ€glichkeit bedeutet gemĂ€ĂŸ dem selbst gesetzten Ziel der Energiewende vor allem eine massive Reduzierung der CO2-Emissionen. Dieses Ziel hat die Energiewende klar verfehlt. Inzwischen ist jedem klar, dass Deutschland seine Klimaziele 2020 nicht erreichen kann. FĂŒr 2030 hat die Bundesregierung noch strengere Klimaziele gesetzt. Wie die erreicht werden sollen, weiß niemand. Strom aus Sonne und Wind reichen dazu offensichtlich nicht aus. Denn wenn die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht weht, dann gibt es auch keinen Solar- oder Windstrom. Dann mĂŒssen Kohle- und Gaskraftwerke die LĂŒcken fĂŒllen. Doch die emittieren große Mengen CO2 und verschlechtern die Klimabilanz. Von Luftschadstoffen ganz zu schweigen, die sich auch durch Rauchgasreinigung nicht vollstĂ€ndig abscheiden lassen.

Anders sĂ€he es aus, wenn Deutschland nicht aus der Kernenergie aussteigen wĂŒrde. Aber der Ausstieg ersetzt CO2-arme Kernkraftwerke, die 24×7 Strom liefern, durch CO2-arme Wind- und Solaranlagen, die nur dann Strom liefern, wenn Tageszeit und Wetter mitspielen. So kann man natĂŒrlich keine Emissionen einsparen, so bringt man sie zum Steigen!

Versorgungssicherheit bedeutet, dass jederzeit so viel Strom verfĂŒgbar ist, wie gebraucht wird. Sonne und Wind können das nicht garantieren. Sie tragen praktisch nichts zur sogenannten gesicherten Leistung bei. Man weiß ja nicht, welche Leistung zu einem bestimmten Zeitpunkt zur VerfĂŒgung steht. Sicher ist nur, dass Solar nachts nichts liefert.

In den kommenden Jahren wird eine ganze Reihe von Kohle- und Kernkraftwerken stillgelegt, daher geht die gesicherte Leistung zurĂŒck. Die Übertragungsnetzbetreiber weisen darauf hin, dass sie ab Januar 2020 erstmals sein negativ wird. Dann ist Deutschland je nach Tageszeit, Wetter und EE-Produktion von Stromimporten aus dem Ausland abhĂ€ngig.

Der Punkt Wirtschaftlichkeit lÀsst sich am Strompreis festmachen, und der ist durch die Energiewende massiv gestiegen. Heute hat Deutschland die höchsten Strompreise in Europa. Nirgendwo zahlen private Verbraucher und Industriekunden mehr.

Viele Menschen halten die Energiewende trotzdem fĂŒr einen Erfolg. Denn ihr eigentliches Ziel hat sie ja erreicht: den Atomausstieg! Und der ist doch jeden Preis wert, oder? Da spielt es keine Rolle, wie teuer der Strom und ob es womöglich von Zeit zu Zeit keinen gibt.

Und der Klimawandel? Viele Akteure halten ihn fĂŒr die schlimmste Bedrohung der Menschheit und appellieren dazu, »alles« gegen den Klimawandel zu tun. Aber dieses »Alles« schließt Kernenergie nicht ein. Offenbar ist die Sache mit dem Klimawandel doch nicht so schlimm, wie behauptet wird, oder diese Kernkraftgegner sehen den inneren Widerspruch ihrer Haltung nicht.

Was Kernkraftgegner ebenfalls ĂŒbersehen: Auch wenn Deutschland aus der Kernenergie aussteigt, machen das andere LĂ€nder noch lange nicht. Im Gegenteil, 30 LĂ€nder wollen neu einsteigen. Deutschland verliert durch den Atomausstieg seine kerntechnische Kompetenz und die Chance, dabei mitzumischen. Wir verlieren nicht nur GeschĂ€ftschancen, vor allem an Russland, China und SĂŒdkorea. Wir verlieren auch Einflussmöglichkeiten bei neuen, inhĂ€rent sicheren Kernkraftkonzepten. Wir verlieren die Kompetenz, die Sicherheit von Kernkraftwerken zu beurteilen, sei es in Belgien oder anderswo.

_Welche Folgen hat denn diese Entscheidung fĂŒr die Energieversorgung des Landes?_

Wir sind es gewohnt, dass die Kaffeemaschine lĂ€uft, wenn wir sie einschalten, dass wir jederzeit Licht und WĂ€rme haben, dass Straßenbahnen und ZĂŒge fahren und dass wir Lebensmittel im Supermarkt einkaufen können – mit Geld, das wir zuvor aus dem Geldautomaten geholt haben. Das alles geht nur mit Strom. Er ist das Lebenselixier unserer Gesellschaft. Ohne Strom bricht alles zusammen. Das fĂ€ngt bei der Versorgung mit Trinkwasser und Lebensmitteln an und hört beim Betrieb von Heizungen, KĂŒhlanlagen, medizinischen GerĂ€ten, Internet, Ampeln, Geldautomaten und Industrieanlagen noch lange nicht auf.

Strom muss im selben Moment hergestellt werden, in dem wir ihn verbrauchen. Steigt die Nachfrage nach Strom an, mĂŒssen die Stromerzeugungsanlagen den zusĂ€tzlichen Bedarf sofort decken. Solar- und Windkraftanlagen können das nicht. Wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht, liefern die Anlagen nichts oder zu wenig. WĂ€hrend der Hitzewelle im Juli 2018 gab es in Deutschland tagelang kaum Wind. Fast alle WindrĂ€der standen still. Windkraft lieferte nur wenige Prozent ihrer installierten Leistung.

Nur das, was erfahrungsgemĂ€ĂŸ zuverlĂ€ssig zur VerfĂŒgung steht, zĂ€hlt zur gesicherten Leistung. Sie stammt aus Anlagen, die unabhĂ€ngig von Tageszeit und Wetter Strom liefern. Das sind Kohle-, Gas- und Kernkraftwerke, aber auch Biogas- und Wasserkraftanlagen. ErfahrungsgemĂ€ĂŸ sind von diesen Kraftwerken immer irgendwelche gerade in Reparatur oder Wartung oder stehen aus anderen GrĂŒnden nicht zur VerfĂŒgung. Daher zieht man von der installierten Leistung des jeweiligen Kraftwerksparks einen gewissen Prozentsatz ab. Da Solarstrom jede Nacht vollstĂ€ndig ausfĂ€llt, trĂ€gt er ĂŒberhaupt nichts zur gesicherten Leistung bei. Bei Windkraft geht man davon aus, dass rund ein Prozent der installierten Leistung immer zur VerfĂŒgung steht – oder jedenfalls fast immer.

Die gesicherte Leistung ist also Ă€ußerst wichtig und muss mindestens so groß sein wie die maximale Stromnachfrage. Nun gehen aber im Rahmen der Energiewende bis Ende 2022 die Kernkraftwerke vom Netz. Außerdem werden Ă€ltere Kohlekraftwerke stillgelegt. Dadurch geht die so wichtige gesicherte Leistung zurĂŒck. Die deutschen Übertragungsnetzbetreiber weisen in ihrem Bericht zur Leistungsbilanz 2016 – 2020 (Seite 28) darauf hin, dass die verbleibende Leistung im Januar 2020 erstmals negativ wird, die gesicherte Leistung also die maximale Stromnachfrage nicht mehr befriedigt. Eine solche Situation kann beispielsweise an einem kalten, windstillen Winterabend mit hohem Strombedarf und wenig Ökostrom eintreten. Bedenklich ist besonders, dass die verbleibende Leistung schon zu einem Zeitpunkt negativ wird, an dem noch sechs große Kernreaktorblöcke mit einer Leistung von insgesamt ĂŒber 8000 Megawatt in Betrieb sein werden. Mit deren Abschaltung Ende 2021 und Ende 2022 wird sich die Situation weiter verschĂ€rfen, vom geplanten Kohleausstieg ganz zu schweigen.

Hat Deutschland nicht genug Strom, sollen die NachbarlĂ€nder aushelfen. Die verkaufen natĂŒrlich gern Strom an ihren bedĂŒrftigen Nachbarn, allerdings nur dann, wenn sie selbst welchen ĂŒbrig haben. Genau das wird aber zunehmend fraglich. Wie eine im August 2018 erschienene Analyse des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) zeigt, wollen viele europĂ€ische LĂ€nder im kommenden Jahrzehnt aber ĂŒber die HĂ€lfte ihrer Kohlekraftwerke stilllegen und stattdessen Wind und Solar ausbauen. Auch Kernenergie dĂŒrfte nach dieser Analyse in Europa eher zurĂŒckgehen als wachsen.

Damit macht sich nicht nur Deutschland vom Wetter abhĂ€ngig, sondern viele europĂ€ische LĂ€nder ebenfalls. Wettergebiete sind aber meist sehr weitrĂ€umig. Das heißt, wenn in Deutschland Windstrom fehlt, dann fehlt er in den NachbarlĂ€ndern ebenfalls. Und alle wollen dann die StromlĂŒcken durch Importe fĂŒllen? Das kann nicht funktionieren!

_Wie groß ist die Gefahr eines vollstĂ€ndigen bundesweiten Blackouts?_

Ein vollstĂ€ndiger Blackout in ganz Deutschland, das wĂ€re ein unkontrollierter Netzzusammenbruch. Diese Gefahr halte ich fĂŒr gering. Denn Deutschland wĂ€re nicht Deutschland, wenn Strommangel-Szenarien nicht geregelt wĂ€ren. Das Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) sieht in § 13 eine Reihe von Maßnahmen vor, die einen unkontrollierten Zusammenbruch verhindern sollen und stattdessen auf ein geordnetes Abschalten von Stromverbrauchern setzen.

Reichen Stromproduktion und Stromimporte nicht aus, um die Stromnachfrage (»Last«) zu decken, kann man die Balance nur wiederherstellen, indem man die Last verringert. Das Mittel der Wahl ist also: Strombezieher vom Netz trennen und stromlos schalten. Der Fachbegriff dafĂŒr lautet »Lastabwurf«.

Bei einem Engpass werden zunĂ€chst solche Stromkunden vom Netz getrennt, die genau dies vertraglich vereinbart haben. Zum Ausgleich fĂŒr die Bereitschaft zum Lastabwurf erhalten sie den Strom gĂŒnstiger.
Reichen diese LastabwĂŒrfe nicht aus, dann »sind die Betreiber der Übertragungsnetze 
 berechtigt und verpflichtet, sĂ€mtliche Stromeinspeisungen, Stromtransite und Stromabnahmen in ihren Regelzonen den Erfordernissen eines sicheren und zuverlĂ€ssigen Betriebs des Übertragungsnetzes anzupassen oder diese Anpassung zu verlangen«, wie es der Gesetzgeber etwas spröde in § 13 (2) EnWG formuliert. Auf Deutsch: Der Netzbetreiber darf und muss untergeordnete Netze, Nachbarnetze oder Endkunden soweit nötig abtrennen. Hauptsache, das Netz selbst bleibt bestehen! Denn nur mit einem funktionierenden Restnetz kann man die Versorgung relativ einfach wiederherstellen, sobald wieder genug Strom zur VerfĂŒgung steht.

Über solche drastischen Maßnahmen soll der Netzbetreiber vorab informieren. Offenbar weiß aber auch der Gesetzgeber, dass LastabwĂŒrfe derart kurzfristig nötig sein können, dass keine Zeit mehr zum Informieren bleibt und der Lastabwurf ohne Vorwarnung erfolgen muss. Daher verlangt § 13 (2) EnWG diese Information nur »soweit möglich«.

Wie umfangreich LastabwĂŒrfe sein mĂŒssen, hĂ€ngt davon ab, wie groß die Differenz zwischen Last und Leistung ab. Fehlt nur wenig Leistung, reicht womöglich der vertraglich vereinbarte Lastabwurf einiger industrieller Großverbraucher. Andernfalls wird wohl auch die eine oder andere Großstadt abgeworfen werden mĂŒssen. HĂ€lt der Strommangel lĂ€nger an, sorgen rollierende Blackouts dafĂŒr, dass alle mal drankommen und wenigstens stundenweise Stromzuteilungen erhalten. Man kennt das aus LĂ€ndern der Dritten Welt.

_Laut der im Januar vorgelegten BDI-Studie „Klimapfade fĂŒr Deutschland“ wĂ€ren zur Erreichung der deutschen Klimaziele Mehrinvestitionen in Höhe von 1,5 bis 2,3 Billionen Euro bis 2050 erforderlich, also im Durchschnitt etwa 45 bis 70 Mrd. Euro pro Jahr, oder 1,2 bis 1,8 Prozent des deutschen BIP. Bedeutet es, dass die wirtschaftlichen Folgen der Energiewende in einem ökonomischen Desaster sowohl fĂŒr Unternehmen als auch fĂŒr den Staat enden werden?_

Solche Investitionen schlagen sich natĂŒrlich im Strompreis nieder, machen den Strom also noch teurer, als er jetzt schon ist.

Ein weiterer Kostentreiber ist der schon angesprochene europaweite Trend weg von verlÀsslichen KraftwerkskapazitÀten hin zu Solar- und Windkraftwerken. Er lÀsst die Versorgungssicherheit schwinden, verknappt das Angebot und steigert somit den Strompreis.

Nun will Deutschland auch noch einen beschleunigten Kohleausstieg durchfĂŒhren. Bis Ende 2018 soll die von der Bundesregierung eingesetzte Kohlekommission dazu einen Plan ausarbeiten. Auch ohne eine Beschleunigung des Kohleausstiegs muss Deutschland mit einem deutlichen Anstieg der Strompreise rechnen. Denn wenn die billigen Stromlieferanten wegfallen – also Kohle und Kernkraft – und Sonne und Wind nicht genug liefern, mĂŒssen Gaskraftwerke einspringen. Als fossiler EnergietrĂ€ger emittiert Gas viel CO2, sichert aber immerhin die Stromversorgung – jedenfalls soweit die KraftwerkskapazitĂ€ten reichen. Vor allem aber treibt der Einsatz von Gas den Strompreis in die Höhe, denn Erdgas ist ein teurer Brennstoff. Hinzu kommt eine steigende AbhĂ€ngigkeit vom Gaslieferanten Russland.

Laut Handelsblatt dĂŒrfte nach einer vom Stromversorger RWE in Auftrag gegebenen Studie der Großhandelspreis fĂŒr eine Megawattstunde ohne beschleunigten Kohleausstieg um 16 Euro ansteigen. Bei einem beschleunigten Kohleausstieg bis 2040 sei es ein Anstieg von 25 Euro pro Megawattstunde. Zum Vergleich: Im Großhandel kostet eine Megawattstunde bei Lieferung im nĂ€chsten Jahr laut Handelsblatt derzeit knapp 47 Euro.

Das sind Mehrbelastungen, die Verbraucher und Industrie nicht leicht wegstecken. Vor allem fĂŒr Geringverdiener und energieintensive Unternehmen werden sie betrĂ€chtlich sein. Das wird soziale Schieflagen verschĂ€rfen und den Standort Deutschland schwĂ€chen. Weitere Unternehmen werden Produktionsstandorte ins Ausland verlagern. Allerdings werden die Auswirkungen fĂŒr die einzelnen Branchen unterschiedlich ausfallen. Solange Strom »nur« teuer ist, aber mehr oder weniger zuverlĂ€ssig zur VerfĂŒgung steht, dĂŒrfte dies volkswirtschaftlich zwar signifikant sein, aber nicht unbedingt desaströs.

Gewinner werden diejenigen LĂ€nder sein, die energieintensiven Industrieunternehmen Standorte mit reichlicher und gĂŒnstiger Stromversorgung anbieten. Das kann außerhalb Europas sein oder auch in osteuropĂ€ischen Staaten, wo Kernenergie durchweg Vertrauen und Beliebtheit in der Bevölkerung genießt. OsteuropĂ€ische Staaten können auch durch den Verkauf von Atomstrom profitieren. Tschechien steht mit dem Bau neuer Kernreaktoren ja bereits in den Startlöchern, und Polen hat ebenfalls nukleare Ambitionen.

_Es bleibt heute immer weniger Kernenergiewissenschaftler in Deutschland. Andererseits sind sie in spezifischen Bereichen mehr denn je gefragt, wie zum Beispiel Stilllegung oder Abfallmanagement, das geht weit ĂŒber 2022 hinaus. (Die Stilllegung von Kernkraftwerken erfolgt unter Beteiligung sowohl deutscher Energiekonzerne als auch auslĂ€ndischer Unternehmen (z.B. der MarktfĂŒhrer des weltweiten Backend-Markts Rosatom, vertreten durch seine Tochtergesellschaft Nukem Technologies GmbH) – Anm. des Autors). Wie kann man die Regierung von der Notwendigkeit ĂŒberzeugen, Nuklearwissenschaft zu fördern?_

Die Frage ist eher: Woher kommt das Fachpersonal fĂŒr diese Aufgaben? Es gibt in Deutschland viel zu wenige Absolventen fĂŒr Kernenergietechnik. Kein Wunder! Selbst wenn es auf Jahrzehnte hinaus in der deutschen Kernenergie noch genug zu tun gibt und die beruflichen Perspektiven gut sind: Wer möchte denn als junger Mensch in einen Beruf einsteigen, in dem er nichts schaffen kann, auf das er mit Stolz blicken kann, sondern stattdessen gut funktionierende Anlagen stilllegen und verschrotten muss? Ist das eine erfĂŒllende Lebensperspektive?

_Es gibt dennoch einige Entwicklungen in Sachen neuer Reaktoren – auch in Deutschland. Wie schĂ€tzen Sie diese Entwicklungen auch im internationalen Vergleich ein?_

Weltweit arbeiten eine ganze Reihe von Unternehmen – darunter viele Startups – an neuartigen Reaktorkonzepten. Dazu zĂ€hlt auch das Institut fĂŒr Festkörperkernphysik in Berlin, das an seinem Dual-Fluid-Reaktor arbeitet.

FĂŒr Deutschland sind diese Entwicklungen momentan aber ohne Bedeutung. Der Atomausstieg erfolgte ja nicht aufgrund nĂŒchterner AbwĂ€gungen von Vor- und Nachteilen. Er ist vielmehr das Ergebnis einer jahrzehntelangen Desinformationskampagne. Die meisten Deutschen glauben inzwischen allen Ernstes, Kernenergie sei riskant und teuer und hinterlasse jede Menge gefĂ€hrlicher AbfĂ€lle. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Kernenergie bleibt trotz Tschernobyl und Fukushima die sicherste aller Stromerzeugungsarten. Sie liefert zuverlĂ€ssig, wetterunabhĂ€ngig und emissionsfrei preisgĂŒnstigen Strom in praktisch beliebigen Mengen. Die AbfĂ€lle sind gering und gut verwahrt.

Und was viele nicht wissen: Ausgerechnet die hochradioaktiven AbfĂ€lle lassen sich recyceln. Das ist in den neuartigen Kernreaktoren möglich. Sie könnten Deutschland allein mit dem vorhandenen AtommĂŒll jahrhundertelang mit Strom versorgen. Zugleich wĂŒrde das Endlager-Problem gelöst. Denn fĂŒr die Reststoffe, die dann noch ĂŒbrigbleiben, reicht eine Lagerdauer von einigen hundert Jahren. Das ist zwar immer noch lang, aber wesentliche einfacher und billiger als ein Endlager, das eine Million Jahre sicher sein soll.

_Im April sprach der ehemalige Bundesinnenminister Otto Schily von den nuklearen Technologien, die trotz der Energiewende noch immer gut dienen könnten, und nannte den Dual Fluid Reaktor, ein in Deutschland entwickeltes Projekt, als Beispiel. WÀre es nach Ihrer Ansicht möglich, moderne Nukleartechnik (z.B. den Dual Fluid Reaktor) in die Energiewende einzubeziehen?_

SelbstverstÀndlich! Viele moderne Reaktortypen sind lastfolgefÀhig und können sich einer wechselnden Stromnachfrage flexibel anpassen. Ist die Einspeisung aus Sonne und Wind hoch, senkt der Kernreaktor seine Leistung ab, um sie zu einem spÀteren Zeitpunkt wieder zu erhöhen.

Der Betreiber ist allerdings daran interessiert, möglichst immer mit voller Leistung zu fahren. Denn gedrosselte Leistung bedeutet gedrosselte StromverkĂ€ufe. Dabei bleiben die Betriebskosten praktisch unverĂ€ndert, denn der eingesparte Kernbrennstoff fĂ€llt kostenmĂ€ĂŸig nicht wirklich ins Gewicht.

Was die meisten Kernkraftgegner nicht wissen oder nicht wissen wollen: Auch die noch laufenden deutschen Kernkraftwerke können sich in weitem Rahmen der wechselnden Stromnachfrage anpassen. Und das tun sie auch. Damit gleichen sie einen Teil der schwankenden Einspeisungen von Wind- und Solarstrom aus und stĂŒtzen so die Energiewende – noch.

Übrigens liefert Kernenergie nicht nur Strom. In den Sektoren WĂ€rme und Verkehr dominieren heute nach wie vor fossile Brennstoffe. Hier kann Kernenergie wesentliche BeitrĂ€ge zur Dekarbonisierung leisten. Nukleare FernwĂ€rme beispielsweise findet aktuell in Finnland und China neues Interesse. Kraftstoffe fĂŒr Autos, Schiffe und Flugzeuge kann man CO2-neutral synthetisch herstellen und die dazu nötige ProzesswĂ€rme aus einem Hochtemperaturreaktor auskoppeln. Der in Deutschland in Entwicklung befindliche Dual-Fluid-Reaktor eignet sich hierzu besonders gut, da er mit einer sehr hohen Betriebstemperatur von ĂŒber 1.000 °C arbeitet und dadurch den Einstieg in die Wasserstoffchemie ermöglicht.

Um die Chancen fortschrittlicher Reaktoren zu nutzen, braucht Deutschland aber eine neue Generation von Politikern. Wir brauchen Leute, die Fortschritt und Technik aufgeschlossen gegenĂŒberstehen und Kernenergie nicht mehr durch die ideologische Brille betrachten. In GesprĂ€chen mit Jugendlichen begegnet mir diese Offenheit. Heute hingegen wĂ€re es noch ein Karrierekiller, wenn ein Politiker in einer der etablierten Parteien öffentlich fĂŒr Kernenergie plĂ€dierte. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel ist in dieser Frage völlig beratungsresistent.

Hohe Strompreise und möglicherweise auch grĂ¶ĂŸere StromausfĂ€lle werden der Kernenergie in Deutschland wieder den Weg ebnen. Sie werden Politikern der zweiten Reihe, die sich heute höchstens im persönlichen GesprĂ€ch fĂŒr Kernenergie aussprechen, gute Argumente liefern. Doch selbst dann, wenn es zu einem raschen Bewusstseinswandel kommen sollte, wird bis zur Inbetriebnahme des ersten neuen Kernkraftwerks noch viel Zeit vergehen. Denn das verlorengegangene Know-how muss Deutschland erst wieder mĂŒhsam neu aufbauen.

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