Nirgendwo sieht man so viele Menschen, die öffentlich in Trainingsanzügen rumschlurfen wie in Berlin. Thilo Sarrazin

Die Unmöglichkeit zu sparen

Schuldenpolitik: In Zeiten der Finanzkrise und enormer Staatsverschuldung ruft England europaweit zum Sparen auf – im herkömmlichen Sinn. Denn modernes Sparen bedeutet in der Politik heute etwas anderes als in Schwaben oder Schottland.

David Cameron hat die Europäische Union mit einem merkwürdigen Ansinnen verschreckt. Er möchte, dass sie spart. Am liebsten im traditionellen Sinn, dass also weniger ausgegeben wird als bisher. Wenigstens soll der EU-Haushalt eingefroren werden. Typisch insulares Querulantentum, da ist man sich in Brüssel fast einig. Und erweist sich wieder mal als schlechtes Vorbild für den Rest Europas, das ja zu Sparsamkeit aufgerufen ist. Es ist eben schwierig, das Wort vom Sparen, das jeder im Munde führt, in Taten umzusetzen.

Politisch sparen heißt nur weniger Schulden

Sicher verfolgt der Brite auch innenpolitische Ziele, wenn er in Europa als knausriger Schotte auftritt. Die EU zu ärgern, ist britischer Nationalsport. Trotzdem lohnt es sich, Camerons Sparaufforderung einfach mal ernst zu nehmen. Sie erinnert uns mahnend daran, wie sehr sich in der Politik der Begriff des Sparens verdreht hat. Wenn die schwäbische Hausfrau oder der Schotte vom Sparen sprechen, meinen sie: weniger Geld ausgeben, als man einnimmt, also etwas auf die hohe Kante legen oder die alten Schulden abbauen. Auf keinen Fall verstehen Hausfrau und Schotte unter Sparen, dass man einfach ein bisschen weniger Schulden macht als bisher. Aber genau das ist inzwischen der gängige politische Sparbegriff.

Selbst der Musterknabe Deutschland, der sich mit seiner Schuldenbremse brüstet und diese in andere, ausgabefreudigere Länder exportiert, begnügt sich damit, einfach ein bisschen weniger Schulden zu machen.

Natürlich gibt es gute Gründe, die Schuldenbremse nicht ganz durchzutreten. Vollbremsungen führen zu Unfällen. Das gilt für die Wirtschaft ebenso wie für den Straßenverkehr. Und außerdem: Wer auf Pump kauft, kurbelt die Wirtschaft an. Das gilt für Privatleute wie für Staaten. Wo wären wir, wenn wir unsere Wohnungen, unsere Autos und unsere Fernsehgeräte erst kaufen würden, wenn wir das Geld dafür zusammengespart haben? Schuldenmachen hat also durchaus sein Gutes.

Aber wer zahlt den Preis? Wenn einer an der Theke die Rechnung für sein Bier an den Nachbarn weiterreichen will, kann der wenigstens mitentscheiden. Er kann sagen: Gut, ausnahmsweise. Oder: Morgen gibst du mir eins aus. Oder: Zahl dein Bier doch selbst. Unsere Finanzminister aber reichen die Rechnung an Leute weiter, die sich nicht wehren können: an unsere Kinder und an die, die noch gar nicht geboren sind.

Würden die Kleinkinder oder gar die Ungeborenen in Griechenland, Italien, Spanien und Portugal auf die Straße gehen, weil Angela Merkel und ein paar andere den Südrand Europas zu mehr Sparsamkeit zwingen? Nein, sie wären dankbar. Aber die Erwachsenen protestieren, weil sie um ihren heutigen Wohlstand fürchten. Sie demonstrieren und beschimpfen die deutsche Kanzlerin als Nazi, weil sie sich gezwungen sehen, einen Teil ihrer Schuldenrechnung selbst zahlen zu müssen. Sie protestieren dagegen, dass sie die viele Milliarden Euro betragende Rechnung nicht komplett an ihre Kinder weitergeben können. Ist das Bosheit gegenüber dem eigenen Nachwuchs? Nein, es ist Blindheit. Man will nicht sehen, dass man nur ausgeben kann, was man auch verdient. Oder wenn man Schulden macht, damit die Autohersteller einem schon heute das Auto vor die Tür stellen, dann in einem Rahmen, in dem man sie selbst bewältigen, also abzahlen kann.

Dieser Rahmen ist europaweit, ja in der gesamten westlichen Welt längst gesprengt. Deutschland hat es auf inzwischen 2 Billionen Euro Staatsschulden gebracht. Das sind 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Griechenland, Italien, Spanien und Portugal haben die 100-Prozent-Marke schon lang durchstoßen. Auch die USA bewegen sich auf Tuchfühlung mit der 100-Prozent-Marke.

Dabei hat das Land unter Bill Clinton noch Überschüsse produziert. Eine heute fast unglaubliche Vorstellung, die zeigt, dass es auch anders geht – sogar in einer Demokratie, deren Wahlbürger sparsame Politiker gewöhnlich mit Amtsverlust bestrafen. Gerhard Schröder, der Hartz-IV-Kanzler, kann ein Lied davon singen. Sind Demokraten also nicht sparfähig? In der Schweiz entscheiden die Bürger selbst über ihre Steuern. Und die Schweiz hat einen ausgesprochen soliden Haushalt. Aber vielleicht sind die Schweizer ja besonders vernunftbegabt.

Spare in der Zeit, dann hast du in der Not, sagt die schwäbische Hausfrau, hat es aber nicht gern, wenn Politiker sich an diesen Grundsatz halten. Und wenn erst das Kind in den Brunnen gefallen ist, wenn sich die Schulden wie unüberwindbare Berge auftürmen, ist Rettung schwierig.

Die Braven werden bestraft

Man kann kaum hoffen, die Riesenschulden einmal durch einen wundersamen Tüchtigkeitsschub zurückholen zu können. Die Welt ändert sich nicht zugunsten des Westens. Die gewaltige Hypothek wird mit voller Wucht an die nächste Generation weitergegeben. Babys mit unzumutbaren Schuldenlasten erblicken täglich das Licht der Welt. Die klassische Alternative heißt Inflation. Sie ist eine Horrorkur. Sie entlastet die Verschuldeten und bestraft die Braven, die gespart haben. Zurzeit ist von der ungerechten, aber wirksamen Inflationstherapie allerdings wenig zu spüren. Sollte uns diese Form der Ungerechtigkeit erspart bleiben, greift die Generationen-Ungerechtigkeit mit aller Schärfe. Wie wird uns der Nachwuchs unsere Misswirtschaft spüren lassen? Im Zweifel durch zeitlich versetzten, aber massiven Liebesentzug. Das kann bitter werden. Eine alte angelsächsische Weisheit sagt: Sei nett zu deinen Kindern. Sie suchen dir dein Altersheim raus.

Dieser Text ist Teil der Dezember-Ausgabe des Wirtschaftskuriers.

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