2011 war ein schlechtes Jahr für böse Jungs. Srdja Popovic

Der nächste Goldrausch

Sicherheit: Das Geld befindet sich in einer Krise – viele sehnen sich daher nach dem Goldstandard. Staaten kaufen derzeit so viele der glänzenden Barren wie schon lange nicht mehr.

Gold und Geld: In der guten alten Zeit waren die zwei ein eng verbundenes, ja aneinandergefesseltes Paar – bis man sich trennte und jeder seiner Wege ging. Aber irgendwie kommt man nicht voneinander los. Plötzlich spricht man wieder über den Goldstandard, der beide verband, und über die schönen Jahre, die diese Verbindung vielen Millionen Menschen gebracht haben. Kann das gute Gold unser kränkelndes Geld vielleicht wieder aus der Krise befreien?

Vor allem in Amerika wird über eine Rückkehr zum Goldstandard debattiert. Geführt wird die Diskussion von den Politik-Nostalgikern der Tea Party. Aber sie finden durchaus Gehör in der republikanischen Partei, für die der Goldstandard ein Ausdruck republikanischer Tugenden ist. Er würde bedeuten: Schluss mit der Schuldenmacherei und eine neue Geldstabilität.

Gelddruck im Akkord

Ganz anders Amerikas Demokraten. Sie wollen den Dollar frei vom Goldstandard halten. Barack Obama ist überzeugt, dass er in der Krise Schulden machen muss, um seinen Laden wieder in Schwung zu bringen. Die Notenbank hilft mit und druckt unter dem Stichwort „Quantitative Easing“ Geld im Akkord. Wäre der US-Dollar ans Gold gefesselt, so hieße dies: sparen statt pumpen. Ein Rezept, meinen die Demokraten, das einer Notbremsung gleichkäme, die das Land wirtschaftlich in den Abgrund schleudern würde.

Wer hat recht? Vielleicht ist alles eine Frage des Timings. Der alte Goldstandard hatte dem Geld zweifellos eine solide Basis gegeben und der Geldpolitik einen Kompass. Die verrückten und gefährlichen Blasen, die durch die Kultur des frei schwebenden Geldes und heiteren Schuldenmachens entstanden sind, hat er verhindert. Aber was taugt der strenge Standard, wenn die Blase längst da ist und alles wehtut?

Sparen und/oder kurbeln – diese Debatte findet auch in Europa statt, aber praktisch ohne den Blick auf eine Rückkehr zum Goldstandard. Gold statt Geld lautet hier eher die Devise. Je mehr man um den Euro bangt, desto begeisterter greift man zum Gold, desto heftiger ist die Sehnsucht nach einem Wert, den man anfassen und festhalten kann.

Millionen Privatleute hat dieser Goldrausch inzwischen gepackt. Und allmählich erfasst auch den Staat eine milde Form des Goldfiebers. Er kauft so viele Goldbarren wie schon lange nicht mehr. Und nach einem Fingerzeig des Rechnungshofes strömen deutsche Währungshüter in die Welt hinaus, um nachzuschauen, wie es ihren Goldreserven denn so geht. Nach Jahrzehnten gönnt man sich erstmals einen beruhigenden Blick auf die glänzenden Barren.

Es handelt sich um eine gewichtige, 3.400 Tonnen schwere Einlage. Deutschland ist nach Amerika – und in der EU dicht gefolgt von Frankreich – das Land mit den meisten Goldreserven. Die Geografie der deutschen Goldreserven spiegelt die Angst vor den Russen während des Kalten Krieges wider. Zwei Drittel hat man ins befreundete Ausland geschafft, und zwar in Portionsgrößen, die sich offenbar an der Entfernung zu der russischen Armee orientierte. Die kleinste Ladung ging nach Paris, wo man die russischen Panzer nach dem Überrollen Deutschlands am ehesten ankommen sah. Etwas mehr ging ins schwerer einnehmbare Insel-Königreich. Der dickste Brocken, die Hälfte des deutschen Staatsgoldschatzes, wurde transatlantisch in Amerika gebunkert. Die Devise lautete offenbar: Gold retten, auch wenn Europa untergeht.

Nach Nixon die Krise?

Finanzpolitisch war es eine Welt des wiedererstandenen, aber bedrohten Goldstandards. Diese Absicherung, das Pfund fest an einen Goldwert zu binden, hatte der Weltmacht Großbritannien über das ganze 19. Jahrhundert hinweg zu einer blühenden Wirtschaft verholfen. Die übrige Welt schloss sich diesem System an. Nur in Kriegszeiten wurde man schwach. Nach dem Zweiten Weltkrieg gingen Geld und Gold unter Führung der USA wieder ihre Ehe ein, drifteten aber nach und nach auseinander. Im Sommer 1971 warf Richard Nixon das Handtuch. Mancher sagt, dass damals die Krisenserie begann, die uns bis heute quält. Hatte der begrenzte Wertstoff Gold dem Gelddrucken und -pumpen natürliche Grenzen gesetzt, so wurde, vom Golde befreit, jahrzehntelang das Schuldenmachen der Standard der Finanzpolitik.

Reiz des Goldes

Anders als das Geld übt das Gold seinen unwiderstehlichen Reiz auch als Single aus. Allein dass es in ausreichender Zahl herumliegt, beruhigt die Nerven. Mit Abstand das meiste liegt privat in den Schmuckkästchen der Welt, nur ein Bruchteil wird in der Industrie verwendet oder stapelt sich als Staatsvermögen in Form von Barren. Der Schönheitsfehler der deutschen Staatsbarren war bisher, dass sie in alle Winde verstreut waren. Wie viel reizvoller wären sie doch zum Greifen nahe daheim in der eigenen Bank. Charles de Gaulle hatte sein Gold schon bald nach dem Krieg aus Amerika zurückgeholt. Die Heimholung des deutschen Goldes findet jetzt in kleinen Portionen statt. Man will den langjährigen Gastfamilien nicht alles auf einmal wegnehmen. Es könnte missverstanden werden.

Technisch wäre ein Abtransport in größeren Stapeln überhaupt kein Problem. Gold ist ein extrem kompakter Stoff. Es nimmt nicht viel Platz weg. Alles Gold, das die Menschheit in ihrer Geschichte produziert hat, ließe sich in einem Container unterbringen, der 20 Meter lang, 20 Meter breit und 20 Meter hoch ist. Mehr nicht. Ein Portiönchen Glanzmetall, das seit Jahrtausenden die Welt in Atem hält.

Dieser Text ist Teil der November-Ausgabe des Wirtschaftskuriers.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Schulden, Krise, Us-dollar

Kolumne

Medium_34504e8e15
von Reinhard Schlieker
15.04.2018

Kolumne

Medium_fb37e95e9c
von Sebastian Sigler
19.03.2017

Debatte

Anlagestrategie

Medium_71f778f0e0

Der Euro wird eine Schwachwährung

Schon bei Beginn der Euro-Rettung habe ich die These vertreten, entweder werde der Euro dauerhaft nicht bestehen oder er werde zu einer Schwachwährung. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht. Die Zi... weiterlesen

Medium_3b0c51c55f
von Rainer Zitelmann
17.12.2016
meistgelesen / meistkommentiert