Bekämpft uns, dann wachsen wir

Priyamvada Gopal14.11.2011Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Die Occupy-Bewegung hat den politischen Diskurs verändert. Ihr primäres Ziel ist jetzt, die Debatte am Leben zu halten. Apathie ist keine Option mehr, Alternativlosigkeit hat als politische Maxime ausgedient.

“Bekämpft uns, dann wachsen wir” steht auf einem Transparent am Rande des Occupy-Zeltlagers in London. Die Atomsphäre ist energiegeladen aber bewusst friedlich. Ein Gefühl von Empörung liegt in der Luft: Man kann sie in den Trommelschlägen hören, die vom anderen Ende des Camps herüberklingen, oder in den anklagenden Worten eines Redners, der die harten Strafen gegen jugendliche Demonstranten verurteilt. Und auch in der Ecke vor dem Küchenzelt ist die Empörung zu spüren, wo kleine Gruppen leise diskutierend über ihrem Essen sitzen.

Unterstützung kommt sogar von der Kirche

Viele haben versucht, die Occupy-Bewegung zu diskreditieren. Es fehle an einer Agenda, heißt es in den Medien. Die lokalen Behörden und St. Paul’s Cathedral planten einige Tage lang, das Camp von der Polizei räumen zu lassen. Und der Labour-Vorsitzende Ed Miliband hat das rhetorische Kunststück vollbracht, die Forderungen der Demonstranten zu unterstützen und gleichzeitig die Demonstranten zu kritisieren. Trotzdem hat die Bewegung inzwischen viel Interesse generiert und Sympathie erfahren. Sogar die reservierten Altvorderen der anglikanischen Kirche haben sich prinzipiell hinter den Protest gestellt. Der Erzbischof von York, John Sentamu (der wohl kaum als radikal gelten kann), hat sogar explizit verkündet, dass Gier auf eine moralische Ebene mit Rassismus und Homophobie zu stellen sei. Zum Ärger konservativer und gemäßigter Kommentatoren haben die Demonstranten es nicht nur geschafft, eine mediale Präsenz zu entwickeln, sondern scheinen auch nicht am schnellen Aufgeben interessiert zu sein. Die permanenten Forderungen nach einer konkreten Agenda (die von Rechten und Linken aus sehr unterschiedlichen Gründen vorgetragen werden) lenken davon ab, dass der Protest selbst ein transformatives Unterfangen ist. Ein breites Spektrum an Menschen und Meinungen hat sich unter dem Banner der Occupy-Bewegung versammelt und dabei zumindest eine klare Aussage gemacht: Das jetzige Finanzsystem und die daraus resultierenden Ungleichheiten haben keine Zukunft. Innerhalb der Bewegung gehen die Meinungen oftmals auseinander. Manchmal herrscht eine produktive Verwirrung darüber, was der Protest bedeuten soll und wie Veränderung herbeigeführt werden kann. Aber in einer Welt, in der wir Wut allzu schnell als illegitim abkanzeln, ist bereits der anhaltende Protest ein Erfolg. Eines der Ziele der Occupy-Bewegung ist es, die angestoßene Debatte am Leben zu halten.

Apathie ist keine Option mehr

Wut kann zu Einsicht führen. Wut kann Motor des Fortschritts sein. Soviel sollte offensichtlich sein, wenn man sich die Slogans und Poster der Bewegung ansieht. „So sieht Demokratie aus“, heißt es. Und: „Wir sind die 99 Prozent“. Es ist kein Widerspruch, interne Meinungsunterschiede zu tolerieren und trotzdem nach außen als gemeinsame Plattform aufzutreten, die auf eine Reform sinn- und funktionsleerer pseudo-demokratischer Strukturen abzielt. Manche Demonstranten wollen den Kapitalismus auf den rechten Weg zurückbringen, andere sehen Kapitalismus als permanente Krisenideologie und wollen ihn abschaffen. „Das System ist nicht kaputt – es war noch nie funktionsfähig“, rufen letztere. Und fast alle fordern, wieder als Teil demokratischer Prozesse ernst genommen zu werden und nicht nur passive Empfänger von politischen Entscheidungen bleiben. „Wessen Straßen? Unsere Straßen!“, rufen sie. In New York haben diese Slogans wiederum zu notwendigen Debatten über latente Diskriminierung von Schwarzen oder indigenen Gruppen geführt. Was bleibt als Fazit? Wir können feststellen, dass die Verstimmung der Menschen sich seit Jahresanfang in sehr verschiedenen Kontexten manifestiert hat: Als eindrucksvoller Mut der Demonstranten im arabischen Raum, als Wut über die oktroyierten Sparprogramme in Athen, oder als Entschlossenheit der Protestler, die trotz Schneefall weiter in New York auf der Straße campen. Und wenn konservative Stimmen die kritische Frage stellen, welche Alternativen denn möglich seien, erhalten sie oftmals eine kurze und prägnante Antwort: „Ja!“ Die Occupy-Bewegung mag nicht als Leitfaden für konkrete Veränderung dienen, aber sie zeigt die Möglichkeit von Alternativen auf. Es ist keine Option mehr, stumm und apathisch zu bleiben.

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