Hochmut kommt vor dem Fall

Der Presseschauer30.10.2011Medien

Der Umgang der Politik mit der Privatsphäre ihrer Bürger ist eine Milchmädchenrechnung: Sie erhöhen damit selbst ihre Fallhöhe. Ein offener Brief.

Liebe Politiker, kann mir mal einer von Euch erklären, warum wegen dieser “veritablen Rechtsstaatsverachtung im Zusammenhang mit dem Staatstrojaner”:http://theeuropean.de/presseschauer/8479-verdeckte-ermittlungen-im-netz noch niemand zurückgetreten ist? Meint Ihr, die Ihr dafür verantwortlich seid, wirklich, Ihr könntet das einfach aussitzen? Es mag sein, dass diese Strategie in früheren Jahrzehnten erfolgreich war, solange man sich mit den Medien gut stellte – also mit jenen, die das gesellschaftliche Gedächtnis formen und bewahren. Nur dies kann mittlerweile jeder, der über ein Minimum an Medienkompetenz verfügt.

Presserecht mit Wunschzettel

Der Gründungsherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Paul Sethe, meinte: „Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten.“ “Nun behauptet Oskar Lafontaine zwar, das wäre heute nicht anders”:http://www.welt.de/politik/article1007047/Mit_Hugo_Chavez_fuer_die_Freiheit.html, doch da möchte ich ihm einfach widersprechen. Obwohl er mit der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Abhängigkeit der deutschen Presse natürlich recht hat. Doch in Zeiten, in denen man mehr von einer “Publikative”:http://www.presseschauer.de/?p=1424, an der sich jeder beteiligen kann, sprechen möchte, verschwören sich jene, die darin einen Machtverlust verspüren. Nein, eigentlich kann man gar nicht von Verschwörung sprechen, da die gegenseitigen Anbiederungen so plump wie öffentlich sind. Meint Angela Merkel wirklich, sie könne so “nonchalant um positive Berichterstattung buhlen”:http://www.bundesregierung.de/nn_1498/Content/DE/Rede/2011/09/2011-09-19-bkin-zeitung.html, wenn sie den Verlegern sagt: „Sie haben das Thema des Pressefusionsrechts angesprochen. Wir wären unglaublich dankbar, wenn Sie uns hierfür einen Vorschlag vorlegen, dem wir uns dann rasch widmen würden.“? Es soll hierbei nicht der Eindruck entstehen, diese Nähe von Politik und Medien wäre auf privatwirtschaftlich organisierte Medien begrenzt. Jeder, der die einstündige “PR-Veranstaltung mit Angela Merkel und Günther Jauch”:http://www.nachdenkseiten.de/?p=10827 gesehen hat, konnte bemerken, wie der Moderator im Wesentlichen als Stichwortgeber fungiert hatte. An Günther Jauch sieht man übrigens, dass die Qualität von Journalismus nichts mit der Bezahlung zu tun hat. Mit der Aussage „Journalist ist, wer journalistisch arbeitet. Nicht, wer mit Journalismus Geld verdient“ “unterstreicht Wolfgang Blau”:https://twitter.com/#!/praetorius/status/129857135805865984, der Chefredakteur der „Zeit“, den Wandel von Massenmedien hin zu Medienmassen. Man könnte einwenden, es wäre zwar für jeden möglich, sich als Journalist zu betätigen, aber nicht jeder bekomme einen Presseausweis. Als ob dieses formale Kriterium einen Rückschluss auf die Qualität der Arbeit zuließe. Doch was bedeutet das für die Politik? Es soll immer noch Politiker geben, die in Angst vor der B*LD leben, weil sie eine Mechanik verinnerlicht haben, die heute anzuzweifeln ist: „Wer mit B*LD im Fahrstuhl der Karriere nach oben fährt, der fährt auch mit B*LD wieder herunter.“ Nur hatte die B*LD bis zum Schluss versucht, Karl-Theodor zu Guttenberg in Amt und Würden zu halten, aber “das Netz hatte ihn schon längst überführt und abgeschrieben”:http://theeuropean.de/presseschauer/6684-wissenschaftlicher-diskurs.

Ihr wollt wiedergewählt werden?

Medien leben von einer gewissen Erpressbarkeit der Politiker. Sie haben die Kapazitäten, die Leichen aus den Kellern der Politiker auszugraben. Je mehr Politiker versuchen, etwaige Makel zu verheimlichen, desto mehr spielen sie den Medien in die Hände, weil sie damit die eigene Fallhöhe vergrößern. Vielleicht sollte man als Politiker etwas mehr über “„Prima leben ohne Privatsphäre“”:http://www.plomlompom.de/PostPrivacyBuch/plomwiki.php?title=Start nachdenken und Leichen aus dem Keller selbst aufbahren. Ihr wollt wiedergewählt werden? Na dann könnt Ihr Euch jetzt schon mal darauf einstellen, dass künftig mehr auf Manndeckung gespielt wird und auch der letzte Hinterbänkler mehr im Fokus der Öffentlichkeit stehen wird. Mit freundlichen Grüßen, Der Presseschauer

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

„Coronabonds führen zu einer Verschuldungslawine, die nichts als Hass und Streit übrig lassen wird“

Der Top-Ökonom und ehemalige Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn über platzende Geldpolitik-Blasen und mögliche Schuldenschnitte, warum der Euro nicht zu jedem Preis überleben muss und es anstatt Coronabonds aufzulegen sinnvoller wäre Italiens Krankenhäusern Geldgeschenke zu machen.

5 Dinge, die ich seit der Coronakrise mache

Es ist der 1. April, ein Grund genug, mal etwas anderes über die Welt in Zeiten des Coronavirus zu schreiben. Was ich jetzt mache und vor allem wie mir das gelingt, lesen sie in dieser ironisch-bissigen Satire.

Corona als Hoffnungsträger im Kampf gegen den Kapitalismus

Weltweit hoffen Antikapitalisten, die Corona-Krise könne endlich das lang ersehnte Ende des Kapitalismus einläuten. Ob in den USA, Großbritannien, Frankreich oder Deutschland: Die Argumentation der antikapitalistischen Intellektuellen ist überall gleich. Sie hatten eigentlich schon gehofft, dass

Wer soll das bezahlen?

Der Bundestag hat ein Corona-Hilfspaket von insgesamt 756 Milliarden Euro beschlossen. Um Himmels willen, wer soll das bezahlen? Wieder einmal bestätigt sich der berühmte Satz Bertold Brechts: „Das Gedächtnis der Menschheit für erduldete Leiden ist erstaunlich kurz.“

Umweltpolitik degenerierte zum „Ökomoralismus

Der langjährige „Welt“-Journalist Ansgar Graw, inzwischen Herausgeber von "The European", stellt in seinem aktuellen Buch die These auf, dass wir zurzeit eine „grüne Hegemonie“ erleben. Dies mag unter anderem an der „medialen Dauerpräsenz grüner Kernanliegen“ liegen. Für die Zeit vo

Sushi-Bar, Ölheizungen und Kernkraftwerke

Die Grünen fordern in der Corona-Krise eine „Pandemiewirtschaft“, Abschalten der Kernkraftwerke, Austauschen von Ölheizungen, Eurobonds und die Aufnahme von „vulnerablen“ Flüchtlingen von den griechischen Inseln.

Mobile Sliding Menu