Das Gerede von der Würde des Bundespräsidenten ist das Misstrauensvotum der Parteien gegen sich selbst. Jost Kaiser

Bitte lass mich bei dir einkaufen

Wer die Zukunft des Einzelhandels sehen will, muss nur bei den Simpsons reinschauen: Jeff Albertson macht vor, wie kleine Läden trotz Großmärkten und Automatisierung der Arbeitswelt bestehen können: mit dem gewissen Etwas.

Vor einiger Zeit hatte ich hier von der Auswirkung der Automatisierung auf den Einzelhandel – genauer Supermärkte – geschrieben. Dabei erschien mir der rund um die Uhr begehbare Vollautomat mit sich selbst füllenden Regalen und automatischer Abrechnung der Ware per RFID nicht unrealistisch. Doch beschreibe ich damit nur einen Teil der Entwicklung, die dem Anspruch auf Individualität des Einzelnen nicht gerecht wird.

Zuerst möchte ich kurz ausführen, warum ich einen Teil meiner Behauptung des letzten Textes jetzt schon relativieren muss. Grund ist ein Urteil des Verwaltungsgerichtshofs Baden-Württemberg zur Sonn- und Feiertagsruhe. Dabei stellte das Gericht fest, dass beim Betrieb einer Automatenvideothek durch die Kundschaft eine „werktägliche Betriebsamkeit“ entstehe, auch wenn niemand dort „arbeitet“. Daher müssen nach Ansicht des Gerichts diese Videotheken geschlossen bleiben.

Feine Feinkost

Meinem Gedankenspiel wurde durch ein Gericht ein Strich durch die Rechnung gemacht. Als Nächstes werden wohl die Gewerkschaften eine 35-Stunden-Woche für Roboter fordern. Dennoch werde ich mich nicht abhalten lassen, für mich plausible Szenarien zu skizzieren, auch wenn sie nicht eintreten sollten.

Wie manchem bekannt sein dürfte, habe ich eine ganze Weile in Murnau am Staffelsee gelebt. Einem idyllischen Ort – weder Stadt noch Dorf, sondern Markt – am Fuße der Alpen. In der Fußgängerzone gibt es das Feinkostgeschäft Pöltl, das von ein paar älteren Damen jenseits des Renteneintrittsalters betrieben wird. Die Auswahl der Waren ist klein, aber fein. Ein Freund erzählte mir dazu eine Geschichte, die ich hier eben wiedergeben möchte.

Die Damen waren in den Plausch mit der Kundschaft vertieft, als plötzlich ein Münchner zu mosern anfing. Ob man denn nicht schneller bedienen könne, schließlich habe er nicht den ganzen Tag Zeit. Den Damen war der Plausch mit den anderen Kunden aber wichtiger, da man über die Neuigkeiten am Ort ratschte und so ignorierten sie den Münchner einfach. Dieser verließ irgendwann entnervt den Laden.
Wahrscheinlich wäre er auch besser in einer Shopping-Mall aufgehoben gewesen. Diese haben zwar teilweise die Ambition, den Einkauf zu einem Erlebnis zu stilisieren, doch wirken ihre Austauschbarkeit und ihre Beliebigkeit dem entgegen. Dies macht Shopping-Malls an sich zu Unorten, die sich von Ort zu Ort praktisch nicht unterscheiden und immer die gleichen Geschäfte beherbergen. Es fehlt an Individualität und Authentizität.

Lernen von den Simpsons

Jeff Albertson, der Comic Book Guy von den Simpsons, hat eben – wie die Damen vom Pöltl diese Individualität und Authentizität. Obwohl Jeff Albertson, im Gegensatz zu den Damen vom Pöltl, recht unfreundlich zu seinen Kunden ist und sie mitunter für nicht würdig erachtet, bei ihm zu kaufen, so halte ich ihn für den Prototypen eines künftig erfolgreichen Einzelhändlers. Sein Geschäft ist seine Passion und die Exklusivität seiner Ware ist bekannt. Er ist jemand, der sein Sortiment bis ins letzte Detail kennt und entsprechend seine Kunden beraten kann, wenn er möchte. Damit unterscheidet er sich etwa von einem Verkäufer eines Elektrogroßmarkts, der nach einer kurzen Produktschulung möglicherweise immer noch weniger weiß als der Kunde.

Exklusivität und Qualität von Produkten kann sich ein Einzelhändler zunutze machen, um das Bedürfnis nach Individualität der Kunden zu befriedigen. Für diese identitätsstiftende Komponente sind die Kunden, meiner Meinung nach, auch bereit, etwas tiefer in die Tasche zu greifen. Im Extremfall legen die Kunden Hunderte von Kilometern zurück, um genau dort einzukaufen, nehmen ungewöhnliche Öffnungszeiten in Kauf und hoffen, überhaupt bedient zu werden.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Der Presseschauer: Auf in den Kampf

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