Entgrenzter Krieg | The European

„Ich muss noch die Mission durchspielen“

Der Presseschauer21.08.2011Medien

Die Automatisierung von Kriegsgerät ist ein gefährlicher Prozess. Das Militär erhofft sich Einsparungen in Milliardenhöhe, doch es entstehen ernste moralische Bedenken. Die Grenze zwischen Realität und Spiel droht dann zu verschwimmen.

ec3e483c37.jpg

Audrey and Max

Automatisierung und Entgrenzung sind zwei Phänomene, die nicht nur die “Arbeitswelt(Link)”:http://www.theeuropean.de/presseschauer/6315-automatisierung-der-arbeitswelt sondern auch den “Krieg(Link)”:http://www.zeit.de/2010/27/Roboterkrieg/komplettansicht verändern. Häufig mag eine bestimmte Technologie zuerst im militärischen Umfeld zum Einsatz kommen, bevor sie für den Hausgebrauch denkbar wird. Sei es der “alieneske Laderoboter(Link)”:http://www.youtube.com/watch?v=-UpxsrlLbpU oder die Drohne unter dem Weihnachtsbaum. Doch was, wenn Krieg-Spielen und Krieg-Führen für den Beteiligten nicht mehr zu unterscheiden ist? Der Tag beginnt morgens mit einem Kaffee im Kreis der Familie. Anschließend geht es mit dem Auto in den täglichen Stau des Berufsverkehrs. Und gegen 17 Uhr ist die Rückkehr nach Hause anberaumt, wo die Familie schon auf Freizeitaktivitäten wartet. Tagsüber fliegen sie Missionen in Afghanistan oder Pakistan. Sie steuern dabei Drohnen, klären auf und unterstützen damit die Bodentruppen, die sonst Kampfjets angefordert hätten.

Drohnen drohen

Für das Militär sind Drohnen aus Kostengründen interessant, da sie nur einen Bruchteil dessen kosten, was für gewöhnliche Kampfjets veranschlagt wird. Je nach Größe und Ausstattung liegt der Preis für Militärdrohnen zwischen wenigen Hunderttausend Euro und einem niedrigen zweistelligen Millionenbetrag. Im Vergleich dazu liegt der Preis für einen „nackten“ Eurofighter etwa bei “57 Millionen Euro(Link)”:http://derstandard.at/1282978495502/Bundesheer-Laut-Pilz-schwindelt-Darabos-bei-Eurofightern. Der Weihnachtsmann wird sich über das Schnäppchen von 299 Euro für die zivile “Parrot AR.Drone(Link)”:http://www.youtube.com/watch?v=DMFzbxntOfI genauso gefreut haben. Nur das “Hacken von Drohnen(Link)”:http://boingboing.net/2009/12/17/hacking-the-predator.html ist noch günstiger. Ärgerlich sind Abstürze. Nicht unbedingt wegen der Kosten, sondern weil, wie in Pakistan möglicherweise geschehen, damit Geheimwissen der Amerikaner Ländern wie China zufallen kann. Auch sonst sind “Drohneneinsätze(Link)”:http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,774975,00.html#ref=rss nicht unumstritten. Stellen sie etwa die Souveränität Pakistans infrage. Ebenso ist unklar, ob die bei den Geheimoperationen durchgeführten gezielten Tötungen tatsächlich die Richtigen treffen. Oder ob deutsche Staatsbürger “einfach so liquidiert(Link)”:http://www.zeit.de/2011/04/Drohnen-Militaer-Pakistan/komplettansicht werden dürfen? Im Interview mit dem „Spiegel“ entgegnete “US-Major Bryan Callahan(Link)”:http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,681018,00.html, der Drohneneinsätze für das US-Militär fliegt, auf die Kritik, seine Tätigkeit würde einem Videospiel ähneln: „Das mag für Außenstehende so aussehen. Aber das ist bei Weitem kein Videospiel. Es können Menschen sterben. Egal, ob der Angriff mit einer F-16 oder einer Predator-Drohne erfolgt.“ “America’s Army(Link)”:http://en.wikipedia.org/wiki/America’s_Army ist ein Computerspiel, das im Auftrag des US-Militärs produziert wurde und zu Propaganda- und Rekrutierungszwecken genutzt wird. “Es erinnert vom Spielprinzip an Counterstrike(Link)”:http://www.heise.de/newsticker/meldung/Bundeszocker-haben-etwas-Spass-am-Geraet-1196448.html. Der Spieler schlüpft in die “Ich-Perspektive eines Soldaten im Kampfeinsatz(Link)”:http://www.youtube.com/watch?v=I5PnPcm5pqk und muss seine taktischen Fähigkeiten, Reaktionsgeschwindigkeit und Teamfähigkeit unter Beweis stellen. Besonders erfolgreiche Spieler des kostenlos spielbaren Taktik-Shooters versucht die Armee dann anzuwerben.

„Nur noch kurz, Mama“

Stellt man sich nun ein Computerspiel vor, bei dem der Spieler Drohnen in Kampfeinsätzen steuern muss. So könnte man besonders erfolgreiche Spieler tatsächliche Einsätze fliegen lassen. Sie müssten noch nicht einmal davon wissen, dass die Grenze zwischen Spiel und Realität, wenn auch nur für einen Moment, aufgehoben wurde. Während sie wohl möglich im elterlichen Zuhause – gar im Kinderzimmer – sitzen. „Du kommst jetzt sofort zum Essen …“ „Nein, ich kann nicht. Ich muss noch die Mission durchspielen.“

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Deutschland verspielt außenpolitisches Vertrauen

Der anhaltende Krieg in der Ukraine verändert die gesamte Sicherheitsarchitektur Europas. Der russische Angriffskrieg zwingt die NATO und die EU dazu, die Bewahrung von Frieden und Freiheit in dem Teil Europas, in dem wir das große Glück haben zu leben, wieder zur vorrangigen politischen Priorit

Das Maggie Thatcher-Double dürfte Boris Johnson beerben

Im Machtkampf um Johnsons Nachfolge hat Liz Truss beste Siegchancen. Die Parteibasis der Torys liebt sie, weil sie allerlei Erinnerungen an Margaret Thatcher weckt. Doch diese Rolle spielt sie recht dreist. Von Wolfram Weimer

Theater des Schreckens

Die Geschichte der Todesstrafe und ihrer Vollstreckung zeigt: Menschen drängten zu allen Zeiten danach, Augenzeuge einer Hinrichtung zu sein, möglichst nah dabei zu sein, um das blutige Ritual zu verfolgen. Entsetzen und Schaudern, Entzücken und Empörung, Emotion und Aktion – die Symbolik de

Deutschland braucht eine neue Standortagenda

Deutschland steht am Rande einer Rezession. Die Kaufkraft der Konsumenten leidet unter dem Inflationsschub, der durch die Verteuerung von Energie und Nahrungsmitteln angestoßen wurde und inzwischen viele andere Gütergruppen erfasst hat. Solange der Ukraine Krieg und die Sanktionen gegenüber Russl

Wir wären vollkommen verrückt, wenn wir die Kernkraftwerke vom Netz nehmen

Es gibt keinen Grund zur Panik. Aber es gibt angesichts möglicher Energieversorgungsengpässe im Herbst dringenden Handlungsbedarf – im Sommer trotz der Parlamentsferien. Von Friedrich Merz

Merkel vor Kohl: So werden die Kanzler seit der Wiedervereinigung bewertet

Von 1998 bis 2005 war Gerhard Schröder Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Er führte eine rot-grüne Koalition. Wenn man heute fragt, welcher Bundeskanzler seit der Wiedervereinigung die Interessen Deutschlands am besten vertritt oder dies getan hat, belegt Alt-Kanzlerin Angela Merkel (38 Proz

Mobile Sliding Menu