„Er hat Jehova gesagt“

von Der Presseschauer3.04.2011Medien

Wie viel Wahrheit verträgt eine Gesellschaft und wie viel Mut braucht derjenige, der sie ausspricht? Wer vortritt und Unliebsames ausspricht, riskiert noch immer viel zu viel. Ein Plädoyer für mehr Toleranz gegenüber Minderheitenmeinungen.

„Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht“ ist ein Werbeslogan einer Publikation mit vier großen Buchstaben. Zwar ist nicht überliefert, ob die Blattmacher an ihrer Heiligsprechung arbeiten und man mag den Spruch in diesem Zusammenhang auch für anmaßend halten, aber dadurch wird die Bedeutung des Satzes nicht geschmälert. “Sascha Lobo(Link) l hat in dieser Woche in seiner Kolumne ausgeführt, dass es gerade im Netz Tendenzen dazu gibt, eine Dagegen-Haltung einzunehmen und es ein geschickter Schachzug der Union war, die Grünen als Dagegen-Partei zu stilisieren. Nun ja, das mag ablenken von dem, wogegen man selbst ist(Link) . Natürlich ziemt es sich, zwischen Wahrheit und Meinung zu differenzieren. Letzteres kann leicht auf einem diffusen Behauptungskonstrukt aufsetzen und wie ein Kartenhaus zusammenfallen, wenn das vermeintlich Wahre infrage gestellt wird. Die eigene Meinung zu ändern, weil man dazugelernt hat, es besser weiß, ist nicht immer einfach. Da kann das Weltbild schon mal ins Wanken geraten. Eben noch eine Petition gezeichnet und plötzlich behauptet jemand, das wäre überflüssig(Link) . Es ging doch um die gute Sache!

Stichwort soziale Erwünschtheit

Da spielen Argumente meist nur die zweite Geige, weil der Mensch ein emotional geprägtes Wesen ist und diese mit selektiver Wahrnehmung(Link) l ausgeblendet werden können. Dem Gefühl nach neigt man dazu, das Verhalten an andere, vielleicht gar eine schweigende Mehrheit(Link) , anzupassen. Hier mag soziale Erwünschtheit ein Stichwort sein. Wobei ein gewisser Konformismus und Groupthink damit womöglich gefördert werden. Professor Dr. Bernd Silbermann(Link) n sagte einmal, die aufgeklärte Monarchie wäre gemäß der Spieltheorie die effektivste Staatsform. Diese würde lediglich voraussetzen – und im Festlegen von Voraussetzungen sind Mathematiker groß – der Souverän würde durch seine loyalen Minister bestmöglich informiert. Da der Monarch in dieser Modellsituation das Wohl des Volkes im Auge hat, kann er so Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen treffen. Nun sind aber Menschen, abweichend vom Modell, nicht bedingungslos loyal und in der Lage, bestmöglich zu informieren. Andererseits muss man nicht in spieltheoretische Monarchien abschweifen, um die Tendenz, den Boten einer schlechten Nachricht(Link) e umbringen zu wollen, zu erkennen. Man könnte daher zwischen einem selbstverschuldeten und einem fremdverschuldeten Informationsdefizit unterscheiden. Abgesehen von menschlichen Unzulänglichkeiten in der Informationsverarbeitung, ist zu hinterfragen, wem gegenüber die Informationszuträger der politischen Entscheider loyal sind?

Hinterher will es niemand gewesen sein

Dass Günstlinge und Intriganten die Urteilskraft des gemeinen Bürgers trüben, dürfte aufgrund des fehlenden Machtpotenzials eher die Ausnahme sein. Aber allein die Idee, in einer Demokratie dem Souverän Informationen vorenthalten und Arcana Imperii(Link) k anwenden zu wollen, ist ein Ausdruck von Machtgier und eines fatalen Besserwissertums. Witzigerweise will es, wenn etwas schiefgeht, keiner gewesen sein. Nur gut, dass es als „geheim“ eingestuft wurde. Um auf die Heiligsprechung zurückzukommen, so ist es die Aufgabe der _Advocati Diaboli,_ die Gegenposition – die im Zweifel DAFÜR bedeutet, wenn die sonst vorherrschende Position DAGEGEN ist – zu vertreten, um die Argumente und die angewandten rhetorischen Mittel zu hinterfragen. Wie Sascha Lobo am eigenen Leib(Link) 4 erfahren durfte, führt eine konträre Minderheitenmeinung schon mal zu geballter irrationaler Empörung. Es gehört eine ordentliche Portion Mut dazu, sich einem keifenden Mob, der sich seinen Weg schwarmartig durchs Netz bahnt, entgegenzustellen. Jemand, der nicht so vor Selbstbewusstsein strotzt, dem könnte die Anonymität eines Kummerkastens – wobei hier jegliche Form von öffentlichkeitswirksamem Proxy als solcher verstanden werden soll – helfen, die Wahrheit auszusprechen. Um in diesem Zusammenhang die Meinungspluralität zu fördern, gibt es für die Presse den Quellenschutz(Link) , doch ein Whistleblowerschutz(Link) / fehlt nach wie vor.

Toleranz für Minderheitenmeinungen

Und hier muss sich nicht nur rechtlich, sondern auch in der gesellschaftlichen Wahrnehmung etwas ändern. Es ist schon bezeichnend, dass in einer wortreichen Sprache wie dem Deutschen kein adäquates Wort zur Übersetzung von „Whistlerblower“ existiert und man sich beim Englischen bedienen muss. Das Wort „Denunziant“ kommt dem vielleicht noch am nächsten, aber es hat eine deutlich negative Konnotation. Mir wäre eine Gesellschaft lieber, in der es keinen Mutigen braucht, um eine Meinung zu äußern oder eine Wahrheit auszusprechen – eine Gesellschaft, die tolerant genug für Minderheitenmeinungen ist und stark genug, um auch bittere Wahrheiten akzeptieren zu können.

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