Hänseleien und Getuschel

von Der Presseschauer27.03.2011Medien

In der Republik wird hinter vorgehaltener Hand getuschelt: Ob Boulevardmedien oder iSharegossip – wir lieben Klatsch und Tratsch. Gerade heute ist es deshalb wichtig, die menschlichen Abgründe zu kennen und zu erforschen.

Man sagt ihr oder ihm etwas nach, was nicht der Wahrheit entspricht, was man aus zweiter Hand weiß und was diskreditierend oder abfällig sein kann. So weit – so gewöhnlich. Ist ein Gerücht erst mal im Umlauf, so ist es schwer für den Betroffenen, dagegen anzugehen. Die Glaubwürdigkeit des Opfers wird infrage gestellt und steht der Glaubwürdigkeit derer gegenüber, die das Gerücht verbreiten. Sicher fördert auch Halbwissen das Entstehen von Gerüchten. Neid und Missgunst sind weitere Triebfedern. Ebenso begünstigen der scheinbare Bruch von Tabus und die Fallhöhe des Opfers die Verbreitung, weil dadurch Interesse geweckt wird. Wenn etwas offensichtlich ist und vor allem der Norm entspricht, dann eignet es sich noch nicht einmal für Hänseleien. Hier mag für das Opfer zwar leicht identifizierbar sein, von wem es gehänselt wird, doch hilft es ihm wenig, wenn sein Aussehen oder seine Eigenschaften nicht den Wertvorstellungen der Meinungsmacher entsprechen.

Getuschel hinter vorgehaltener Hand

Um das Konzept “Selbsterhöhung durch Erniedrigung anderer(Link)”:http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,744503,00.html#ref=rss anwenden zu können, ist ein gewisser gesellschaftlicher Status unabdingbar. Aber wer ganz oben in der Hierarchie steht, hat es nicht nötig. Und wer ganz unten steht, kann es einfach nicht nutzen. Mit dem Aufkommen der Boulevardmedien wurden Hänseleien und Getuschel gewissermaßen institutionalisiert – allerdings beschränkt auf Personen des öffentlichen Interesses. Erhöhten Vorinternetmedien vor allem die Beschleunigung und den Grad der Verbreitung dieser gesellschaftlichen Phänomene, so haften sie im Netz leichter an und sind insgesamt persistenter. Was zuvor nur Prominenten vorbehalten war, etwa dass eine Hänselei, ein Gerücht überregionale Verbreitung findet, kann jetzt jedem widerfahren. Ashton Kutscher gehört dabei zu den Prominenten, die die Flucht nach vorn angetreten haben und über ein bewusstes Entblößen der Privatsphäre dem Boulevard das Narrativ entziehen. „Ich wollte mir meine Worte nicht mehr verdrehen lassen, und es war mir bewusst, dass ich mich dafür entblößen muss. Gleichzeitig war ich aber sicher, dass ich die Art der Entblößung auf diese Weise kontrollieren könnte. Klatschblätter leben davon, aus dem Leben anderer Menschen eine Soap Opera zu machen. Ich dachte also: Was wäre, wenn ich die “Storyline für diese Seifenoper(Link)”:http://leanderwattig.de/index.php/2010/07/31/wer-sich-entblost-schutzt-seine-privatsphare-mitunter-am-besten/ selber bestimmen könnte?“, so Ashton Kutscher.

Privatsphäre und Öffentlichkeit

In Deutschland treibt die datenschutzkritische “Spackeria(Link)”:https://spackeria.wordpress.com/, die Vereinigung der post-privacy Spackessen und Spackos, gerade die Diskussion um Privatsphäre und Öffentlichkeit voran. Im Bezug auf den Datenschutz ist das Kind längst in den Brunnen gefallen, so die These, und deswegen ist jetzt ein gesellschaftlicher Diskurs notwendig. Wenn das, was man aktuell als Peinlichkeit betrachtet, nur noch ein Schulterzucken verursacht, dann taugt es nicht zum Hänseln und nicht zum Tuscheln. Es geht um die Frage, ob eine Enttabuisierung der Gesellschaft zu einer offeneren und toleranteren Gesellschaft führt? Eine andere Diskussion dreht sich derzeit um die “Internetplattform IShareGossip(Link)”:http://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article12929898/Mobbing-ist-das-Erfolgskonzept-von-isharegossip.html, die von Schülern genutzt wird, um kompromittierende Informationen über Lehrer und Mitschüler zu verbreiten. Dabei wird in den Medien gerade die Anonymität, die diese Plattform gewährt, als Problem benannt. Wenn man sich die anonymisierende Wirkung des gesprochenen „man sagt, …“ vergegenwärtigt, ist offensichtlich, dass die Anonymität bei der Verbreitung von Gerüchten nicht erst mit dem Internet kam. Gleichwohl muss man die gesellschaftliche Bedeutung von Anonymität hinterfragen und dabei auf den Kummerkasten als “gesellschaftliche Errungenschaft(Link)”:http://www.presseschauer.de/?p=631 verweisen. Unter dem Aspekt der Medienerziehung ist der Kummerkasten, im Hinblick auf die Vermeidung des Missbrauchs von Anonymität und bei der Bewertung von Information aus anonymer Quelle, ein interessanter Lerngegenstand.

Menschliche Abgründe

Man wird im Kummerkasten alle erdenklichen Scheußlichkeiten finden, die der menschliche Geist hervorbringen kann. Um die Menschen in ihrer Gesamtheit zu verstehen, ist es wichtig, die menschlichen Abgründe zu kennen und darauf als Gesellschaft zu reagieren. Da in unserer Gesellschaft die Überbringer schlechter Nachrichten Repression zu fürchten haben, kann Anonymität als Schutz dienen und Meinungspluralität fördern. Kristina Schröder muss sich die Frage gefallen lassen, ob die Tabuisierung der Webseite IShareGossip nur ein “hilfloser Aktionismus(Link)”:http://www.golem.de/1103/82369.html ist, der lediglich versucht, ein Symptom zu kaschieren? Solange die Verbreitung von Gerüchten und Hänseleien gesellschaftlich akzeptiert ist und für Boulevardmedien ein Geschäft darstellt, ist eine Verurteilung von IShareGossip unglaubwürdig.

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