"Und bist du nicht willig, so brauch ich Geduld" *

von Der Presseschauer26.02.2011Medien

Die Jagd der Netzgemeinde auf Fehler in der Guttenberg-Dissertation sollte der Internet-Enquete eine Lehre sein. Auch wenn die Einführung der Beteiligungssoftware Adhocracy aus fadenscheinigen Gründen verworfen wurde, heißt das nicht, dass die Bürger sich davon abschrecken lassen.

Enttäuschung machte sich breit, als kürzlich die IuK-Kommission die Verwendung von Adhocracy, das zur Unterstützung der Bürgerbeteiligung an der Enquete-Kommission gedacht war, aus Kostengründen ablehnte. Eine eilig einberufene Sondersitzung sollte retten, was zu retten war, nachdem die Netzöffentlichkeit diesen Schritt nicht goutierte. Doch die Veranstaltung mutierte zur Farce, da durch politische Taschenspielertricks die Sachverständigen vor den “Augen der Öffentlichkeit(Link)”:http://www.heise.de/tp/r4/artikel/34/34243/1.html aufs Glatteis geführt wurden. Im Anschluss erklärte der Vorsitzende der Kommission, “Axel E. Fischer(Link)”:http://blog.internetenquete.de/?p=332 (CDU), er habe dem Antrag zur Verwendung von Adhocracy diesmal aus „Rechtsgründen“ nicht zustimmen können. Das ist insofern bezeichnend, da am vorherigen Sonntag der “Chaos Computer Club(Link)”:http://www.ccc.de/de/updates/2011/adhocracy-enquete digitale Entwicklungshilfe angekündigt und sich bereit erklärt hatte, die von der Verwaltung veranschlagten 80.000 Euro zur Einführung von Adhocracy zu tragen. Damit wurde das zuvor ins Feld geführte Kostenargument praktisch aus der Hand geschlagen.

Der offizielle Charakter der Plattform geht verloren

„Vor allem aber ist es eine Unverfrorenheit, jetzt Rechtsgründe anzuführen und infrage zu stellen, dass das Sekretariat als Teil der Bundestagsverwaltung dieses von der Kommission zum dritten Mal beschlossene Beteiligungssystem ,unterstützen‘ darf. Lieber Herr Kollege Fischer, diese Prüfung hat es doch – und das wissen Sie sehr genau, denn ein Teil der Prüfaufträge wurden vom Sekretariat der Enquete-Kommission erledigt – bereits Ende letzen Jahres gegeben“, so “Lars Klingbeil(Link)”:http://blog.internetenquete.de/?p=344, SPD. Nachdem der jetzt gefasste Beschluss “das Entstehen einer Beteiligungsplattform außerhalb des Bundestags(Link)”:http://enquetebeteiligung.de/ vorsieht, konnte der Vorsitzende – “oh Wunder(Link)”:http://blog.internetenquete.de/?p=355 – die „Rechtsgründe“ ausräumen. Damit geht der offizielle Charakter einer solchen Plattform verloren. Gleichwohl wird es fraglich, inwiefern dort gemachte Vorschläge der interessierten, beteiligungsbereiten aber zweifellos noch kleinen Öffentlichkeit in die Empfehlungen der Kommission einfließen werden. Die Aussicht auf ein Verschwinden von Ideen in der Bedeutungslosigkeit ist jedenfalls kein Anreiz für konstruktives Mitwirken. Auch wenn vielleicht einige Parlamentarier jetzt aufatmen, so suchen sich Bürger ganz nach ihren Interessen und Fähigkeiten Möglichkeiten, auf die Politik einzuwirken – mit Erfolg. Wäre es vor Jahren noch undenkbar gewesen, eine mehrere hundert Seiten umfassende Doktorarbeit eines Abgeordneten zu sichten, so kann diese umfangreiche Aufgabe in handliche Teilaufgaben zerlegt werden. Ganz nach dem reduktionistischen Lösungsansatz: divide et impera. Dafür stellt das Netz eine Vielzahl von technischen Hilfsmitteln bereit, die in Abhängigkeit vom Bedarf die “Entwicklung neuer Werkzeuge(Link)”:http://daten.dieweltistgarnichtso.net/src/guttenviz/ fördern.

Das Netz-Inferno

Was als Idee einer Bierlaune entstammen mag, kann im Netz auf äußerst fruchtbaren Boden fallen. So sich Leute mit Gefallen an der Idee finden und Talente zur Umsetzung mitbringen, wird, gerade bei schnell ersichtlichem Erfolg, eine Kettenreaktion ausgelöst, die zu einem kreativen Inferno führen kann. Im Zusammenhang mit besagter Doktorarbeit war der hohe Anteil an Fundstellen (schneller persönlicher Erfolg), deren visuelle Aufbereitung (Dokumentation des Fortschritts) und das mediale Interesse sowohl am Thema als auch am Projekt (berichteter gemeinsamer Erfolg) genug Anreiz, daran mitzuwirken. Was es wohl gekostet hätte, diese innerhalb einer Woche erbrachte Leistung in der Qualität bei bezahlten Gutachtern in Auftrag zugeben? Unbestritten mag jeder seine eigene Motivation gehabt haben, an der Idee zu partizipieren – sei es den politischen Gegner in die Pfanne zu hauen oder wissenschaftliche Standards zu wahren. Am Ende bleibt das Ergebnis. Die normative Kraft des Faktischen hat das “GuttenPlag Wiki(Link)”:http://de.plagipedi.wikia.com/wiki/PlagiPedi_Wiki zu dem gemacht, was es jetzt ist, was als die Keimzelle eines „Instituts zur Prüfung parlamentarischer Doktorwürden“ bezeichnet werden kann. Die selbst gesteckten Ziele, Doktorarbeiten jeder gesellschaftlich herausragenden Persönlichkeit prüfen zu wollen, liegen ungleich höher, sie sind aber nicht unrealistischer. „Momentan ist das große Jagdfieber ausgebrochen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis gegen andere promovierte Politiker Plagiatsvorwürfe erhoben werden. „Es dürfe nicht sein, dass jetzt alle Politiker mit Doktortitel unter einen Generalverdacht gestellt werden“, so “Jörg van Essen(Link)”:http://www.noz.de/artikel/51502475/die-angst-vor-dem-generalverdacht, FDP. Nun wird sich das schwerlich verhindern lassen, da Doktorarbeiten in etwa so öffentlich sind wie Hausfassaden. Und weil es so erfolgversprechend ist, wird die Bürgerbeteiligung auch in dieser Form stattfinden. Dies wird sich nur durch die Abschaltung des Internets verhindern lassen. Doch haben es die politischen Entscheidungsträger derzeit selbst in der Hand, ob sie die _Cognitive Surplus_ zur “konstruktiven Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten Themen(Link)”:http://carta.info/38395/guttenplag-cognitive-surplus-bei-der-arbeit/ anregen oder die Demontage ihrer selbst provozieren wollen. Axel E. Fischer fordert, “das Scheitern der Enquete-Kommission(Link)”:http://www.norbert-hense.de/blog/?p=189 als seinen persönlichen Erfolg zu verbuchen. * *Anmerkung: Da Plagiatsvorwürfe derzeit prominent diskutiert werden, weist unser Kolumnist darauf hin, dass er die hier eingesetzte Überschrift bei “Peter Kruse(Link)”:http://carta.info/30238/digitalisierung-der-gesellschaft-und-bist-du-nicht-willig-so-brauch-ich-geduld/ gefunden hat.*

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