Gleich, aber anders

von Anna Polonyi14.01.2013Gesellschaft & Kultur

In Paris demonstrierten am Wochenende Tausende gegen das Adoptionsrecht gleichgeschlechtlicher Paare. Ihre Angst? Dass diese auch homosexuelle Kinder hervorbringen könnten.

Aus den Boxen tönt „Gangnam Style“, pinke und blaue Fähnchen flattern im Wind. Hunderttausende haben sich am Sonntag in Paris am Eiffelturm versammelt, um die Grundfesten der französischen Familie zu verteidigen. Denn die, so heißt es, sind bedroht. Wovon genau? Von der Minderheit, die sich scheinbar im Stadtviertel “Le Marais”:http://de.wikipedia.org/wiki/Marais festgesetzt hat.

Die Büchse der Pandora

Ende des Monats soll im französischen Parlament ein Gesetzentwurf zur gleichgeschlechtlichen Ehe diskutiert werden. Seitdem der Termin feststeht, findet sich Frankreich inmitten einer hitzigen Debatte wieder. Im Rest der Welt hat Frankreich eigentlich den Ruf, eine progressive Nation zu sein. Die Mobilisierungswelle gegen das Gesetz hat viele internationale Beobachter daher überrascht.

Doch die Ehe war am Sonntag gar nicht das zentrale Thema – nein, viele Demonstranten haben explizit bekräftigt, dass dies keine homophobe Versammlung sei. „Ich bin dafür, dass die Schwulen heiraten können. Dann haben sie auch Erb-Rechte, wenn sie das wollen“, erklärt mit eine junge Frau. Sie hält ein Schild in der Hand, auf das sie ein abgewandeltes Zitat von Karl Marx geschrieben hat: „Unsere Gebärmutter ist kein Einkaufswagen.“ Sie sagt: „Aber schwule und heterosexuelle Paare sind nun einmal nicht gleich. Alleinerziehende Mütter haben seit Jahren dafür gekämpft, dass sie sich künstlich befruchten lassen dürfen. Ich sehe nicht ein, warum das den Schwulen jetzt plötzlich erlaubt sein sollte.“

Sie bezieht sich damit auf einen Abschnitt des Gesetzentwurfes, den Familienministerin Dominique Bertinotti ursprünglich einbringen wollte. Neben Heirats- und Adoptionsrechten sollte auch das Recht auf künstliche Befruchtung Eingang in das Gesetz finden. Die Regierung hat diese Büchse der Pandora jetzt wieder geschlossen, nachdem sich viele Konservative daran erinnert haben, dass sie so viele Rechte für schwule Paare dann doch nicht gut fanden. Vorige Woche wurde die entsprechende Passage wieder gestrichen.

Eine andere Frau fortgeschrittenen Alters hält ein Schild mit der Aufschrift „Gleich, aber anders“. Wer mag, kann darin das Echo der Rassentrennung aus den USA der 50er-Jahre erkennen. „Jedes Kind hat das Recht auf einen Vater und eine Mutter“, sagt sie. Aber laut französischem Recht ist es unter Artikel 343-1 des Zivilgesetzbuches schon seit 1996 egal, ob man Männer, Frauen, Lederpeitschen oder Federboas bevorzugt: Jede alleinstehende Person über 28 kann ein Kind adoptieren. Der aktuelle Gesetzentwurf macht es also lediglich möglich, dass Kinder statt einem alleinstehenden Erziehungsberechtigen zwei schwule Eltern haben. Sind zwei glücklich verheiratete Väter wirklich schlimmer als ein alleinerziehender Vater?

Ja – das zumindest sagt eine Gruppe schwuler Männer, die das neue Gesetz ablehnen (und darüber sogar “ein Video”:http://www.homovox.com/#/t%C3%A9moignages/1 gedreht haben). Ganz genau: Wenn Sie davon ausgegangen sind, dass alle Schwulen das Gesetz unterstützen, dann irren Sie sich nicht nur, sondern sind anscheinend selbst homophob. Das zumindest ist die Meinung von Xavier Bongibault, Sprecher der Organisation „Mariage Pour Tous“, von der die Massendemonstration organisiert worden ist. Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, vergleicht er den französischen Präsidenten sicherheitshalber noch schnell mit Hitler.

Letztendlich haben viele Franzosen die Diskussion um Homosexualität satt. Aber die Kirche, die Oppositionsparteien und sogar die rechten Extremisten haben viel von ihrer Je-ne-sais-quoi-Haltung verloren. Die Opposition hat das Thema jetzt zu einer Debatte über Kinderrechte umgemünzt und ihm damit neues Leben eingehaucht. Vorige Woche ist der Gesetzentwurf sogar zum bildungspolitischen Thema geworden: Katholische Privatschulen haben angekündigt, ihn im Unterricht debattieren zu wollen.

Wenn wir uns endlich durch den Wust aus Engstirnigkeit und moralischer Hysterie gewühlt haben, landen wir bei einer etwas rationaleren Sorge: Wird einem Kind das Recht auf eine gesunde, ausgeglichene Kindheit verweigert, wenn es von zwei gleichgeschlechtlichen Erziehungsberechtigen großgezogen wird? Jedes Kind hat das Recht darauf, im Kontakt zu Männern und Frauen groß zu werden. Aber lässt sich daraus wirklich die Forderung ableiten, dass Adoptionen lediglich solchen Paaren erlaubt sein sollten, die ins genormte pink-blaue Schema passen?

Die Furcht vor dem Aussterben

Die eigentliche Furcht (die allerdings selten offen ausgesprochen wird) ist, dass schwule Eltern schwule Kinder produzieren und heterosexuelle Menschen irgendwann aussterben. Das ist das Argument, dass der Herausgeber der rechtsgerichteten Zeitung „Le Figaro“, Serge Dassault, ins Feld geführt hat: „Wollen wir ein Land voller Schwuler? In zehn Jahren wird niemand mehr übrig sein.“ Laut Dassault sind Schwule auch für den Niedergang des antiken Griechenland verantwortlich: Die Griechen hätten ganz einfach zu viel Zeit damit verbracht, sich mit Jungen zu verlustieren.

Während wir also darauf warten, dass unsere Zivilisation von den Schwulen in den Abgrund getrieben wird, bleibt nur eine Hoffnung: Dass wir uns nicht vorher durch unsere Idiotie selbst zugrunde richten.

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