Dr. Phillips wundersame Wirtschaftsmaschine

Anna Polonyi11.01.2012Politik, Wirtschaft

Während man die Wirtschaft vor 60 Jahren noch mit einer Maschine erläutern konnte, ist sie heute zu komplex für den Normalbürger geworden. Die Politik hat ein Problem, wenn die Bürger ihre Entscheidungen nicht mehr verstehen können.

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1949 schob der Ökonom Bill Phillips eine wackelige, vage an einen Schrank erinnernde Konstruktion in den vollbesetzten Seminarraum der London School of Economics. Auf der Vorderseite des Gerätes befand sich ein dichtes Netzwerk aus Pumpen, Ventilen, Schläuchen und Sammelbecken. Phillips hatte diesen hydraulischen Computer, später als „Moniac“ bekannt, im Keller seiner Vermieterin gebaut, um seinen Studenten damit anschaulich die Hintergründe der keynesianischen Wirtschaftstheorie zu erklären.

Wer versteht das Kleingedruckte?

Seine Idee war, mit Ventilen und Pumpen verdeutlichen zu können, wie eine Steuersenkung oder Inflation die nationale Wirtschaft beeinflusst: Wasser wird durchs „Schatzamt“ gepumpt und verteilt sich über mehrere durchsichtige Behälter, welche wichtige Teile der Wirtschaft verkörpern (wie z.B. Regierungsausgaben, Außenhandel und Banken). In den 50er-Jahren wurden 15 Modelle von Phillips’ Maschine gebaut, doch die meisten davon verrosten inzwischen in Abstellräumen oder Empfangshallen von Universitäten wie Cambridge, Harvard oder der Universität Istanbul. Das Beeindruckendste an der Maschinerie ist jedoch der längst vergangene Optimismus, den sie auszustrahlen scheint. Eine komplette Generation ist inzwischen damit aufgewachsen, beim Einstieg ins Berufsleben von einer immer lauteren, röchelnden Wirtschaftskrise begleitet zu werden: Gesichtslose Investoren sind fortwährend besorgt über ihr Vermögen und erschöpfte Regierungen befürchten die nächste Abstufung durch Rating-Agenturen in anderen Zeitzonen. Investmentbanken rekrutieren die Topstudenten der weltbesten Universitäten, während sich Politiker über gegensätzliche Wirtschaftsvorhersagen streiten. In unserem Alltag war die vielschichtige Welt der Finanzen nie präsenter, und doch entgleitet sie stets unserem Verständnis, unseren Voraussagen und unserer Kontrolle. Mit einem Zwinkern in den Augen erklärte mir der aus Neuseeland stammende Künstler Michael Stevenson, dass der „Moniac“ diese Omnipräsenz verkörpert – wenn schon nicht in Fleisch und Blut, dann zumindest in Stahl und Wasser. Phillips pflegte sogar das Wasser in der Maschine zum Effekt rot zu färben, womit er ihr gleichzeitig Leben und Tod einhauchte. In Neuseeland, wo Stevenson vor einigen Jahren zum ersten Mal von der Maschine hörte, nannte man das Ungetüm mit seinem langsam in die Zentralbank wegtropfenden Wasser sogar „die nationale Wirtschaft”. Für den modernen Betrachter ist sie ein echter Steampunk-Anachronismus: So einfach die Wirtschaft auch gewesen sein mag, so komplex ist sie heute. In Europa wurden im Angesicht der neuen Haushaltsregeln zwar Volksbefragungen gefordert, um den Zweifel zur Legitimität dieser Maßnahmen zu zerstreuen. Eine Frage scheint dabei jedoch unterzugehen: Wie viel versteht der Durchschnittsbürger von der Wirtschaft? Was ist der Sinn darin, den „Bürgern“ eine Frage zu stellen, wenn ihnen die Fähigkeit, diese zu verstehen bzw. zu beantworten, völlig fehlt? Man muss schon eine große Menge von Zeit und Energie aufwenden, um das Kleingedruckte bei den Entscheidungen auf nationaler und internationaler Ebene zu verstehen: Gründe für die Beschlüsse, ihre kurzfristigen Konsequenzen, mögliche langfristige Konsequenzen und all die Lösungen, die nicht einmal erwägt werden.

Kreatur mit eigenem Willen

Von Stevenson ausgebessert, blubbert Phillips’ Maschine leise auf der Ausstellung zeitgenössischer Kunst im Karlsruher Museum für neue Künste. Sie erscheint heute, als wäre sie komplett aus mittlerweile fadem, keynesianischem Optimismus gebaut. Doch für einen Außenstehenden symbolisiert sie damit auch die Komplexität und Unverständlichkeit des Wirtschaftssystems: Ein System, das in der Welt diskutiert und betrachtet wird, als sei es eine feste Größe, eine Kreatur mit eigenem Willen, gierigen Wünschen und zerstörerischem Unterbewusstsein – obwohl es ebenso vom Menschen geschaffen ist, wie der „Moniac“ mit seinen vergilbten Schläuchen und verrosteten, tropfenden Rohren.

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