Rosarote Terrorträume

von Anna Polonyi16.11.2011Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Die Taten der rechtsextremen Mörder aus Zwickau zeugen von einem verstörten Weltbild. Besonders deutlich wird das in ihrer Verwendung von Cartoon-Bildern zur Illustration ihrer Ideologie.

Paulchen Panther wird nie mehr derselbe sein: Aus all den möglichen Cartoon-Helden der 90er-Jahre (man denke an Taz, das ungeduldige Wollknäuel von den Looney Tunes oder selbst den kahlen, grimmigen Popeye) wählte das Neonazi-Trio aus Zwickau ausgerechnet die menschlich anmutende rosa Großkatze als Symbol.

Paulchen untergräbt die eigentliche Nachricht

Das 15-minütige Propagandavideo, welches aus der Ruine ihres Hauses in Zwickau geborgen wurde, vermischt die Originalbilder aus der Zeichentrickserie mit der Berichterstattung über die Verbrechen der Gruppe in den vergangenen zehn Jahren. Standbilder mit den Opfern des Trios sind in einen Cartoonfernseher hineingeschnitten, Polizisten wird bei der Ankunft am Tatort mit einer Zeichentrickwaffe in den Kopf geschossen. Paulchen präsentiert die Taten des „Nazionalsozialistischen Untergrunds“ auf einer Tafel: Die Morde an neun Kleinunternehmern mit türkischem und griechischem Hintergrund, eine Nagelbombe und der Mord an einer Polizistin. Paulchens eigentliche Nationalität wird dabei bequem beiseite gekehrt: Er sieht ein an das „Deutsche Volk“ gerichtetes Poster und sabotiert daraufhin einen türkischen Laden – die Absurdität des rassistischen Fremdenhasses ist dort am deutlichsten, wenn das Propagandavideo ausländische Elemente zeigt, die ausgerechnet das heilige Konzept der deutschen Kulturhoheit untergraben. Das vollständige Video wurde noch nicht veröffentlicht, doch eine gekürzte, kommentierte Version “findet sich bei „Spiegel Online“”:http://spon.de/ve2eP. Nicht ganz ohne Grund scheint der Staat Angst davor zu haben, dass eine Veröffentlichung des Videos noch seinen ursprünglichen Zweck erfüllen könnte: Sein Retro-Mix aus Zeichentrick und Videoaufnahmen muss die Deutschen in verblüffender Weise an das Format der „Sendung mit der Maus“ erinnern. Ein Nachdenken “über das politische Böse”:http://theeuropean.de/alan-wolfe/8733-politisches-boese mag uns nicht besonders weit bringen, doch das Video erlaubt dennoch einen wertvollen Einblick in das Selbstbild der rechten Serienmörder. In ihrer Welt ähnelt die Logik des Extremismus der einer Zeichentrickwelt: Gewalt ohne Konsequenzen, Überzeichnung der Gegner und der große Auftrag, der ihre Taten legitimiert. Der Kontrast zwischen einer kindgerechten Landschaft und der Rhetorik einer Nachrichtensendung zeigt somit die Psychose der Radikalen auf: Der Versuch, die einfachen Regeln einer Cartoon-Welt (in der ein Schlag auf den Kopf mit einem überdimensionalen Hammer einen Lösungsweg darstellt) auf eine komplexe Welt zu übertragen, obgleich deren Vielschichtigkeit und Widersprüche gerade eine solche Vereinfachung erschwert. Der Abspann des Videos zeigt die Worte „Paulchen 2000“, doch das Propagandavideo kann nicht vor dem Jahr 2006 fertiggestellt worden sein, als der letzte der sogenannten „Döner-Morde“ stattfand. Die ungewisse Frage lautet also, wie viele Menschen das Video in der Zwischenzeit gesehen haben – denn sicherlich lag es nicht nur fünf Jahre lang in Uwe Mundlos’ und Beate Zschäpes Wohnung herum.

Szenetypische Schlagworte

Die Taten der Zwickauer Gruppe sollten nicht unterschätzt werden, doch es ist klar, dass die Gruppe weder besonders groß war noch dass sie professionell vorging. Vergleiche, die sie als eine rechte Rote Armee Fraktion in den neuen Bundesländern bezeichnen, sind somit fehlgeleitet. Dennoch ist die Entdeckung dieser Zelle in vielerlei Hinsicht alarmierend: Sie zeigt auf, dass das Potenzial für rechte Gewalt von lokalen und nationalen Sicherheitsbehörden “weit unterschätzt wurde”:http://theeuropean.de/christian-boehme/8853-rechtsextremismus-in-deutschland, ebenso wie die Rolle des Verfassungsschutzes im Finanzieren von Straftaten. Doch am Verstörendsten ist, was Paulchen Panther über die Gruppe verrät: Er spricht nicht in den luftleeren Raum, sondern erklärt, dass „Taten statt Worte“ nötig seien – ein Stichwort, das in der Szene bereits länger gebraucht wird. In manchen Gegenden der neuen Bundesländer, die Ausländer kaum betreten, ist der Rechtsextremismus allgegenwärtig und wird hingenommen. Bevor die Polizei die Taten der Gruppe entdeckte, mögen die Worte des Rosaroten Panthers dort bereits viel Anklang gefunden haben.

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