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Die Pflicht zur Menschlichkeit

Von Zahlen, die Angst machen und Schicksalen, die bewegen: warum wir weiterhin Flüchtlinge aufnehmen müssen und es außer Frage steht, ob und wie viel wir helfen sollen. Ein Plädoyer.

Der Schreck war groß, als Bundesinnenminister de Maizière vor drei Wochen die neue Prognose über die zu erwartenden Asylanträge in Deutschland für dieses Jahr bekannt gab: 800.000 werden es nach diesen Schätzungen sein, statt der noch im Frühjahr angenommenen 300.000. Momentan kommen täglich mehrere Tausend Menschen in Deutschland an. Können wir so viele Leute aufnehmen, und wer soll das alles bezahlen? Das sind die größten Sorgen der Bundesbürger. Und: wäre es nicht besser, einen Aufnahmestopp einzuleiten? Doch während auf der einen Seite rechte Parolen und plakative Angstmache durch das Internet schallen, sind auf der anderen Seite Solidarität und Hilfsbereitschaft so groß wie noch nie. Und das ist auch gut so.

Es geht um das Leben Zigtausender

Die Bundesregierung hat sich für einen pragmatischen und zunehmend unbürokratischen Umgang mit der Situation entschieden – denn wo andere Länder den Flüchtlingen die Aufnahme verwehren, müssen wir helfen. Erstversorgung, Weiterleitung in Notunterkünfte, schnellstmögliche Bearbeitung der Asylanträge, so die deutsche Vorgehensweise. Es bleibt nicht viel Zeit für strategische Planungen und Krisengipfel, wenn es um das Leben zigtausender Menschengeht, die erschöpft von wochenlangen Reisen, verzweifelt über den Verlust ihrer Angehörigen, traumatisiert von dem Erlebten bei uns ankommen. Stattdessen ist schnelles Handeln gefragt und da nützt es nichts, nur mit dem Finger auf andere Länder zu zeigen, die sich hinter ihren Grenzzäunen verbarrikadieren.

Deutschland selbst hat allein im 20. Jahrhundert viele Flüchtlingsbewegungen erlebt. Zwischen 1933 und 1941 emigrierten über eine Viertel Million deutsche Juden größtenteils in die USA; mit Ende des Zweiten Weltkriegs waren zwölf bis 14 Millionen Menschen aus den deutschen Ostgebieten auf der Flucht und aus der DDR flohen mehrere Millionen. Sie alle haben davon profitiert, dass andere Länder ihnen Asyl anboten, haben dankend die Möglichkeit angenommen, sich woanders eine neue Existenz aufzubauen. Umgekehrt haben Staaten wie die USA dadurch Arbeitskraft und intellektuelles Kapital gewonnen. Und auch Deutschland kann neue Bürger gebrauchen: seit Jahren wird die Kinderlosigkeit vieler Deutscher beklagt; laut Erhebungen des Statistischen Bundesamts wird die Bevölkerungszahl Deutschlands schon in 40 Jahren um mindestens zehn Millionen abgenommen haben. Aber, dass unsere Neubürger dann eben aus Syrien und nicht aus einem deutschen Uterus stammen, scheint für viele leider immer noch ein Problem zu sein.

Das ist nicht Naivität, sondern Pragmatismus

Es steht außer Frage, dass die Zuwanderungswellen, die wir in diesen Monaten in Europa erleben, eine nie dagewesene Herausforderung darstellen; noch nie waren weltweit so viele Menschen auf der Flucht wie 2015. Das erfordert neuartige Strategien und unkonventionelle Lösungen – es wird, nicht nur in Deutschland, vieles verändern. Längerfristig werden gesamteuropäische Vereinbarungen getroffen werden und wird man sich auf eine Umverteilung einigen müssen, die den Aufnahmekapazitäten der Mitgliedsstaaten gerecht wird. Und man wird Fluchtursachen eindämmen müssen. Aber bis dahin muss Erste Hilfe geleistet werden. Das ist nicht Naivität, sondern Pragmatismus. Und mal ehrlich: bei einem durchschnittlichen Nettomonatseinkommen von rund 1700 Euro pro Kopf in Deutschland tut es (fast) niemandem weh, ein wenig Geld zu spenden. Oder eine Kiste Zahnpasta. Oder ein paar aussortierte Kleider. Außerdem sei eine Steuererhöhung nicht zu befürchten, so Angela Merkel. Wer mehr Zeit als Geld hat, kann Hilfsgüter sortieren, medizinische und psychologische Hilfe leisten, als Übersetzer oder Ansprechpartner da sein. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt, helfen kann jeder.

Mit der Spiegelreflexkamera durch die Slums von Kapstadt

Wer dafür plädiert, die Schotten dicht zu machen, leidet unter einer Wahrnehmungsstörung. Denn heutzutage in einem sicheren und reichen Land wie Deutschland zu leben, ist ein Privileg, keine Leistung. Wir haben nichts dafür getan, hier geboren zu sein. Wir haben einfach Glück gehabt – andere nicht. Und diesen anderen wollen wir nun vorwerfen, dass sie an unserem Glück partizipieren wollen, maßen uns an, zu beurteilen, ob die Situation in ihrem Heimatland erträglich ist, werfen ihnen Schmarotzertum vor? Wir stiefeln mit unserer Spiegelreflexkamera durch die Slums von Kapstadt, reisen als Katastrophentouristen nach Sri Lanka und für den besonderen Kick nach Kabul. Aber wenn die Not vor unserer eigenen Haustür ankommt, schlagen wir sie zu?

Auch wenn die Zahlen Angst machen: es sind die Schicksale, die bewegen. Bilder eines weinenden Vaters, der sein erschöpftes Kind an Land trägt; der leblose Körper des kleinen Aylan Kurdi am Strand von Bodrum. Aus ökonomischer Sicht spricht kurzfristig betrachtet vieles gegen die Aufnahme von Zigtausenden von Flüchtlingen. Aus menschlicher Sicht spricht alles dafür. Menschlichkeit lässt sich nicht in Geld aufwiegen und nur wenn wir aufhören, alles als Leistung und in Euro zu verbuchen, können wir helfen. Insofern ist ein Plädoyer für die Flüchtlingshilfe auch ein Plädoyer dafür, sich auf das eigene Menschsein zurückzubesinnen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ska Keller, Alice Weidel, Vera Lengsfeld.

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