Wenn der Leichnam serviert wird

von Plutarch (Philosoph)10.11.2014Gesellschaft & Kultur

Von Schlamm und Baumrinde mussten sich die ersten Menschen ernähren, wer hätte ihnen da ein saftiges Steak missgönnt? Doch spätestens seit Erfindung des Ackerbaus gehört totes Tier nicht mehr auf den Teller, findet der antike Philosoph Plutarch.

Du fragst mich, aus welchem Grund wohl Pythagoras sich des Fleischessens enthalten habe: ich für meine Person aber wundere mich, welche Leidenschaft, welche Stimmung der Seele oder welcher Grund nun zuerst den Menschen mag verleitet haben, Blut mit dem Munde zu berühren und das Fleisch eines toten Tieres an seine Lippen zu bringen; wie er nur darauf verfallen ist, Leichname und Schattenbilder als Zukost oder als Speise auf den Tisch zu setzen und Glieder, die kurz vorher noch brüllten, schrieen, sich bewegten und sahen, zu verzehren; wie das Auge es nur aushielt, das arme Tier schlachten, abziehen und zerstückeln zu sehen; wie die Nase den üblen Geruch davon vertragen konnten, und wie es dem Gaumen nicht von der Verunreinigung ekelte, fremde Geschwüre zu berühren und den Eiter von tödlichen Wunden anzunehmen. Wenn dort gesagt wird:

bq. Ringsum kochten die Häute, es brüllte
das Fleisch an den Spiessen
Rohes zugleich und gebratenes und laut
wie Rindergebrüll schellt es

so ist das weiter nichts als eine Fabel und Erdichtung. Aber das muss doch wahrlich ein abenteuerliches Gastmahl gewesen sein, da man nach Tieren, die noch brüllten, Hunger hatte, da man lehrte, welche noch lebende und schreiende Tiere sich zur Nahrung brauchen ließen, und anordnete, wie sie zugerichtet, gebraten und aufgetragen werden sollten. Nach demjenigen muss man also fragen, der das zuerst angefangen, nicht nach dem, der es nochmals wieder unterlassen hat.

Es lässt sich allerdings annehmen, dass die Menschen, die es zuerst gewagt haben, Fleisch zu essen, durch Mangel und Not dazu bewogen worden sind. Denn diese waren noch nicht so sehr von unerlaubten Begierden beherrscht, sie lebten auch nicht in einem solchen Überflusse aller Notwendigkeiten, dass sie aus bloßem Übermute auf jene seltsame und unnatürliche Lüsternheit verfallen wären; nein, sie könnten, wenn sie in der jetzigen Lage der Dinge Empfindung und Sprache bekämen, uns füglich zu rufen: O ihr seligen, beglückten Menschen, ihr Günstlinge der Götter! In welchem glücklichen Zeitalter seid ihr geboren! Welches Überflusses an allen Arten von Gütern habt ihr zu genießen! Wie vielerlei wächst euch! Wie vieles sammelt ihr ein! Welchen Reichtum könnt ihr von den Fluren, welche Wonne von den Pflanzen ernten! Euch ist es vergönnt, ohne einige Befleckung euch gütlich zu tun, aber unser Leben fiel gerade in die traurige und schreckliche Zeit, wo wir der noch neuen Schöpfung wegen mit dem äußersten Mangel und Elend zu kämpfen hatten. (…)

Welche Raserei treibt euch zu Mordsucht?

Was ist also Wunder, wenn wir uns der Natur zuwider des Fleisches der Tiere bedienten, da man sogar Schlamm fraß und Baumrinden zernagte, da es ein großes Glück war, grünes Gras oder eine saftige Wurzel zu finden? Menschen, die Eicheln gekostet und gegessen hatten, tanzten vor Freude um die Eiche oder Buche herum und nannten den Baum eine belebende Mutter, eine Ernährerin. Dies war das einzige Fest, welches die Menschen in jenen Zeiten kannten; alles übrige war voller Unlust, Schmerz und Traurigkeit. Aber welche Wut, welche Raserei treibt denn euch bei dem jetzigen Überfluss an allen Bedürfnissen zur Mordsucht an? (…)

Es ist schon grässlich, die Tafel reicher Leute zu sehen, die von Fleischern und Köchen mit Leichnamen besetzt wird, aber noch mehr Abscheu erregt es, wenn man die Tafel wieder abgetragen sieht. Denn es bleibt immer mehr übrig, als gegessen worden, und so haben diese Tiere vergebens den Tod erlitten. Ja es gibt sogar manche, die das aufgetragene Fleisch schonen und es weder anschneiden noch zerstückeln lassen, aber der lebenden Tiere wollten sie nicht schonen.

Die Natur untersagt uns das Fleischessen

Lass uns nun die Ausflucht betrachten, deren sich, wie wir hören, jene Leute bedienen, dass der Mensch von der Natur selbst zum Fleischessen bestimmt sei. Dass der Genuss des Fleisches dem Menschen nicht natürlich ist, erhellt fürs erste aus der Einrichtung und dem Baue seines Körpers. Denn der Leib des Menschen hat mit denen, die zum Fleischessen bestimmt sind, nicht die geringste Ähnlichkeit. Er ist nicht mit gebogenem Schnabel, nicht mit scharfen Krallen und spitzigen Zähnen, nicht mit der Starke des Magens und der Wärme der Lebensgeister versehen, welche die schweren Fleischspeisen kochen und verdauen kann. Die Glatte der Zähne, die Kleinheit des Mundes, die Weichheit der Zunge und die Schwäche der Verdauungskraft beweiset hinlänglich, dass die Natur gleich anfangs uns das Fleischessen untersagt hat.

Bestehst du gleichwohl darauf, dass du zu solchen Speisen geschaffen seist, gut, so töte du erst selbst, was du essen willst, aber durch dich selbst, ohne ein Schlachtmesser, eine Keule oder ein Beil zu brauchen, so wie Wölfe, Bären und Löwen die Tiere töten, die sie verzehren. Erwürge doch einen Stier durch den Biss oder zerreiß ein Schwein, ein Lamm, einen Hasen mit dem Rachen, und verzehre, wie jene, deine Beute noch halb lebend. Wartest du aber, bis das Tier, das du essen willst, zum Aas geworden, scheuest du dich, die noch im Fleische steckende Seele herauszujagen, warum issest du denn der Natur zuwider, was ein Seele hat? (…)

Das Fleischessen ist aber nicht bloß der Natur unsers Körpers zuwider, nein es pflegt auch die Seele durch Überladung und Sättigkeit dumm zu machen. Durch Wein und reichlichen Genuss des Fleisches wird zwar der Körper stark und robust, allein die Seele wird ihrer Kräfte beraubt (…)

_Textauszug aus dem Essay „Über das Fleischessen“_

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