Vom falschen Honig genascht

von Platon (Philosoph)19.08.2014Gesellschaft & Kultur

Hätte Platon recht gehabt, würden Sie diesen Text nicht lesen. Sein fiktiver Dialog zwischen Sokrates und Glaukon ist ein Brandbrief an seine griechischen Zeitgenossen: Mit dieser Jugend kann es keine Zukunft geben.

Wenn ein junger Mensch, geistig verwahrlost und spärlich erzogen, einmal von dem Honig der Bienen gekostet hat und mit wilden Bekannten in Gesellschaft gerät, die Vergnügen aller Art und mit der größten Mannigfaltigkeit und Abwechslung meisterlich zu verschaffen wissen, so glaube, dass für ihn hier der Anfang ist, den oligarchischen Zustand seines Inneren in einen demokratischen zu verwandeln.

*Ja, sehr notwendig, sagte er. […]*
Manchmal aber, glaube ich, weicht dann die demokratische Begierde der oligarchischen, und einige der demokratischen Begierden werden teils abgetötet, teils verbannt und er kehrt wieder zur Ordnung zurück.
*Ja, sagte er, das ist bisweilen der Fall.*
Dann werden aber, glaube ich, wiederum andere demokratische Begierden nachwachsen und infolge der Unwissenheit des Vaters für Erziehungsfragen zahlreich und gewaltig stark werden.
*So geschieht es oftmals, sagte er.*
Diese ziehen den Sohn dann wieder zu dem alten Umgang und vermehren sich hinter dem Rücken des Vaters.
*Sicherlich.*
Endlich nehmen sie dann wohl die Hauptfestung in der Seele des Jünglings ein, wenn sie merken, dass diese entblößt ist von Geisteswaffen, von wissenschaftlichen Beschäftigungen und von wissenschaftlich befestigten alten Grundsätzen, die bekanntlich ja die besten Beschützer und Aufseher in den Seelen gottgeliebter Menschen sind.

*Ja, sicherlich, sagte er.*
Statt deren nehmen dann offenbar falsche und neumodische Grundsätze und Meinungen durch einen Sturmlauf von demselben Platze bei einem solchen Menschen Besitz.
*Jawohl, meinte er.*
Begibt er sich nun nicht wiederum zu jenen Lotterbuben? Und wenn seine Verwandten auf ihn einzuwirken versuchten – würden da nicht jene neumodischen Grundsätze die Tore an der Hauptfestung verschließen, weder das Hilfsheer selbst einlassen noch belehrende Gesandtschaften von selten einzelner älterer Männer, und also im Kampfe den Sieg davontragen? Würde nicht Besonnenheit als Unmännlichkeit verbannt werden? […]
*Jawohl.*
Haben aber diese Lügen- und neumodischen Grundsätze die Seele des Jünglings eingenommen und von Tugenden geleert und gesäubert, da führen sie hierauf dann ausgelassenen Frevelmut, Zügellosigkeit, Liederlichkeit und Schamlosigkeit. Frevelmut heißt „vornehme Erziehung“, Zügellosigkeit ein „freies Leben“, Liederlichkeit „noble Manier“, Schamlosigkeit „männliche Bravour“. Ist das nicht ein Zeichen, dass der Jüngling die Grundsätze seiner Erziehung abgelegt hat?

*Ja, sagte er, und zwar sehr anschaulich.*
Das Leben eines solchen Menschen ist so beschaffen, dass er Geld, Mühe und Zeit nicht nur für notwendige sondern auch für unnütze Vergnügen verwendet; doch wenn er nicht über alle Schranken hinaus tollt und etwas in die Jahre kommt und sich der jugendliche Taumel verläuft, dann wird er einen Teil der verbannten Grundsätze wieder aufnehmen und in einem Zustand der Ausgeglichenheit leben. Er wird sich dem einen Vergnügen hingeben, aber nicht grenzenlos, sondern er wird es gegen ein anderes balancieren und von keinen zu viel genießen.
*Ja, ganz richtig. […]*
Er lebt also von einem Tag auf den anderen: Heute berauscht er sich und ergötzt sich am Flötenspiel, morgen trinkt er Wasser und hungert sich ab, dann wiederum quält er sich mit gymnastischen Übungen, oder er faulenzt und vernachlässigt alle Geschäfte. Erst tut er, als beschäftige er sich mit der Wissenschaft, dann treibt er Politik und schwingt spontane Reden. Wenn er eifersüchtig auf den Ruhm der Krieger wird, so stürzt er sich auch darauf. Wenn er den Geschäftsleuten ihren Gewinn neidet, so versucht er, selbst Geschäfte zu machen. Kurz: Es gibt in seinem Leben weder Ordnung noch Konsequenz. Er nennt es ein freies Leben und treibt es bis zu seinem Ende.
*Ja, sagte er, das ist das Leben des freien Mannes.*
Ich denke, dass der Charakter dieses Menschen sich erst durch die Vielfältigkeit ausdrückt; zweitens, dass genau diese Vielfalt von vielen Männern und Frauen bewundert wird, weil sie eine so reiche Auswahl an Begierden und Grundsätzen in sich vereint.
*Ja, sagte er, das ist sein Hauptcharakter.*
Und demnach sollten wir feststellen können, dass ein solcher Mensch besonders geeignet für die Demokratie ist, die ebenfalls auf der Vielfältigkeit fußt.
*Ja, sagte er.*
Dann sollten wir diesen Menschen also abgrenzen vom allerliebsten Individuum, dem Tyrannen.
*Ja, freilich, sagte er.*
Welches ist denn der Charakter des Tyrannen? Denn wir wissen schließlich, dass die Tyrannei aus der Demokratie hervorgeht und durch ihre Ausartung verursacht wird.
*Ja, gewiss. […]*
Dann ist es also die Unersättlichkeit am Ziel der Demokratie, was dieselbige zugrunde richtet.
*Und was ist denn das Ziel der Demokratie?*
Die Freiheit. Davon wirst du in einem demokratischen Staat immer hören: Die Freiheit ist das allerschönste Gute in der Demokratie.
*Ja freilich, sagte er, das ist oft zu hören.*
Aber ist hiernach nicht anzunehmen, dass der ewige Hunger nach Freiheit auch diese Verfassung umwandelt und in die Lage versetzt, dass sie eines Tyrannen bedürftig wird?
*Wie soll das kommen?*
Wenn eine nach Freiheit durstende Demokratie einen schlechten Wein eingeschenkt bekommt und sich über Gebühr an der Freiheit berauscht, so pflegt sie bekanntlich ihre Regierenden, wenn diese nicht unbegrenzt Freiheit auszuschenken bereit sind, als Verräter zu beschuldigen und zu bestrafen.
*Ja, sagte er, so machen sie’s.*
Und diejenigen, die der Obrigkeit die Treue halten, werden mit Füßen getreten. Die Beamten dagegen, die sich als Untergebene gebärden, und die Untergebenen, die sich als Beamten darstellen, die werden gelobt. Ist es in einem solchen Staat nicht eine Notwendigkeit, dass Freiheit zum Schwindel wird?
*Allerdings.*
Sogar ins Familienleben dringt dieser Schwindel vor, und selbst das Vieh gibt sich zügellos.
*Was soll das heißen?*
Wenn beispielsweise ein Vater sich gewöhnt, einen Buben vorzustellen, und sich vor seinen Söhnen fürchtet, wenn dagegen ein Sohn den Vater spielt und weder Scham noch Furcht vor seinen Eltern hat, wenn der Zugezogene sich auf eine Stufe mit dem Alteingesessenen stellt und dieser es zulässt.
*Ja, so geht es.*
Und es bleibt nicht allein bei diesen Freiheitserscheinungen, sondern es ereignen sich auch noch andere Kleinigkeiten folgender Art: Der Lehrer fürchtet und hätschelt seine Schüler, die Schüler fahren den Lehrern über die Nase und so auch ihren Erziehern. Und überhaupt spielen die jungen Leute die Rolle der alten und wetteifern mit ihnen in Wort und Tat, während Männer mit grauen Köpfen sich in die Gesellschaft der jungen Burschen herbeilassen, darin von Possen und Späßen überfließen, ähnlich den Jungen, damit sie nur ja nicht als ernste Murrköpfe, nicht als strenge Gebieter erscheinen.
*Ja, allerdings, sagte er.*

_Textauszug aus dem achten Buch von Platons „Der Staat“_

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