Ein Schwätzchen an der Borgo Pio

Pius Segmüller14.02.2013Gesellschaft & Kultur

Pius Segmüller war Kommandant der Schweizergarde. Er erinnert sich an einen scheuen Papst, der die Macht nicht suchte.

Der Rücktritt von Benedikt XVI. überraschte mich sehr, obwohl er bereits in einem Interview 2010 sagte, dass ein Papst, der körperlich, geistig oder psychisch nicht mehr in der Lage ist, das Amt vollumfänglich auszuüben, zurücktreten dürfe. Das hat Benedikt XVI. konsequent umgesetzt und sendet damit ein Zeichen für zukünftige Päpste. Ratzinger bestätigt mit seinem Rücktritt aber auch die Vermutung, dass er im Jahr 2005 nur widerwillig das hohe Amt angenommen hat.

Ich habe Papst Benedikt XVI. als Präfekten der Glaubenskongregation in meiner Aufgabe als Kommandant der päpstlichen Garde kennen- und schätzen gelernt. Er ist eine herzliche und sehr interessierte Persönlichkeit ohne jeglichen Standesdünkel. Er ließ sich als Kardinal von einfachen Leuten an der Borgo Pio, einer Quartierstraße vor dem Vatikan, gerne ansprechen und hatte für Menschen mit großen und kleinen Sorgen ein offenes Ohr. In diesem Sinne ist er ein wahrer Seelsorger geblieben.

Lautes Gegröle, doch der Papst lacht

Seine Sorgen um den Glauben erkennt man in seinen großen Interviews und Schriften. Es ist auch bezeichnend für ihn als Theologieprofessor, dass er den Glauben zusammen mit der Vernunft wirken lässt. Ein Anliegen ist ihm, dass der Glaube wieder konsequenter gelebt wird. Deshalb fördert er vor allem im Westen eine Neuevangelisierung. Ich habe den damaligen Kardinal Ratzinger erlebt, wie er dieses Verständnis selbst gelebt hat: Vor jeder Papstmesse hat er eine halbe Stunde, ganz in sich gekehrt, gebetet, während andere Prälaten diese Zeit nutzen, um zu diskutieren.

Sein Verhältnis zum Vorgängerpapst Johannes Paul II. war herzlich und sehr loyal. Auch angreifbare Verlautbarungen des Präfekten der Glaubenskongregation ließ der polnische Papst durchgehen. Dies trug unter anderem dazu bei, dass er als erzkonservativer Katholik bezeichnet wurde. Ich teile die Meinung des Journalisten, der schrieb, dass Johannes Paul II. das Gefäß, also die Form des Glaubens, für die Kirche bereitstellte und Benedikt XVI. es mit Inhalt füllte. Seine Bücher, Predigten und Ansprachen zeugen davon. Es ist überraschend, wie gut leserlich seine Schriften für Nicht-Studierte sind.

Ich persönlich lernte den Papst als glaubensfesten Menschen mit einer stabilen Wertvorstellung kennen. Auch Unregelmäßigkeiten werfen ihn nicht aus der Bahn. Als Kardinal hatte er seine Wohnung gleich gegenüber dem Gardequartier und musste lautes Gegröle und moderne Musik der jungen Gardisten ertragen. Darauf angesprochen meinte er großzügig lachend, dass dies doch normal sei für Soldaten, die im strengen Dienste stehen.

Im Jahr 2006 feierte die Schweizergarde ihr 500-jähriges Bestehen mit einem festlichen Gottesdienst. 75 Ex-Gardisten, die von der Schweiz anlässlich dieses Jubiläums nach Rom marschiert sind, wurden vom Kardinal nach dem Gottesdienst herzlich empfangen. Er wollte von mir alle Details des Großunternehmens erfahren; von der Vorbereitung bis zur Organisation der Logistik und bat mich, alle Marschierenden herzlich zu grüßen und ihnen seine Hochachtung zu überbringen.

Der Papst ist kein Manager

Benedikt XVI. ist ein scheuer Mensch, der das Bad in der Masse – anders als sein Vorgänger – nicht brauchte. Man erkennt darin, dass er die Macht nicht suchte. Zu Beginn seiner Amtstätigkeit sagte er: „Der Papst ist kein Orakel und nur in den seltensten Fällen unfehlbar. Seine Weltdeutung kommt aus dem Glauben.“ Der Papst äußerte häufig die Sorge, dass mit dem Verblassen des Glaubens in der westlichen Welt die moralische Grundlage der Gesellschaft schwindet. Der Papst ist kein Manager. Obwohl er die Kurie sehr gut kennt, ist er keine Kurienreform angegangen; er war nicht der Typ dazu. Es wird die Aufgabe seines Nachfolgers sein, dass die Kirche eine stärkere regionale Prägung erhält. Professor Jan-Heiner Tück sagte dazu in der „Neuen Zürcher Zeitung“: „Katholische Weite, die mit der Einheit zugleich die Vielfalt fördert, dürfte dabei eine gute Richtschnur sein.“

Papst Benedikt XVI. wird in die Geschichte eingehen, weil er sich der ursprünglichen Aufgabe der Kirche gewidmet hat: Den Menschen Gott näher bringen und auf die Gefahren des Materialismus aufmerksam machen. Er ist wahrhaftig und deshalb kann er die Leute, die ihm zuhören oder seine Schriften lesen, auch überzeugen. Ich bin mir sicher, dass wir das Werk von Papst Benedikt XVI. erst mit einer zeitlichen Distanz und im Verhältnis zu seinem Vorgänger und Nachfolger beurteilen können.

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