Das Schloss hat keine Geste der Öffnung

Philipp Oswalt11.11.2009Gesellschaft & Kultur, Politik

Aus einem Unbehagen an zeitgenössischer Architektur ist vielerorts die Rekonstruktion von wichtigen historischen Bauten und Ensembles populär geworden. Durch den Wiederaufbau historischer Strukturen sollen die städtebaulichen Wunden geheilt werden. Eine fragwürdige Behauptung.

Der beabsichtigte Bau des Humboldt-Forums nach den Plänen Francesco Stellas stellt keineswegs eine städtebaulich gelungene Lösung dar. Am gravierendsten ist, dass sich das Gebäude vom öffentlichen Raum abwendet. In seiner ursprünglichen Funktion als Herrschersitz war das Schloss nicht primär Ort für eine urbane Öffentlichkeit. Und so beginnen die Fensteröffnungen der rekonstruierten Fassaden erst weit über Augenhöhe. Nicht umsonst empfand der Architekturhistoriker Julius Posener den historischen Bau, den er noch erlebt hatte, als einem kalten, abweisenden Klotz. Und wie bei einem Shoppingcenter lässt sich das introvertierte Gebäude nur von den Portalen her betreten. Doch das ist noch nicht alles. Denn wenn man eingetreten ist, umgeben ein bei Stellas Entwurf zunächst fast ausschließlich nicht zugängliche Räume für Lager, Facility Management oder Büros. Es ist so absurd, dass man es für ein Versehen halten würde, wenn man nicht wüsste, dass auch im historischen Schloss das Erdgeschoss von den ganzen Serviceeinrichtungen und Nebenfunktionen eingenommen wurde, über denen dann königlich residiert wurde.

Keine Verknüpfung von Gebäude und Stadtraum

Eine solche elitäre Abschottung ist für einen Königshof eine angebrachte Geste, für ein öffentliches Kulturgebäude mit Zehntausenden Besuchern täglich jedoch hinderlich. Will der Gast eine Veranstaltung besuchen oder essen gehen, so muss er hinab in den Keller steigen. Wenn er das programmatische Herzstück des Humboldt-Forums, die außereuropäischen Sammlungen, aufsuchen will, so muss er über lange Treppen zu Fuß 14 Meter nach oben steigen. Eine Rolltreppe gibt es nicht, und die wenigen kleinen Aufzüge werden die gewünschten Besuchermassen nicht befördern können.
 Was das Schloss also nicht hat, ist eine Geste der Öffnung, die Verknüpfung von Gebäude mit dem Stadtraum. Das grandiose Alte Museum von Schinkel auf der anderen Seite des Lustgartens zeigt, was hier fehlt: Die Loggia mit der großen Freitreppe ist ein städtischer Ort par excellence.

Eine stadträumliche Umdeutung

Stella geht den umgekehrten Weg: Nach Osten, wo man ohne Mühe und ohne Änderung der historischen Vorgaben das Gebäude hätte öffnen können, schließt er es mit einer Brandwand hermetisch ab, vor die er eine isolierte “Loggia” stellt, die merkliche Ähnlichkeiten mit seinem Parkhausentwurf für den Lützowplatz von 1981 aufweist. Während dieses Problem der Entkoppelung des Gebäudes vom umgehenden Stadtraum einer Verschärfung der historischen Gegebenheiten geschuldet ist, erfährt der Schlossbaukörper bei dem Entwurf von Stella wie bei den meisten anderen Wettbewerbsentwürfen eine stadträumliche Umdeutung, welche die historische Situation in ihr Gegenteil verwandelt. Anders als bei den prototypischen Barockschlössern – zum Beispiel Karlsruhe – war das Berliner Schloss eben kein frei stehendes Monument, auf das die städtischen Wege- und Blickachsen fokussiert waren. Der Baukörper war durch eine Reihe von angrenzenden Bauten mit der Stadt verwoben: durch den alten Dom im Süden, die Bebauung der Schlossfreiheit im Westen und den Apothekerflügel im Norden. Damit wurde der umgebende Stadtraum in eine artikulierte Raumfolge gegliedert. Doch damit ist jetzt Schluss. Stella stellt den Schlossbaukörper frei, macht ihn zu einem idealisierten, solitären Monument, welches nur auf sich selbst bezogen ohne Halt in einem großen Freiraum steht.

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