Meine Hütte, mein Boot, meine Rikscha

von Philipp Jarke24.09.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft

Für ein paar Cent verkauft die Allianz in Südostasien Mikroversicherungen an die Ärmsten der Armen. Und verdient damit sogar noch Geld.

Nachdem der erste Schock über die Tsunamikatastrophe Ende 2004 gewichen war, ließen sich die Manager der Allianz die Schadensbilanzen aus den betroffenen Ländern vorlegen. Das Ergebnis: Die Allianz hatte praktisch keine finanziellen Belastungen. “Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen”, sagt Michael Anthony vom Strategieteam für nachhaltige Entwicklung der Allianz: “Die größte Naturkatastrophe des Jahrhunderts geht an einem der größten Versicherer spurlos vorüber.” Die Allianz stand vor einem geradezu peinlichen Strukturproblem. Sie hatte offenbar kein Produkt im Angebot, das die armen Bevölkerungsgruppen Südasiens, die von dem Tsunami am stärksten betroffen waren, absichern konnte. Das ist umso erstaunlicher, da schon seit etlichen Jahren Mikroversicherungen auf dem Mark sind, die sich selbst die Ärmsten der Armen leisten können. Allein in Indien haben etwa 30 bis 40 Millionen Menschen Verträge abgeschlossen, deren Monatsbeiträge zwischen 10 und 50 Cent liegen. Doch sie tun dies nicht immer freiwillig.

Kleine Police, große Wirkung

“Die meisten Mikroversicherungspolicen sind an Mikrokredite gekoppelt und sind vor allem eine Absicherung des Gläubigers”, sagt Ralf Radermacher, Leiter der Abteilung Forschung und Training an der gemeinnützigen Micro Insurance Academy in Neu-Delhi. Falls der Schuldner stirbt, bekommt die Mikrofinanzinstitution dank der Lebensversicherung ihr Geld zurück. “‘Insurance is sold, not bought’, sagt man in der Versicherungsindustrie”, kritisiert Radermacher. “Das ist nicht unbedingt der intelligenteste und nachhaltigste Weg, den Markt zu erschließen.” Zwar ermöglichen solche Kreditlebensversicherungen armen Menschen, sich trotz fehlender Sicherheiten bei seriösen Quellen Geld zu leihen. Aber sie befriedigen nicht ihre persönlichen Sicherheitsbedürfnisse. Sie bieten keinen Schutz bei Krankheit oder Schäden an Haus und Hof durch Naturgewalten. Um das zu ändern, tat sich die Allianz mit der Hilfsorganisation Care International zusammen. Care befragte Hunderte Haushalte in Südindien und fand heraus, dass den Menschen ihre Gesundheit und die Ausbildung ihrer Kinder besonders wichtig sind. Daraufhin entwickelte die Allianz neuartige Mikro-Policen, die diese Bedürfnisse berücksichtigen. In einem Pilotprojekt rund um den südindischen Ort Colachel können die Dorfbewohner seit gut einem Jahr eine genossenschaftliche Krankenversicherung abschließen. Die Police deckt nicht nur Krankenhausaufenthalte, sondern auch Arztkosten und Medikamente bis zu einer Höhe von umgerechnet 150 Euro jährlich. Dafür zahlt eine vierköpfige Familie im Jahr sechs Euro. Die Genossenschaft behält zwei Drittel der Prämien und deckt damit alle Kosten bis 75 Euro. Übersteigen die Rechnungen diese Summe, springt die Allianz ein, quasi als Rückversicherer.

380 Euro bei Unfalltod

Die zweite Mikro-Police, die die Allianz mit Care entwickelt hat, ist ein ganzes Versicherungsbündel. Für 1,50 Euro im Jahr erwirbt der Kunde eine Lebens- und Unfallversicherung, die auch Schäden am Haus durch Feuer, Sturm oder Überschwemmung abdeckt und den Kindern im Todesfall der Eltern ein Bildungsstipendium zahlt. Die maximal ausgezahlten Summen betragen 380 Euro bei Unfalltod und je 75 Euro für Flutschäden und Stipendium. 150 000 Menschen haben bisher einen Vertrag abgeschlossen. Doch die Kombiversicherung war offenbar zu erfolgreich – aus Sicht der Versicherten. Gleich im ersten Jahr wurde die südindische Küste von einem Hurrikan verwüstet. Die Schadensmeldungen bei der Allianz schossen in die Höhe. “Wir mussten den Verkauf der Policen im April 2009 aussetzen”, sagt Michael Anthony. Die Wahrscheinlichkeit von Naturkatastrophen sei zu niedrig eingeschätzt worden. Nun sollen die Preise entsprechend angepasst werden. Das macht deutlich: Das Mikroversicherungs-Segment ist für die Allianz keine Benefizveranstaltung. Sie will damit auch Geld verdienen. Gemessen am klassischen Geschäft ist der Umsatz mit etwa 10 Millionen Euro natürlich gering. Doch mithilfe von Mikroversicherungen will die Allianz die Märkte in aufstrebenden Entwicklungs- und Schwellenländern in voller Tiefe erschließen und Kunden langfristig binden. Der Hintergedanke: Gelingt einigen Kunden der nachhaltige Aufstieg, kaufen sie eines Tages auch klassische Policen, deren Margen deutlich höher sind. Mittlerweile hat die Allianz allein in Indien 2,5 Millionen Mikroversicherungskunden. Andere wichtige Märkte sind Indonesien, Ägypten, Kamerun, Senegal und Kolumbien. Das derzeit am schnellsten wachsende Mikroprodukt der Allianz ist eine sparbasierte Lebensversicherung, die der Konzern in Indien zusammen mit einer Mikrofinanzorganisation vertreibt. Die Kunden zahlen monatlich eine Prämie, im Todesfall erhalten die Angehörigen wie gewöhnlich die Versicherungssumme ausbezahlt. Passiert dem Versicherten jedoch fünf Jahre lang nichts, werden die kompletten Prämien ausgezahlt. Plus Zinsen. “Das ist für die Menschen in Indien sehr attraktiv, weil sie gerne sparen möchten, aber kaum Gelegenheit dazu haben”, sagt Anthony. Denn Banken sind an den Minisummen kaum interessiert. Das Mikroversicherungsgeschäft gleicht einem Spagat: “Wir wollen langfristig profitabel sein und gleichzeitig einen hohen sozialen Wert schaffen”, sagt Anthony. Bislang geht die Rechnung offenbar auf: “Die Marge ist zwar niedrig, aber unter dem Strich stand im vergangenen Jahr ein leichtes Plus.” Trotz oder gerade wegen des Hurrikans in Indien.

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