Weniger besitzen, mehr haben

von Philipp Gloeckler18.05.2014Wirtschaft

In Zukunft werden wir keine Güter mehr kaufen, sondern das Recht, sie zu nutzen. Auch wenn wir Klopapier niemals teilen werden, ist die Revolution nicht mehr zu stoppen.

Die meisten Verbraucher, über Jahrzehnte an das Diktum des stetigen Wachstums gewöhnt, kennen in ihrem Konsumverhalten keine Alternative zum Besitz. Ein Arbeitsweg muss zurückgelegt werden? Es wird ein Auto gekauft. Es muss eine maschinelle Arbeit im Haushalt erledigt werden? Im Baumarkt gibt es das passende Elektrowerkzeug zum Spottpreis. Etwas vom Gekauften geht zu Bruch? Neu, neu, neu.

Das Internet bietet die entsprechenden Möglichkeiten zum Preisvergleich, und schon kurz nach dem Klick beginnt der Versand von Waren, die häufig von minderer Qualität sind und so selten genutzt werden, dass sie im Regal verstauben. Das ist nicht nur ressourcenaufwendig, sondern auch teuer für den Käufer. Mein Lieblingsbeispiel ist die Bohrmaschine. Laut Wirtschaftsmagazin „Brand Eins“ läuft die durchschnittliche Bohrmaschine in ihrem gesamten Produktleben im Durchschnitt 13 Minuten. Dennoch steht sie auf dem Wunschzettel vieler junger Menschen, die in ihre erste eigene Wohnung einziehen.

Wäre es nicht besser, wenn ich, anstatt die Bohrmaschine kaufen zu müssen, lediglich für 13 Minuten Zugriff auf die Bohrmaschine zahlen würde? Produzenten würden dann keine Waren mehr anbieten, sondern Dienstleistungen, zugeschnitten auf die Bedürfnisse des Kunden. Wenn ich einen Weg zurücklegen will, würde ich dann kein Auto mehr kaufen, sondern Mobilität. Anstelle eines Tennisschlägers oder Skiern würde ich sportliche Betätigung kaufen, und anstelle der Bohrmaschine erhielte ich für mein Geld Zugang zu Werkzeug.

Für mich als Kunde, der ein Regal anbringen will, wäre das praktisch und kostensparend. Im großen Rahmen organisiert wäre es revolutionär.

Drei Millionen Menschen teilen ihre Couch

Die Revolution, die unser Verhältnis zum Besitz für immer verändern wird, hat unter dem Kompositum „Shareconomy“ – dem Motto der Cebit 2013 – bereits begonnen. Die Ökonomie des Teilens ist ein globales Erfolgsmodell. Nach Zahlen des Wirtschaftsmagazins „Fast Company“ teilten sich 2012 rund drei Millionen Menschen in 253 Ländern ihre Couch mit anderen, liehen sich 2,2 Millionen Menschen monatlich ein Fahrrad und wurden jährlich rund 1,5 Milliarden Euro in Start-ups investiert, die sich mit der Wirtschaft des Teilens befassen.

Letztere Zahl macht deutlich, dass vor allem die Informationstechnologie Motor dieses Fortschritts ist. Sie ermöglicht die Transparenz der Warenströme auf dem Smartphone oder Computer. Produktionsbedingungen, Preis oder die Qualität von Produkten können jederzeit miteinander verglichen werden. Und auch die Verteilung von Waren und Dienstleistungen wird mittels App intelligent organisiert. Ein gutes Beispiel dafür ist die App von Mytaxi, deren Konzept so überzeugend ist, dass sie mancherorts den Taxizentralen Konkurrenz macht. Oder die von mir und meinem Team entwickelte Smartphone-App Why own it, ein soziales Netzwerk, das dem Nutzer anzeigt, welche Produkte er sich von Freunden oder Menschen in seiner Umgebung ausleihen kann.

Schon heute scannen Konsumenten den Barcode eines Produktes im Elektronikmarkt mit einer App von Amazon, vergleichen den Preis und kaufen das Produkt dann häufig bei Amazon, weil es günstiger ist. In Zukunft werden Konsumenten in ein Geschäft gehen, den Barcode eines Produkts scannen und mittels „Why own it“ erfahren, wer in der Nachbarschaft das Produkt besitzt und verleiht.

Diese Beispiele machen aber auch deutlich, dass das gemeinschaftlich organisierte Teilen Grenzen hat. Um den Dystopien einiger Ökonomen zuvor zu kommen: Das Teilen wird den Kauf von Dingen nie ganz ersetzen. Wer mit dem erhobenen Zeigefinger gegen die Sharing Economy predigt und vermeintlich wirtschaftsschädigende (gemeint sind immer „wachstumsschädigende“) Konsequenzen anprangert, hat die Ökonomie des Teilens missverstanden.

Natürlich wollen Verbraucher Artikel des täglichen Gebrauchs wie Lebensmittel oder Hygieneartikel nicht mit anderen teilen. Das Auto, mit dem sie selbst zur Arbeit fahren, können sie aus offensichtlichen Gründen nicht verleihen. Auch Dinge, zu denen man eine emotionale Beziehung aufbaut, wie Fotokameras oder Sportgeräte, sind zwar verleihbar, werden aber auch weiterhin gekauft werden, genauso wie Informationselektronik – den ersten Cloud-Lösungen zum Trotz.

Wir besitzen durchschnittlich 10.000 Dinge

Im großen Stil verliehen wird, was einen geldwerten Vorteil bringt. Welche Möglichkeiten die Wirtschaft des Teilens in Zukunft noch eröffnen wird, kann man nur erahnen. So schafft das weltweit erfolgreiche Carsharing, in das einige große Automobilkonzerne erfolgreich investiert haben, beispielsweise ein Bewusstsein für Peer-to-Peer-Lösungen wie Fahrgemeinschaften oder Carsharingmodelle unter Nachbarn. Beispiele wie AirBnB, eine Internetplattform, auf der Nutzer ihre private Wohnung vermieten können, zeigen, dass es auch ein Nebeneinander von privaten und kommerziellen Nutzern geben kann, bei der die eine Seite das fehlende Angebot der anderen Seite komplettiert. Intelligent eingesetzt zerstören die Konzepte der Sharing Economy nicht die Wirtschaft, sondern erschaffen neue Märkte, auf denen ressourcenschonender gewirtschaftet werden kann – und das ist dringend nötig.

Laut einer EU-Statistik besitzt der Durchschnittseuropäer heute noch 10.000 Dinge. Der verbesserte Zugang zu Produkten und neue gemeinschaftliche Nutzungskonzepte werden diese Zahl zwangsläufig sinken lassen. Damit geht von dem Sharing-Economy-Gedanken auch ein Auftrag an die Politik aus, den Trend ernstzunehmen und Konzepte abseits des ressourcenfressenden Dauerwachstums zu suchen. Das würde nicht nur die Umwelt schonen, weil weniger Waren produziert werden. Die entmenschlichte elektronische Warenwelt würde auch wieder in die Lebenswirklichkeit zurückgeholt werden, wenn ich mir die Bohrmaschine des Nachbarn leihe und einfach mal wieder „Hallo“ sage.

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