Falsche Schuldzuweisungen

Philip Stein7.01.2015Politik

Nach den schrecklichen Anschlägen von Paris ist jetzt schon abzusehen, wer dafür verantwortlich gemacht wird: Pegida.

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Worte, die mit Wut im Bauch zu Zeilen werden, zeugen oft von Wahrheit. Sie sind hart, emotionsgeladen, hier und dort auch überspitzt. Doch sie sind ehrlich. Gerade ist ein solcher Moment. Es ist erst wenige Stunden her, dass drei unbekannte Täter eine widerliche, barbarische Tat in den Redaktionsräumen des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“ begangen haben. Bewaffnet mit Schnellfeuerwaffen dringen die Täter in die Räumlichkeiten der Redaktion ein, eröffnen das Feuer auf die dortigen Mitarbeiter und töten mindestens elf Personen auf hinterhältigste Art und Weise. Später fällt ihnen auch ein Polizist zum Opfer. Ein im Internet kursierendes Video zeigt gar, wie ein angeschossener Polizist sprichwörtlich im Vorbeigehen durch einen gezielten Kopfschuss kaltblütig hingerichtet wird. Es sind barbarische Szenen, die Frankreich, ja ganz Europa zu erdulden hat. Seither sind die Täter auf der Flucht. In Paris wurde die höchste Terrorwarnstufe ausgerufen. Derzeit überschlagen sich die Ereignisse. Zahlreiche Analysen werden folgen. Doch bereits jetzt ist klar: Europa steht vor einem Scherbenhaufen.

Was folgen wird, ist abzusehen

Was trotz, und gerade wegen dieser barbarischen Tat nicht verschwiegen werden kann und darf, ist der Hintergrund der Täter. Pierre de Cossete, ein französischer Journalist von Europe1 News, berichtete bereits kurz nach der Tat: „Es wurden mehrere Männer in schwarzen Anoraks gehört, die schrien: „Der Prophet wurde gerächt.“ Unwahrscheinlich kommt diese Aussage nicht daher, denn das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ veröffentlichte in der Vergangenheit mehrfach Karikaturen des muslimischen Propheten Mohammed. Und tatsächlich sind mehrere bekannte Karikaturisten unter den Opfern. Verschiedene Zeugen berichten übereinstimmend, die Täter hätten „Allahu Akbar“ und „Der Islamische Staat wird bestehen“ gerufen. Auch wenn die Täter selbstverständlich nicht stellvertretend für ihre Religion, den Islam, stehen, ist ein religiöser Hintergrund kaum zu leugnen. Laut Terrorexperten trägt das Attentat eindeutig die Handschrift von Islamisten. Vermutlich sogar Rückkehrer des IS aus Syrien oder dem Irak.

Was in den deutschen Medien folgen wird, ist abzusehen. Neben übereinstimmenden, völlig gerechtfertigten Solidaritätsbekundungen, werden nicht jene verantwortlich gemacht, die wirklich die Schuld an diesem Massaker tragen. Vielmehr wird jener barbarische Anschlag genutzt werden, um zu mehr Toleranz und Verständnis gegenüber Migranten, der deutschen Asylpolitik und fremden Religionen aufzurufen. Und wer hätte es gedacht? Die eigentlich Verantwortlichen sind schnell gefunden. Einige deutsche Journalisten verglichen die Attentäter bereits mit der Dresdner Protestbewegung PEGIDA. So “twitterte etwa Hans Hütt”:https://twitter.com/HansHuett/status/552811676580708352, freier Autor der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sowie der taz, ganz selbstverständlich: „So treffen sich Jihadis und PEGIDA in ihrem Hass auf eine freie Presse.“ Auch wenn solche Aussagen an Geschmacklosigkeit kaum zu überbieten sind, werden in den nächsten Tagen weitere folgen.

Die Zeit der Lichterketten ist vorbei

Was dahinter steckt, ist ein perfides System. Die Wut und das Entsetzen über die Taten der Islamisten werden sich am Ende gegen jene richten, die sich ihm jeden Montag entgegenstellen. Denn Bewegungen wie PEGIDA Gehör zu schenken, die angeblich „diffusen Ängste“ der „Wutbürger“ ernstzunehmen, würde bedeuten, die eigenen Fehler einzuräumen. Sowohl auf Seiten der Medien als auch in den Rängen der Politik. So schonungslos es auch klingen mag: Es sind die Fehler der letzten Jahrzehnte, welche in puncto Zuwanderung und Integration gemacht wurden, die solche Taten begünstigen, gar zu verantworten haben.

Doch anstatt jene Themen endlich zu enttabuisieren, sie wirklich ernsthaft und ehrlich zu besprechen, werden schlussendlich wieder jene die Schuld tragen, die „diffuse Ängste“ geschürt haben. Michel Houellebecqs neuer Roman „Unterwerfung“, der die zunehmende Islamisierung Frankreichs thematisiert, wirft einen unheilvoll realistischen Schatten voraus. Doch wie immer wird all das, das Massaker in Paris sowie die zahlreichen, beispiellosen Verbrechen des IS, nichts mit dem Islam zu tun haben. Die Karikaturistin Corine Rey äußerte gegenüber der Wochenzeitung „Humanité“, die Täter hätten „perfektes Französisch“ gesprochen. Viel braucht nicht hinzugefügt werden. Hoffentlich folgt nach der großflächigen Debatte über ein „braunes Deutschland“, die es nach der Mordserie des NSU gab, nun endlich die notwendige, längst überfällige Debatte über den Islam und seine Auswirkungen auf Europa. Wie viele Tote wird es noch brauchen, bis wir endlich wieder Tacheles reden?

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